„Oh je, was ist das denn für eine? Ein Plädoyer für Achtsamkeit und Respekt im Alltag.

Heute Vormittag, im Nahver­kehr­szug nach Basel.

Eine junge Dame steigt ein, so um die zweiundzwanzig, kaum mehr.

Korpulent mit wohligen, aus­landend überquellenden For­men, schwarz gekleidet, ein Rock bis knapp unter die Schamgrenze, Nasen­piercing und STEIFF-Knopf-im-Ohr. [i])

Ein kurzer Blick auf mich, ein nicht unfreundliches Lä­cheln. Dann wieder das be­rühm­te Abtauchen in welches «??Pod/Pad» auch immer.

Der ach so tolerante Herr Lorenz denkt sich: „Oh je, und diese Generation soll ein­mal..?!“

Zeitsprung

Zehn Minuten später: Wir sind im Gespräch, zufällig hi­nein­gerutscht nach der Fahr­scheinkontrolle.

Und siehe da: Sie haßt dieses Nasenpiercing, aber sie hat vor fast einem Jahr eine Wette verloren, das war eben der Einsatz.

Und sie hackt wie verrückt auf ihrem ??POD, weil ihre Oma in Berlin heute ganz früh am Morgen operiert wurde und sie auf dem laufenden sein will, wenn sie aus der Narkose aufwacht.

Und sie ist auf der Fahrt zu einem Vorstellungsgespräch, des­halb diese absolut unmöglichen Klamotten, am liebsten trägt sie Jeans und weite Pullover, aber eben, was sein muß, muß sein.

Ein tolles Gespräch, eine blitzgescheite, hellwache junge Frau, wie sich herausstellt.

Der ich – zumindest in Ge­dan­ken – absolut Unrecht getan hätte mit meiner ersten Einschätzung.

Heinz Z.

Als sie ausstieg, mußte ich an meinen langjährigen Freund Heinz Z. denken: Als ich ihn kennen­lernte – er wurde mir als abso­luter Bauspezialist vorgestellt – trug er das an den Füßen, was in der Schweiz «Zoggeli» ge­nannt wird, eine Art hol­län­discher Holzpantinen.

Darin kam er dann auch zwei Tage später zum Geschäfts­essen und dann wieder zur Sitzung mit Geldgebern und und und…

Ich schämte mich, offen gestanden, ein wenig für ihn, denn immerhin segelte er eine Zeitlang unter unserer Firmen­flagge.

Erst eine Reihe von Auf­trägen später – Heinz hatte sich inzwischen als ein hoch­kom­petenter Pfundskerl und Kol­lege erwiesen – wagte ich ihn darum zu bitten, doch bei der nächsten Sitzung mit dem und dem ein paar ordentliche Schuhe zu tragen – und ICH erlebte mein Waterloo!

Denn: Heinz litt (leidet, denn ich hoffe, er lebt noch) an einer angeborenen Fußkrankheit. Er hatte alle möglichen Schuhe ausprobiert, orthopädische woll­te er nicht tragen, um nicht bemitleidet zu werden.

Bis er eines Tages ent­deckte, daß genau diese «Zoggeli» die idealen Geh­werk­zeuge für ihn waren.

Beschämt

Ich war damals zutiefst beschämt.

Und auch heute, im Zug, war ich das: Was geht denn in uns vor, wenn wir uns fremde Menschen gnadenlos «scan­nen» und glauben, sie dann bereits nach einigen Sekunden genau einordnen zu können?

Was tun wir unseren Mitmen­schen damit an und auch uns selbst, wenn wir glauben, dick ist gleich dumm und klein ist gleich frech und Tatoo ist gleich bildungsfern und kurze schwar­ze Röcke bis zur Schamgrenze sind gleich «Betthupferl» und Rumäne ist gleich ungebildeter Blutsauger und und und…?!

Was tun wir uns und anderen an, wenn wir insgeheim wün­schen: „He, gib doch, Herr, daß sie oder er so ist wie ich!“

Prof. Higgins aus «My fair lady» kommt mir in den Sinn: “Why cant women be like men..?!”

Aber auch Graucho Marx, der selbstkritisch bemerkte: “Also, einem Club, der MICH als Mit­glied aufnehmen würde, möch­te ich nicht angehören..!”

Mein Fazit

Laßt uns einfach anständig miteinander umgehen!

Laßt uns unsere Biographien erfragen, ehrlich neugierig, das, was uns zu dem macht, was wir gerade sind (und dabei vielleicht gar nicht sein wollen).

Laßt uns mit anderen so gnädig umgehen, wie wir das doch – Hand auf´s Herz! – mit uns selber ständig tun (Herr Lorenz zumindest ist ein Künstler darin, ständig hervor­ragende und überaus glaub­würdig klingende Erklärungen für seine oft wirklich ir­ra­tionalen Verhaltensweisen zu erfinden, das, was die Psy­chologen «Rationalisierung» nennen.

Laßt uns die Meßlatte, die wir an die Persönlichkeit unserer Mitmenschen «die da oben» anlegen, auf ein ehrliches, menschliches Maß schrumpfen – nicht an Herrn Lorenz soll der Wert einer oder eines anderen gemessen werden, oder?

Ein Nietzsche-Zitat paßt hier punktgenau:

„Wer etwas Neues wirklich kennenlernen will (sei es ein Mensch, ein Ereignis, ein Buch), der tut gut daran, dieses Neue mit aller möglichen Liebe auszunehmen, von allem, was ihm daran feindlich, anstößig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja, es zu vergessen; so daß man zum Beispiel dem Autor eines Buches den größten Vorsprung gibt und geradezu wie bei einem Wettrennen mit klopfendem Herzen danach begehrt, daß er sein Ziel erreiche. Mit diesem Verfahren dringt man nämlich der neuen Sache bis an ihr Herz, bis an ihren bewegenden Punkt: Und das heißt eben, sie kennenlernen. Ist man soweit, so macht der Verstand hinterher seine Restriktionen; jene Überschätzung, das zeitweilige Aushängen des kritischen Pendels, war eben nur der Kunstgriff, die Seele einer Sache kennenzuler­nen.“ [ii])

Eine Spur mehr Liebe, eine Spur mehr Mut, eine Spur mehr Zuhören, eine Spur mehr „ja, DU, Schwester, Bruder, bist hier unten genauso wertvoll und wichtig wie ich – also erzähl´ mir von dir!“

Zugfahren lohnt sich – in einem dicken Mercedes, alleine auf der Autobahn hätte ich nie von Omas Operation erfahren und warum junge Frauen kurze, schwarze Röcke tragen…


[i]) Jüngere LeserInnen werden sie nicht mehr kennen, die Stofftiere der Firma «Steiff», deren Markenzeichen ebn der berühmte «Knopf im Ohr» war, in den 1960er ein Renner

[ii]) Friedrich Nietzsche, in: Menschliches – Allzumenschliches (Der Mensch mit sich allein)