Wem gehöre ich? Über Lebenshausbesetzer, Schein-Heiliges und die Flucht vor sich selbst Ein Aufruf zum Aufstand.

Man könnte es Schockge­frieren nennen, was geschieht, wenn wir uns erst ehrlich bewußt machen, wie wenig Zeit wir mit uns selbst verbringen, Zeit, in der wir nur uns selbst gehören: Greifen wir uns dazu doch einfach beliebige achtund­vierzig Stunden z.B. der letzten Woche heraus und notieren präzise, wie wir diese Zeit verbrachten – wo, mit wem, mit was beschäftigt und vor allem … warum gerade dort statt woanders?

Lebenshausbesetzer

Ein Rabbi sagte einmal zu seinem Schüler: „Wenn du, Izzak, einmal vor den Ewigen trittst, wird er dich nicht fragen, warum warst du nicht wie Abraham oder wie Moses oder wie Salomo oder wie König David? Nein, er wird dich fragen, warum warst du nicht wie Izzak?!“

Um ich selbst zu sein, muß ich mich aber zuerst kennen, meine Bedürfnisse, Ängste, Hoffnungen erfassen, meine sich ständig ändernden Kräfte einschätzen lernen, meine Schwächen, das was ich kann und das, was ich noch lernen will oder muß.

Um mich so genau kennen zu lernen, muß ich also mit mir sein, mich mit mir beschäftigen können. Ich nenne das „Herr sein in seinem Lebenshaus“ (resp. Herrin, um diesen eigentlich widersinnigen, aber weit ver­breiteten Begriff zu verwen­den).

Sind jedoch die meisten Zimmer meines „Lebenshauses“ besetzt, ist es bald nicht mehr das meine und ich finde keinen Winkel mehr, um mit mir alleine zu sein.

„Nein!“ -Sagen lernen

„Du lernst dich doch auch kennen, wenn du zum Beispiel mit anderen diskutierst oder dich mit ihnen im sportlichen Wettstreit mißt, einen Film siehst und deine Reaktion darauf beobachtest, oder oder oder!“, kann sinnvollerweise eingeworfen werden.

Wirklich erfolgreiche und ein erfülltes Leben gestaltende (aber für andere gerade deshalb manchmal unbequeme) Menschen zeigen uns jedoch auf, worauf es unter anderem wesentlich ankommt: „Ich bestimme, wer wann und wie lange in mein Lebenshaus einzieht!“.

Also auch, wann, wo und mit wem ich mich treffe, messe, beschäftige, wem ich, auf den Punkt gebracht, Zeit und Interesse opfere. Klingt nach Egoismus, aber erscheint gerade für Menschen mit hohem Selbstwertgefühl gera­dezu ein Überlebensmittel zu sein („Brauche ich das jetzt wirklich..?!“).

Eine wesentliche Vorausset­zung, wenn nicht gar absolute conditio sine qua non hierfür scheint die Fähigkeit, nein sagen zu können zu einigen (symbolischen) Hausbesetzern, deren Liste unendlich scheint.

Schein-Heiliges

„Der / dem ist auch nichts heilig!!“ klingt es oft vorwurfs­voll, wenn Menschen Tabus brechen: Verbindungen zu Familienmitgliedern abbrechen, mit denen einen nichts, aber auch gar nichts verbindet und / oder viel mehr nervt, zum Beispiel – Familie ist doch heilig!

Nun – den Römern war Minerva heilig, den Nazis das Hakenkreuz, den Christen ihr lieber Herr Jesus, meinem Hund sein Knochen und dem Börsenmakler der Down Jones Index – da es in der Weltge­schichte von entlarvten oder demnächst zur Entlarvung anstehenden Schein-Heiligkei­ten und Lebenshausbesetzern nur so wimmelt, empfiehlt sich eine ganz persönliche Auswahl:

Zu welchen Heiligkeiten meiner Mitmenschen sage ich ja, teile sie mit ihnen oder sage ich nur  bedingt ja oder absolut nein?

Das tägliche, geradezu gierige Studium von ALDI-Angeboten, der Rasen und der Garten, die .. na ja, Sie wissen schon, wie auszusehen haben, mein Umgang mit Obdachlosen auf der Straße oder der Altar „Mann“, vor dem Frau gefälligst täglich zu beten hat; das Haupt der Alzheimer-Brigade in Rom, dem ich gefälligst mit Respekt zu begegnen habe, beruflicher Erfolg von Männern in schwar­zen Anzügen, schwarzen Schu­hen und schwarzen Autos, hinter dem sich oft nur Kaltblütigkeit und fehlende soziale Wärme verbirgt – muß ich das anbeten, muß mir das heilig sein?

Kräftehaushalt

Das weitverbreitete burned-out-Syndrom scheint ein moderner Spiegel für die Über­forderung von Menschen in westlichen Kulturen, im zentraleuropäischen oder US-amerikanischen Alltag.

Je mehr Mieter mein Lebenshaus bewohnen, um so kräftezehrender die Verwal­tung! Wobei nicht behauptet wird, daß der Kräfteaufwand im Alltag des modernen westlichen Menschen größer wäre als der von Menschen in anderen Kulturen oder zum Beispiel der der Bewohner Roms in seinen letzten Jahrzehnten des Zerfalls.

Das ist nicht das Thema, sondern die Frage: Schaffe ich es, heute, 2010, mein ganz persönliches Leben, meine derzeitige „Existenz“, so zu reflektieren, daß ich Herr / „Herrin“ meiner selbst bin?

Ein Teich, aus dem nur Wasser abfließt und der nicht zugleich von frischem Wasser gespeist wird, vertrocknet.

Wenn ich mir gehöre (und vielleicht, ganz freiwillig und in liebe­voller Verbindung, meiner Partnerin, meinem Partner), dann gehe ich verantwortungs­voll um mit meinem Kräfte­haushalt oder – um im Vergleich zu bleiben – ich sorge dafür, daß mein Teich stets von frischem Wasser gespeist wird, in dem Maße zumindest, in dem Wasser abfließt (was in diesem Kontext bedeutet: Wasser, das mir meine Hausbesetzer ab­zapfen…).

Bilanz

Wer sich Zeit nimmt, in Musestunden und periodisch, nicht nur alle paar Jahre, das eigene Lebenshaus genau unter die Lupe zu nehmen und notfalls die eine oder andere TV-Serie aus dem kleinen Zimmer im ersten Stock zu werfen;

oder Mamachen, die glaubt, nur aufgrund ihres Alters und Brüderchen, der glaubt, nur aufgrund seiner Arbeitslosigkeit das ganze erste Stockwerk bewohnen zu können;

die Überstunden, die lausig bezahlt werden und den Chef, auf den man(n)/Frau gerne verzichten könnte, in den Keller umzu­siedeln statt ihn das Penthouse bewohnen zu lassen; den Sparzwang, der bei genauem Hinsehen vielleicht gar keiner ist, sondern einfach Gewohn­heit, aber Zeit verschlingt durch an der Kasse stehen, weil heute Mehl im Angebot ist;

und dann die Bewohner des zweiten, dritten und vierten Stockes, deren Namen so seltsam klingen wie das-macht-man-doch-nicht, so-zieht-man-sich-doch-nicht-an, also, was da die Leute denken oder ich liebe dich, gib mir eine Chance oder he, ein Schnäppchen, greif zu!

Es wird sich, bei dieser erbarmungslosen Bilanz, sehr schnell heraus stellen, wen wir als Mieter/in in unserem Lebenshaus nicht missen wollen und wem wir gerne die Miete erlassen, einfach, damit sie / er hier wohnt.

Aber auch, wem wir baldmöglichst das zustellen sollten, was uns von Ballast befreit, ein Lächeln auf die Lippen zaubert und uns fühlen läßt, daß wir bei uns selbst angekommen sind: Die Räumungsklage!