Bewußtseinsmutationen bei Gesellschaften und Individuen

Wer könnte auf die Frage „Wer bin ich?“ schon antworten: „Immer dieselbe“ oder „immer derselbe“?

Denn es ist, bei genauerem Nachsinnen, schon seltsam zu vermuten, daß mein hic et nunc, mein Hier und Jetzt, tatsächlich dasselbe sein soll wie zum Beispiel jenes, als ich ein fünfjähriger Knirps war.

Aber – was ist am heutigen Herrn Lorenz anders als am damaligen Junior, vom veränderten Äußeren und vom Ablegen von (zumindest nur noch gelegentlich auftretenden) Kindskopfereien abgesehen?

Erwachen

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal scheint eine über­raschende Wachheit zu sein, ein plötzlich aufkeimendes Reflek­tieren, ein Wahrnehmen der Umwelt, das sich deutlich von der des Kleinkindes, ja noch des Pubertierenden unterscheidet.

Beobachten wir an unseren Kindern oder Enkeln diesen überaus spannenden Vorgang der Phase des Übergangs, des Heraus­lösens des Kleinkindes aus der Ichlosigkeit zur erwachenden kleinen Persönlichkeit, erkennen wir ein Muster, das sich sowohl durch die Entwicklung des Indivi­duums als auch, im Makrobereich, durch die gesellschaftliche Ent­wicklung zieht und das wir, in Anlehnung an die genialen Arbeiten Jean Gebsers zu diesem Thema, als Bewußtseins­mutati­onen bezeichnen wollen. [1])

Lassen Sie uns präzisieren, was diese – übrigens im Kindesleben bereits zweite – Mutation [2]) kennzeichnet:

Die für die Umwelt des Kindes wohl am einfachsten wahrzuneh­mende Veränderung liegt in einem zunächst marginal erscheinenden Aspekt: Im Wechsel des Sprach­gebrauchs in Bezug auf das Kind selbst – aus „Hansli Hunger!“ wird, ein vielleicht vorläufig noch gestammeltes „Ich ..Hunger…“.

Diese Entdeckung der eigenen Persönlichkeit, ja, überhaupt erst das Werden einer solchen, stellt einen gewaltigen Schritt im Leben jedes Menschen dar.

Wobei auf die Bedeutung des Wortes Persönlich­keit hinzuweisen ist, das seine Wurzel ja im «per sonare» hat, im «Durchscheinen, Durchklingen».

Die Erziehung, wie wir das nennen, sollte diesen Aspekt, der sich u.a. auch in dem äußert, was wir «Trotzalter» nennen, als Bestätigung des Aufkeimens einer Individualität sehen und es wohlwollend betrachten. Wir sollten diesen Prozeß eher fördern, denn brauchen wir nicht letztlich zukünftig vermehrt Nein-Sager/innen statt Kuschenden?!

Pubertät

Jene Zeit, in der, nach einer ironisch klingenden, aber im Grunde hervorragenden Beobach­tung „…die Eltern schwierig werden“, scheint im Makrobereich der Kulturen jene Periode zu sein, die z.B. Europa (und sein Appendix Nordamerika) in den letzten zweihundertfünfzig Jahren erleben durften.

Denn das Aufbegehren gegen (be)herrschende Zustände, die den eigenen Anforderungen an das Leben, den eigenen Vorstellungen, wie «Welt» funktionieren sollte, entgegensteht, war und ist im Grunde conditio sine qua non jeden Fortschritts, jeder Ent-Wicklung (man beachte die Klarheit dieses Wortes!)

Gebser weist in diesem Zusam­menhang auf den stolzen Ausruf des Odysseus hin, den er den Phaiaken entgegenschleudert: „Ich bin Odysseus (…)!“ – eine selbstbewußte Ichheit, die im individuellen Leben ihre Parallele im Stadium der Pubertät findet, in der damaligen Welt, dem damals herrschenden Bewußtseinszustand eine Ungeheuerlichkeit bedeutet und für das Erwachen des Mentalen steht, dem wir letztlich unser aktuelles Weltverständnis, unser Raumverständnis usw. zu verdanken haben.

Parallelen und Auswüchse

Individualisierung erwies sich zunächst als Segen für die meisten Bereiche unserer menschlichen Gesell­schaft, weil sie mit Spe­zialisierung einherging, stolze, selbstbewußte Individuen hervor­brachte, ohne deren Eigensinn so manche Erfindung, manche sich als segensreich entpuppende Ent­wicklung nicht hätte gelingen können.

Da aber jede Individualisierung, aus ihrer Natur heraus, stets mit einem sich Herauslösen aus einer bestehenden Struktur einhergeht, ist sie ein schmerzhafter Prozeß für alle Beteiligten – wer würde, als Mutter oder Vater nicht jene zwiespältigen Empfindungen ken­nen, die mit jedem Verbieten einhergeht, wer als Tochter oder Sohn nicht die schmerzhaften Gefühle, den Eltern widersprechen zu müssen und dabei zugleich zu wissen, daß das neu-sich-selbst-Entdecken zugleich ein Loslösen bedeutet?

Auswüchse der Individualisierung kennen wir alle aus unserem Umfeld: Stolze, arrogante, ego­manische Menschen, denen die Gruppe nichts oder wenig zu bedeuten scheint, Menschen, die geradezu autistisch handeln.

Die wachsende Zahl depressiver, schwermütiger Menschen sollte auch unter diesem Aspekt gesehen werden: Die Seele erkennt ihre Einsamkeit und betrauert die verlorengehende Geborgenheit in der Gruppe, die dem magischen Bewußtsein, das ja ein Gruppen­bewußtsein ist, eigen war, aus dem sich das Individuum nun herauslöst.

Lassen Sie uns diese Aspekte detailliert näher beleuchten:

Warum erscheint uns unsere Gesellschaft, von oben betrachtet, momentan wie ein durcheinander wirbelnder Ameisenhaufen, der aber, im Unterschied zu den Ameisen, letztlich kein sinnvolles Gebilde als sozial zusammenwir­kende Wesen hervorbringt?

Könnte eine der Ursachen, wenn nicht gar DIE zentrale Ursache, darin liegen, daß sich Grundlegen­des neu strukturiert und daß, wie immer in solchen Übergangsphasen zu Neuem, vorübergehend Chaos herrscht?

Die mentale Bewußtseins­struktur

In Griechenland erlebten wir das ca. im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, in unseren nördli­chen Breiten im 15. und vor allem zu Beginn des 16. Jahrhundert: Den Einbruch des räumlichen Empfindens, der Perspektive, des Messens und Abwägens, aber auch des dadurch hervorgerufenen Teilens, des etwas in seine Einzelteile messende Zerlegen, Zerhacken, in die neugierige Ent­deckung und Erkundung des Raumes.

Ist es nicht seltsam, daß plötzlich, wie aus dem Nichts…

  • …die Perspektive, also die Bildtiefe, Einzug in die Malerei hielt? Bis zu dieser Periode hatten Bilder meist anstelle eines Tiefenhintergrundes z.B. nur einen Goldhintergrund, Land­schafts­malerei war bis dahin perspektivlos, zweidi­men­sional, ja, es gab sie eigentlich noch gar nicht
  • …innerhalb weniger Jahr­zehn­te geradezu eine Epidemie an Entdeckungsreisen, vor allem durch die Seefahrervölker Spanien und Portugal, statt­fand, was einer mutigen «Er­schließung und Entdeckung des Raumes» als Überwindung der Vorstellung der Begrenztheit der Erde als Scheibe gleichkommt?
  • …die Entdeckung der Tiefe des Weltenraumes durch Ko­per­nikus, Kepler, Galilei allge­meine Anerkennung fand (von gelegentlicher Exkom­muni­kation und von gelegentlichem Verbrennen der Erneuerer einmal abge­sehen)
  • …das «Primat des Messens» als zentrale Vorgabe Einzug hielt? (Galilei: „Alles messen, was meßbar ist, und alles meßbar machen, was es noch nicht ist!“)

Mutationen des Ich-Bewußtseins

Wenn wir von dieser historischen Epoche die Analogie zu unserem eigenen Leben, unserer per­sön­lichen Reifung ziehen, so gleicht diese Bewußtseinser­weiterung, die wir in Anlehnung an Gebser einen «Wechsel in die mentale Bewußtseinsstruktur» nennen wol­len, dem Eintritt ins reife Erwach­sen­enalter.

Der sogenannte Ver­stand, das Nützlichkeitsdenken, scheint unse­re Denk- und Verhal­tens­muster zu dominieren.

Wir hinterfragen, sind kritisch geworden. Die Frage „Warum?!“, die einem Asiaten zur damaligen Zeit (1500 n.u.Z.) nicht einmal ansatzweise in den Sinn gekommen wäre und auch heute erst allmählich nach­voll­zogen wird (und eben auch hier als eine bemer­kenswerte Bewußt­seins­mutation der Bewohner eines ganzen Erd­teils zu beobachten ist), diese Frage ist jedoch die Wurzel aller technischen Entwicklung, die Wurzel aller Emanzipation und die Wurzel all dessen, was wir seither geradezu explosionsartig an tech­nischer Entwicklung erleben.

Das, was wir «Verstand» nennen, was uns zu «messerscharfen Schluß­folgerungen» führt, zu Dis­kursen, das, was die Scho­lastiker, was Rousseau, was Kant und Nietzsche, Carnap und Cassierer, Wittgenstein und Luh­mann erst ermöglichte;

das, was dazu führte, daß wir an einem Schalter knipsen und es wird hell im Zimmer, oder auf einen Bildschirm starren, über den wir eine Mondlandung verfolgen können, ist dem reflektierten, dem kritischen, dem wachen, dem taghellen Bewußtsein zu verdan­ken, daß sich aus der Magie und dem Mythos gelöst hat – eine großartige abendländische Lei­stung, die sich aber in jeder und jedem von uns widerspiegelt: „Ja, ich bin erwachsen, kritisch, selbst­bewußt, hinterfragend, entwick­lungsfähig!“

Exzesse

Das Leben bewegt sich jedoch stets in Zyklen, es pulsiert stets zwischen zwei Polen.

Ganze Kulturen unterliegen Zyklen, nämlich denen zwischen ihrem Erwachen, ihrem Wachsen, ihrer Blütezeit und schließlich ihrem Niedergang.

So auch Bewußtseins­formen: Wir befinden uns in Europa und in Ländern, die vom europäischen Weltbild geprägt werden, zweifel­los momentan in einer Dekadenz­phase, in der letzten Phase des Zyklus des mentalen, des Nüch­tern-Nützlichkeits­orien­tier­ten, der selbst unsere Lebenszeit hektisch atomisierenden Periode, mit dieser Einsicht sollten wir leben.

Sie zeigt sich darin, daß der Gedanke des Messens und des Teilen, des Segmentierens sich, sozusagen verselbständigt, bis zum Exzeß fortschreibt: Die Zeit – die «vierte Dimension» genannt -, wird verräumlicht, so, als wäre sie in exakte und gleichbleibende Ein­heiten aufzuteilen. Was sie aber nicht ist.

Neues

Die überall zu beobachtende Hektik, das immer atemloser werdende Tagesgeschehen, nicht mehr nur in europäisch-westlichen Ländern, sondern mittlerweile glo­bal, scheint darauf hinzu­weisen, daß wir vor einer entscheidenden Bewußtseinserweiterung stehen.

Sie könnte sich so darstellen, wie sich das Leben des reif gewor­denen Menschen (einem Greis?) darstellt:

  • Mit sich selbst, mit der eigenen Entwicklung, der eigenen Biographie versöhnt
  • Gelegentlich und im passenden Moment auch das Kind in sich zulassen (die magisch-mythische Bewußtseins­struktur)
  • Abgeklärt und kritisch all das hinter­fragen, was in jüngeren Jahren oft über die Emotion entscheiden worden wäre (= mentale Bewußtseinsstruktur)

Betrachten wir die täglich zunehmende Zahl an Revolten, sei es im Makrobereich der Völker, des Politischen, sei es im Mikrobereich der Unternehmen und der Welt der Wirtschaft allgemein, ja sogar im Mikro-Mikrobereich in den Famili­en, wo Kinder und Frauen auf­begehren gegen patriar­cha­lische Verhal­tensmuster von ge­stern, die nicht mehr akzep­tiert werden, so blitzt da offensichtlich etwas Neues auf.

Wie aber manifestiert sich dieses «Neue Bewußtsein», und was kenn­zeich­net es?

Integrales Bewußtsein

Im Kontext des eben erwähnten, des stets das Zulassens, was in mir selbst sich gerade Bahn bricht, also – auf den Punkt gebracht – des «alle Aspekte meiner Persönlich­keits­struktur Akzeptierens» und in mein jeweiliges Verhalten ruhigen und gelassenen Integrierens, wol­len wir diese neue Bewußts­einsstruktur die integrale  nennen, auch wieder in Anlehnung an Jean Gebsers bahnbrechende Arbei­ten [3]).

Und wer sich mit der modernen Quantenphysik beschäftigt und mit dem verblüffenden Modell John Lovelocks, das er «morphische Fel­der« nennt, wird Mut schöpfen.

Denn daß das, was eine wach­sende Zahl von Menschen sich herbei­sehnt, sich letztlich wirklich manifestiert, ist inzwischen unbe­strit­ten (Lovelock und Peter Russel sprechen von erforderlichen Zeh­ner­­po­ten­zen).

Wer die höchst professionell zusammengetragenen Ergebnisse der aktuellen Forschungsstände hier­zu gesehen hat, wird keinen Zweifel mehr hegen, daß sich Neues Bahn bricht, was die engen Grenzen des momentan herr­schenden mentalen, auf überhol­ten Annahmen fußenden Weltbilds sprengt. [4])

Fazit?

Gelassenheit ist angesagt!

Beobachten, Schmunzeln, aber zugleich Aussteigen aus dem hektischen, typisch mentalen Bewußtsein, das durch künstliche Überhöhung des Alltagstempos verwirrt, betäubt.

An sich selbst prüfen: Wo und wann kann und will ich Kind sein, wann rational, wann einem Mär­chen lauschen (mythisch), wann dem Neuen, Heran­wachsenden, Spannendem in mir Raum geben?

Besonders im Bereich der Entwicklung einer neuen Öko­nomie, eines veränderten Umgangs mit der Frage, wie ernähren wir morgen 10 Milliarden Menschen und sorgen zugleich dafür, daß sie erfüllt, glücklich, menschenwürdig durch ihr Leben gehen, bedarf es mutiger Konzepte.

Diese können nur aus einem neuen Bewußtsein erwachsen, das der «Club of Rome» schon 1991 so auf den Punkt brachte:

„Es muß dringend eine neue Haltung gefunden werden, in der Werte Ziele setzen und dem Indi­viduum das Gefühl von Sinnhaftig­keit geben. Veränderung wird zu häufig nur als Bedrohung des Selbst angesehen (…).

Die einzige Hoffnung scheint im gemeinsamen Handeln zu liegen, das von der Einsicht in die Gefah­ren (…) inspiriert ist. Ein wesent­licher Zuwachs an Weisheit ist wahrscheinlich nur durch die innere Entwicklung des Individu­ums zu erreichen. [5])

Auf zu neuen Ufern?

Ja. Diese Ufer liegen aber bereits in uns, in jeder und jedem von uns.

Mit Ruhe, Gelassenheit, Sanftheit und Nachsicht gegenüber uns selber (beim Stolpern auf dem Weg dorthin) und mit anderen (denen all diese wunderbaren Perspekti­ven noch verborgen sind).


[1]) Gebser, J., u.a. in: Abendländische Wandlungen, Jean Gebser Gesamtausgabe Band 1, Novalis Verlag 1986 S. 173ff

[2]) Die erste erfolgte aus dem archaischen Zustand des Säuglings in die erste Stufe der Reflektiertheit zu der des ersten Lachens, des Wahrnehmens der Umwelt mit den Kernsinnen, ein Zustand, der bisher (bei den «neuen Kindern» mag diese Phase bereits früher beginnen) spätestens mit dem ca. 7. Lebensjahr seinen Abschluß findet

[4]) What the bleep do we know? Ich weiß, daß ich nichts weiß

[3]) Gebser, J., Ursprung und Gegenwart. Novalis Verlag 1999

http://www.amazon.de/What-Bleep-Do-now-Einzel-DVD/dp/B000H5VC6Y/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1389537586&sr=8-1&keywords=what+the+bleep

[5]) Bericht des Club of Rome 1991: Die globale Revolution, S. 122 und 129