Ich, die multiple Persönlichkeit

I

Wie die Geschichte der Wissenschaften zeigt, besteht der Fortschritt der Erkenntnis durchaus nicht immer in der Entdeckung von Tatsachen, sondern ebensooft in der Auffindung neuer Fragestellungen und hypothetischer Gesichtspunkte“

Carl Gustav Jung [1])

Wahrscheinlich ist es der Kombination aus wachsender Neugierde und tabuloser Berichterstattung geschuldet, daß in diesen Tagen vermehrt und offen über Phänomene gesprochen wird, die bislang nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert wurden, weil sie mit dem «gesunden Menschenverstand» nicht erklärbar scheinen. Hierzu zählt, was allgemein «multiple Persönlichkeit» genannt und in der Medizin als «dissoziative Identitätsstörung» beschrieben wird.

Aktuelle Publikationen, vor allem ein Artikel in der NZZ vom 21.6.2019, erwecken den Eindruck, man beobachte hier etwas Neues. Die Autorin der beschriebenen Studie, Yolanda Schlumpf, behauptet zudem, ebenso wie der im Artikel der NZZ zitierte Psychologe Jan Gysi, die definitive (monokausale) Erklärung zur Entstehung dieses Phänomens gefunden zu haben: Eine dissoziative Identitätsstörung entstehe, wenn Kinder über viele Jahre sexuell, emotional oder physisch mißhandelt oder emotional vernachlässigt würden.

Es droht, daß bei diesen hochspannenden und eben keineswegs monokausal zu erklärenden Erscheinungen wieder einmal klassisches Psychologendenken die Oberhand gewinnt. Und daß solche Phänomene demnach kurzerhand als «Krankheit» eingeordnet werden dürfen (sonst würden ja keine Behandlungshonorare fließen).

So erscheint es als dringend notwendig, den Kontext, in dem sich eine multiple Persönlichkeit zeigt, breiter auszuleuchten, um der Komplexität dieser Erscheinung auf breiter wissenschaftlicher Basis statt nur aus der Sicht der relativ jungen Disziplin Psychologie gerecht zu werden. Denn für die Psychologie gilt, was kein Geringerer als Norbert Bischof so auf den Punkt brachte: „Wir sind, verglichen mit vielen anderen, noch eine junge Wissenschaft. Wir haben die organische Synthese noch nicht gefunden: Weisheit, die den Menschen versteht und der Wissenschaft daher gehaltvolle Fragen vorlegen kann, und Wissenschaft, die diese Weisheit aus dem Schatten der Subjektivität ins Licht der Ratio hebt. Wer heute Psychologie studiert, wird noch ohne diese Hilfe auskommen müssen.“ [2])

Die einfache, von Frau Schlumpf und Herrn Gysi gelieferte Erklärung hält bei näherer Betrachtung dieser Forderung nicht stand und wird dem Phänomen multipler Persönlichkeiten daher nur ansatzweise gerecht. Aus diesem Grund hier einige wichtige Anmerkungen zum Thema.

Dr. Jekyll und Mr. Hide

Im Rahmen der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Wolfgang Pauli und Carl Gustav Jung, in deren Rahmen sich Pauli von Jung jahrelang analysieren ließ, trat auch die Gespaltenheit der Persönlichkeit Paulis zutage: „Tagsüber verhielt er sich wie ein biederer deutscher Professor. Nachts streifte er durch St. Pauli, Hamburgs berüchtigtes Rotlichtviertel (…) Einem Freund beschrieb er sein Leben: „Am Tag die bleibenden Werke, in der Nacht sexuelle Vergnügungen in der Unterwelt – ohne Gefühl, ohne Liebe, ohne jede Menschlichkeit.“ (…) Allmählich bekam er das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Er fürchtete sich vor einer Persönlichkeitsveränderung. „Ich hatte einen Hang zum Kriminellen und zum Raufbold (was bis zum Mörder hätte ausarten können), erinnerte er sich später“  [3]).

Jung und Pauli hatten auch Mühe, mit einem Begleiteffekt umzugehen resp. ihn einzuordnen, der in die Wissenschaft als «Pauli-Effekt» einfloß und darauf schließen läßt, daß ganz besondere Energien mit der janusköpfigen Persönlichkeitsstruktur Paulis verbunden waren. Denn wann immer er in einem Labor auftauchte, ging etwas zu Bruch: „Inzwischen häuften sich die Berichte über das gefürchtete Phänomen. Die Physiker an der Universität gewannen allmählich die Überzeugung, daß Paulis Anwesenheit in einem Labor oder auch nur in der Nähe einer Meßanordnung zu schweren Störungen der Instrumente führte.“ [4])

Was Paulis zwei Identitäten betrifft: Von peinvollen Erfahrungen in der Kindheit hat Pauli, selbst in der intimen Analyse, Jung nie berichtet und Jung hat bei Pauli auch keine klassische „Schizophrenie“ diagnostiziert.

Auch zahlreiche Forschungsergebnisse, einige davon bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts publiziert, zeigen, daß es sich keineswegs immer um in den Kindertagen erfahrene Traumata handeln muß, die zu diesem Phänomen der multiplen Persönlichkeit führen.

So hat zum Beispiel Pierre Janet, eigentlicher Schöpfer des Begriffs «Unterbewußtsein» (ein Terminus, dessen Formulierung in aller Regel Freud zugeschrieben wird), und der häufig mit Mitteln der Hypnose behandelte, zu diesem Themenkomplex schon vor hundertundzwanzig Jahren Entscheidendes beigesteuert.

So beschreibt er z.B. eine Patientin, Leonie, die unter Hypnose von „Leonie“ zu „Leontine“, einer ziemlich aggressiven, lautstarken, lästigen Person wechselte, worauf, nachdem die beiden Persönlichkeiten nicht miteinander auskamen, eine dritte Stimme, von Janet „Leonore“ genannt, auftauchte, die Leonie mit Leontine zu versöhnen suchte. „Dieser Leonie-Leontine-Leonore-Komplex lieferte den größten Teil von Janets bestem telepathischem Material.“ [5])

Im Fall eines zum Zeitpunkt der Untersuchung 27jährigen Afroamerikaners („Jonah“) konkurrierten (im Wachzustand!) vier charakterlich völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, bei denen jeweils ein aktueller, also nicht ein in der Kindheit erlebter äußerer Konflikt, sozusagen ein Umschalten von einer auf die andere bewirkte, jede unter Bewahrung des eigenen Gedächtnisses, Intelligenzquotienten, ja zur großen Verblüffung des ihn untersuchenden Psychologenkollektivs, sogar der jeweils individuellen charakteristischen Gehirnwellen. [6])

Das Argument, es habe sich bei den die Reaktion auslösenden Situationen um an die Traumata aus der Kindheit erinnernde gehandelt, lassen sich aus den Beobachtungen Ludwigs weder herauslesen noch hineininterpretieren.

Und eine Dame, „Sybil“ genannt, präsentierte ihrer New Yorker Therapeutin Cornelia Wilbur sogar sechzehn verschiedene Persönlichkeiten im Zeitraum von zwanzig Jahren, eingeschlossen dabei zwei männliche. [7])

Dissoziation ist überlebenswichtig

Die wohl berühmteste literarische Formulierung dieses Phänomens, das wir wohl alle aus unserem Alltag kennen, lautet: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“  [8]). „Mein Herz sagt ja / doch mein Verstand sagt nein“, wie es im Schlager heißt. Diese Beobachtung bezieht sich aber auf Entscheidungsprozesse, die sozusagen im Wachzustand getroffen werden. Aber sind wir wirklich permanent „wach“, außer im Schlaf? Mitnichten: Wer Auto fährt bestätigt, daß wir z.B. von A nach B auf einer gewohnten Strecke fuhren und nach der Ankunft feststellten, daß wir während der Fahrt an alles andere dachten als an die (ohnehin internalisierten) Verkehrsregeln  – „ich“ saß am Steuer, aber … wer fuhr? Meine… Seele? Mein Unterbewußtsein? Hermann Broch definierte diesen Zustand als «Dämmerzustand» [9])

Halten wir Janet und Freud zugute, daß der Begriff «Unterbewußtsein» eine hilfreiche Konstruktion war. Übernähmen wir jedoch die interessante Konstruktion eines ganz individuellen und nur zu unserer eigenen Identität gehörenden «verborgenen Beobachters»  [10]), der manchmal permanent, manchmal sporadisch in unser Verhalten ebenso wie in unsere Emotionen und damit in unser Verhalten eingreift, wäre das ein viel interessanteres und für unser Denken auch besser nachvollziehbares Modell.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Nähkästchen: Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr mache ich Musik, und ich habe inzwischen hunderte von Liedern kennengelernt und kann mindestens hundert davon noch aus dem Gedächtnis auswendig singen. Zu meiner großen Verblüffung stelle ich nun immer wieder fest, daß mir in allen möglichen Lebenssituationen plötzlich eine Melodie „in den Sinn“ kommt, die zu diesem Moment exakt paßt. So summte ich spontan, als ich vor kurzem eine Mahnung der Telefongesellschaft ausdruckte, „Money makes the world go around“ vor mich hin, so, als sänge da ein ironischer Kobold in meinem Kopf und machte sich über mich lustig.

Multipler Herr Lorenz? Verborgen beobachteter Herr Lorenz?

Das wackelige Fundament «Seele»

„Denn das Bewußte ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Sprühkreise seelischen Geschehens in uns. Der Verstand ist gewissermaßen das Ärmste, das Unterwürfigste, Lakaienhafteste in uns, denn er muß doch schließlich tun, was das viel weitsichtigere Unterbewußtsein im Rate der unsichtbaren, vielleicht kosmischen Motive beschließt.“ schrieb Carl Ludwig Schleich. [11])

Die große Herausforderung für eine Synthese der Wissenschaften in unseren Tagen lautet, Menschsein und damit auch den Begriff «Seele» neu zu definieren, auch im Rahmen möglicher (jedenfalls nicht auszuschließender) „kosmischer Motive“.

Und damit auch die Beziehung des Seelischen zum Körperlichen, zum Beispiel. Die moderne Medizin hat hierzu bereits mutige Schritte in die richtige Richtung getan, wie ich in meinem Buch «Die medizinische Hintertreppe» herausarbeitete. [12])

Dabei sollte es kein Tabu geben. Seit der Revolution unseres Verständnisses von Materie durch Heisenberg, Planck, Schrödinger, Jordan, Einstein und anderer, seit den Herausforderungen, die Konsequenzen der Quantenphysik zu verstehen und zu akzeptieren, sind der Wissenschaft die spannendsten Aufgaben seit der Aufklärung gestellt.

Als erschreckend untaugliches Fundament, um dieses neue Menschenbild aufzubauen, erweist sich die heute noch geltende und von den Krankenkassen allein akzeptierte klassische westliche Psychologie und ihr Seelenbegriff, sei er noch so verworren:

„Wer sich auf Psychologie einläßt, sollte wissen, daß ihm ein anderes Abenteuer bevorsteht als bei einem Studium der Botanik oder der Festkörperphysik. Unser Fach ist keineswegs aus einem Guß. Forschungsinteressen und Praxisanforderungen driften immer weiter auseinander, und die Grundlagenfächer selbst unterscheiden sich in ihren Denkansätzen erheblich und haben ihre je eigene Begriffswelt entwickelt, die oft nicht mehr erkennen läßt, wenn im nächsten Hörsaal in anderer Sprache von der selben Sache die Rede ist. (…) Manche Entwicklungen in unserer Wissenschaft nimmt man mit Sorge zur Kenntnis.“ [13])

Selbst bei dem Versuch, den in der klassischen Psychologie so oft verwendeten Begriff «Gefühle» zu präzisieren, stößt sie an ihre Grenzen:

„Versuchen Sie einmal, aus einem Psychologen herauszulocken, was er mit dem Wort «Gefühl» meint – der eine wird Ihnen sagen, Gefühle seien Instinkte, der zweite wird Sie darauf einzuschwören versuchen, daß Gefühle die Innenansicht von Motiven repräsentieren, der dritte wird Ihnen berichten, Gefühle seien die Ergebnisse von Prüfungen eingehender Reize auf Neuheit, Unerwartetheit und so weiter, der vierte wird Sie darauf aufmerksam machen, daß nach seinen Forschungen «Freude» mehr ein Gefühl sei als «Erstaunen» und daß es daher Abstufungen in dem Ausmaß gebe, in dem Gefühle Gefühle seien (ich weiß nicht, was Sie mit dieser Nachricht dann anfangen können), der fünfte wird Gefühle als «Modellierungen» des Verhaltens definieren, der sechste wird Ihnen erzählen, daß Gefühle Punkte in einem dreidimensionalen Raum darstellten, wobei die drei Koordinaten «Lust-Unlust», «Erregung-Beruhigung», «Spannung-Lösung» seien, der siebte wird in Gefühlen die «nicht ausagierbare Antriebsthematik» sehen.“ [14])

Das Basismaterial der Psychologie zerbröckelt ihr unter den Händen: Eine im wissenschaftlichen Konsens haltbare Beantwortung der alten Frage: „Was ist Seele?“

Die schlichte Erklärung multipler Persönlichkeiten durch Schlumpf und Gysi bezeugen gerade diese Hilflosigkeit – quod erat demonstrandum…

Irrtum Kindheitserinnerungen

Einer der gravierendsten Fehler Freuds war die Fixierung und Beschränkung auf die jeweilige nachvollziehbare Biographie seiner Patientinnen und Patienten zu deren Lebzeiten . Das war und ist ein Kartenhaus, das spätestens seit den revolutionären Erfolgen z.B. der sog. Aurachirurgie in sich zusammenbrach: Selbst schwerste körperliche Leiden werden durch diese inzwischen zehntausendfach bewährten und international von Medizinerinnen und Medizinern durchgeführten Behandlungen geheilt, indem alte, möglicherweise aus früheren eigenen Existenzen, möglicherweise aber auch nur aus dem riesigen Informationspool des Universums aufgenommene Muster in den Zellen aufgespürt werden, die mit der momentanen irdischen Existenz der Hilfesuchenden nachweislich in keinem Zusammenhang stehen. [15]).

„Wie immer man es auch nennen will – Bioplasma oder Aura oder Lebensfeld – es wird immer schwerer, die Schlußfolgerung auszuschließen, daß unsere Einflußsphäre nicht an der Haut endet. Über die bisher geltenden Grenzen unseres Körpers hinaus reichen Kräfte, die wir selbst zu erzeugen scheinen und möglicherweise auch beherrschen können.“ [16])

Eine der wahrscheinlichsten Erklärungen hierfür ist die ungeheure Speicherkapazität unserer Zellen und der diese gestaltenden Winzlinge und deren „Verschränkung“ mit dem gesamten kosmischen Geschehen – alles ermöglicht durch ein Ding von einem tausendmilliardstel Millimeter Durchmesser, genannt Elektron: „Man kann nicht mehr sagen, der Mensch denkt oder weiß, denn in ihm denken und wissen vielmehr diese winzigen Individuen, die die universalen Träger des Geistes sind (…)“, schrieb Jean Charon. [17]).

Es erfordert Mut. Aber ein neues Modell vom Menschen, der eben nicht diese offensichtlich homogene Erscheinung ist, in der wir uns alle täglich begegnen, sondern dessen alltägliche Erscheinung nur die Spitze eines Persönlichkeitseisbergs ist, ist das Gebot der Stunde: „Jede Person ist in gewissem Maße ein Horrorkabinett, so daß jede zivilisierte Beziehung nur so weit gelingt, wie die häßlichen kleinen Geheimnisse eingeschlossen bleiben“. [18])

Besessenheit

Ein Begriff, der keinen Platz haben kann im Menschheitsmodell der klassischen Psychologie, was entschuldbar und nachvollziehbar ist. Der moderne Mensch kann keine Dämonen in sich selbst zulassen, aber sehr wohl in Stellvertretern seiner selbst, z.B. in gierig verschlungenen Hollywoodfilmen. Welche Filmgenres sind denn die erfolgreichsten? Brutalstmögliche Krimis und erotikgetränkte Liebesfilme, sozusagen an- und wegklickbare Stellvertreterkriege für Unterdrücktes aus der Leichensammlung im Keller des kleinen Mannes…

Dabei gilt nach wie vor die Erkenntnis Carl Ludwig Schleichs von 1920: „Der Dämon der Lust reißt zeitweise und anfallsweise, genau nach dem Schema der epileptischen Umdämmerung des Bewußtseins die Persönlichkeit in tiefe Perioden menschlichen Aufstiegs, in Urzeitniederungen herab.“  [19])

Da drängt sich die Frage auf, was Menschen über sich selbst hinauswachsen läßt: Wer oder was ergreift Besitz vom kreativen, von aus welchem Ozean des unendlichen Wissen auch immer schöpfenden Menschen im Moment des „Erschaffens“?

Jean Piaget schrieb mit bereits zehn Jahren wissenschaftliche Aufsätze, Schliemann wußte in diesem Alter bereits, daß er Troja entdecken und ausgraben würde und so weiter – wer kann denn bei all diesen von der klassischen Psychologie erfolgreich verschwiegenen und verdrängten Phänomenen heute noch ruhigen Gewissens behaupten, treffsichere Aussagen über die menschliche Seele machen zu können und zu dürfen?

Beschäftigt sich die moderne Psychologie, um einer verläßlichen Definition des Seelenbegriffs und damit des Begriffs der Persönlichkeit [20]) näherzukommen, mit dem, was Aristoteles «Entelechie» nannte und was ein überaus erstrebenswertes Forschungsobjekt sein sollte, weil es auch zur Frage führt, welche Persönlichkeit werde ich – oder werde ich gar mehrere Persönlichkeiten?Nein.

„Es bleibt ein Rätsel und wird es offensichtlich auch bleiben, wie Archimedes (etwa 285 bis 212 v.u.Z.) die Quadratwurzel aus sehr großen Zahlen ziehen konnte, bevor die Regeln des Wurzelziehens bekannt waren“, schreibt Suchotin in seinem grandiosen Kompendium. [21]).

Und weiter: „Denn das Unerkennbare ist das riesige Reservoir des Wissens, über das der Forscher im gegebenen Augenblick keine Rechenschaft ablegen kann. Eine beliebige Komponente des Vorrates kann jedoch in «das Feld» der Aufmerksamkeit des Ich durchsickern. Es ist also ein Vorteil, daß es nicht in unserer Macht steht zu steuern, was im nächsten Augenblick ins Gedächtnis gerufen wird.“ [22])

Andere Persönlichkeiten aus dem großen Reservoir?

Als solide und seriöse Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dürfen wir uns mit der von Schlumpf und Gysi angebotenen Erklärung also in keinem Fall zufrieden geben. Sie wird einer dringend gebotenen Gesamtbetrachtung nicht gerecht. Dargestellt wird eine Ebene, aber die Metaebenen, denen diese unterzuordnen ist, werden (sicher nicht gewollt, sondern eher aus Unkenntnis der Komplexität des Themas) ausgeklammert – psychotherapeutische Betriebsblindheit?

„Das Ich ist eine neuentzündete, aufzuckende Flamme, kein kontinuierlich glühendes, verharrendes Licht!“ [23]). Wir müssen (Imperativ!), wollen wir dem Auftrag einer kritischen Neutralität wissenschaftlicher Sammlung von Beobachtungen ohne vorschnelle Wertung gerecht werden, anerkennen, daß wir auf der Suche nach dem, was wir unsere «Seele» nennen, Phänomenen begegnen, die mit unserem momentan krampfhaft verteidigten Ich-Modell vom Menschen nicht übereinstimmen.

Aber wie ließ Goethe Wilhelm Meister sagen? „Nichts ist einer neuen Wahrheit schädlicher als ein alter Irrtum!“. [24]).

Um zu verdeutlichen, was noch an Arbeit vor uns liegt, wenn wir es wirklich wagen sollten, uns auf das Abenteuer einzulassen, weiter zu forschen, statt uns mit einer federleichten Erklärung des Phänomens abspeisen zu lassen, zum Abschluß die bestens dokumentierte Biographie von Lurancy Vennum, 1887 festgehalten  [25]). Ich wähle dieses Beispiel, obwohl zur damaligen Zeit natürlich nicht nachgefragt wurde, ob Papa oder Onkel oder Opa sich an dem Mädel „vergangen“ hatten oder ob es gar verprügelt oder gequält wurde, was die Erzählung natürlich im Lichte der Behauptungen von Schlumpf und Gysi angreifbar macht.

Die Familiengeschichte jedenfalls weist aus, daß die Eltern liebevoll mit ihr umgingen, weil sie ihre verschiedenen Leiden geduldig ertrugen. Aber was immer der Auslöser für das Auftreten einer anderen Persönlichkeit in Lurancys Leben war tritt ja hinter der Frage zurück, mit welchen Kräften wir es bei «multiplen Persönlichkeiten» eigentlich zu tun haben.

Hierzu liefert weder die Studie von Frau Schlumpf noch die Ausführungen Herrn Gysis eine Antwort – oder habe ich da was überlesen?

Aber lesen Sie selbst:

„Mary Roff starb am 5. Juli 1865 im Alter von achtzehn Jahren. Sie war nach allem, was von ihr berichtet wird, ein seltsames Mädchen. Sie litt unter epileptischen Anfällen  und Kopfschmerzen, die sie linderte, indem sie sich selbst zur Ader ließ. Sie war angeblich imstande, ohne Augen zu sehen und Bücher mit verbundenen Augen oder Briefe in verschlossenen Umschlägen zu lesen. Am 16. April 1864, vierzehn Monate, bevor Mary unter Krämpfen starb, wurde in derselben Stadt ein anderes Mädchen geboren. Lurancy Vennum war in den ersten dreizehn Jahren ihres Lebens völlig normal, aber als die Pubertät einsetzte, begannen seltsame Dinge zu geschehen. Das erste war ein kataleptischer Zustand, der fünf Jahre dauerte; auf ihn folgten unvermittelt auftretende Trancen, in denen sie von Engeln und Geistern sprach. Man hielt sie für wahnsinnig und übergab sie einem Facharzt zur Behandlung. Der stellte fest, daß sie anscheinend von zwei fremden Persönlichkeiten besessen war – einer mürrischen, boshaften alten Vettel und einem jungen Mann, der Selbstmord verübt hatte. Unter Hypnose (!!!) war es möglich, Lurancys eigene Persönlichkeit wieder herzustellen, und in dieser Verfassung erklärte sie, es gäbe nur eine Möglichkeit, die beiden bösen Geister fernzuhalten: sie müsse sich von einem Engel besitzen lassen, der ihr zu Hilfe komme. Als man sie fragte, ob sie wisse, wer der Engel sei, antwortete sie: Mary Roff. Larancy schien sich in Mary zu verwandeln und man erlaubte ihr, mit der Familie Roff zusammenzuleben. Dort war sie vollkommen glücklich, sie kannte alle Menschen und wußte alles, was Mary gewußt hatte; sie erkannte die Freunde und Nachbarn wieder und nannte sie beim Namen; sie erinnerte sich an hunderte von Ereignissen aus Marys Leben, an die größeren – wie eine Reise nach Mexiko – und an die kleinen, so zum Beispiel daran, daß sie einmal einen Kragen genäht hatte. Sie konnte sogar Gegenstände finden, die Mary versteckt hatte und von denen die Familie Roff nichts wußte. Diese Besessenheit dauerte drei Monate und zehn Tage, dann kehrte Lurancy plötzlich wieder zu ihrer eigenen Persönlichkeit zurück, die sie nun wieder erkannte. (…) Die Familien Roff und Vennum verkehrten vorher nicht miteinander, und es gab keinen normalen Weg, auf dem Lurancy die umfassenden und detaillierten Kenntnisse von Marys Leben hätte erfahren können. (…). Nach der Rückkehr zu ihrer eigenen Familie wußte sie nichts mehr von den vergangenen hundert Tagen  und sie hatte danach nie mehr Probleme dieser Art.“ [26]).

Es fehlen mutige Denkmodelle

„Wir werden und wir können uns mit gutem wissenschaftlichen Gewissen erst dann wieder auf Details konzentrieren, wenn wir über das Ganze, dem sie angehören, so etwas wie eine «vorgängige Theorie» besitzen“, schrieb einer von Deutschlands hellsichtigsten Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts, Dieter Duhm, schon vor vier Jahrzehnten. [27]).

Wenn wir weiter atemlos durch die Nacht von einer „sensationell endlich gefundenen Erkenntnis“ zur nächsten hetzen, wie dies besonders im Bereich der Medizin, aber z.B. auch der Astrophysik momentan offensichtlich angesagt scheint und wofür die hier behandelte Behauptung von Frau Schlumpf und Herrn Gysi steht, tun wir solider wissenschaftlicher Forschung keinen Gefallen.

Zu diesem selbstgefälligen, um jeden Preis Erfolge vorzeigen müssenden Verhalten paßt ein Artikel im SPIEGEL vom 22.6.2018, in dem erklärt wird, daß „endlich“ das gelöst wurde, „…was lange ein großes Rätsel der Medizin war“ – und was wohl ebenso rasch wieder im Mülleimer der „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse verschwinden dürfte wie alles, was sich nicht solide in den Kontext eines veränderten Welt- und Menschenbilds harmonisch einordnen läßt, was aber, wie erwähnt, erst noch zu formulieren wäre. [28])

Die alte asiatische Weisheit mag auch hier gelten: „Folge denen, die die Wahrheit suchen und mißtrauen jenen, die sie gefunden haben!“

Ein Umdenken ist vor allem erforderlich, was die Akzeptanz von meist mühsam erarbeiteten Erkenntnissen unserer Altvorderen betrifft. Weder die „alten Griechen“ noch die Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts waren Schwachköpfe. Die im Allgemeinen ziemlich unbescheiden auftretende moderne Generation der Vertreterinnen und Vertreter der momentan die Kassen klingen lassenden Schulmedizin wären gut beraten, das zu beherzigen, was kein Geringerer als Thure von Uexküll so auf den Punkt brachte: „Die Medizin hat im 20. Jahrhundert den Geist aus sich vertrieben! (…) Es wird höchste Zeit, daß sie ihn wieder hereinbittet!“ [29]).

Geben wir das Schlußwort zu diesen gedanklichen Impulsen für eine Neugestaltung des Seelen- und damit des Menschenbildes Altmeister Schleich, der den meisten Menschen nur als Erfinder der Lokalanästhesie bekannt ist, aber, neben Carus, im deutschsprachigen Raum als DER Wegbereiter iner liebevollen, „humanen“ Medizin gelten darf:

„Wir werden von der Seele nur soviel wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins mit dem Gedanken über das Leben.“ [30]


[1]) Jung, C.G., im Vorwort zu Schleich, C. L., Wunder der Seele, Deutsche Buchgemeinschaft Berlin

[2]) Bischof, N. Psychologie – Ein Grundkurs für Anspruchsvolle, Kohlhammer 2008, S. 36

[3]) Miller, Arthur I., 137 C.G.Jung und Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl, DVA 2009, S. 86 ff.

[4]) Miller, Arthur I., a.a.O. S 90

[5]) Watson, L. Der unbewußte Mensch. Umschau Verlag 1979, S. 338 ff. Siehe auch Myers, F.W.H., Human Personality and its Survival of Bodily Death, Longmans, London 1903

[6] ) dokumentiert in: Ludwig, A.M., The objective study of a multiple personality. Archives of General Psychiatry 26, 298-310, 1972

[7]) Schreiber, F.R., Sybil. Allen Lane, London 1974

[8]) Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust / die eine will sich von der andern trennen / Die eine hält in derber Liebeslust / sich an die Welt mit klammernden Organen / die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / zu den Gefilden hoher Ahnen. (Goethe, J. W. v. Faust I)

[9]) Broch, H. Massenwahntheorie (ergänzen)

[10]) «hidden spectator», geprägt von Ernest Hilgard, Stanford University. Hilgard, E.R., A neo-dissociation theory of pain reduction in hypnosis. Psychological Review 80: 396-411, 1973

[11]) Schleich, Carl Ludwig, Vom Schaltwerk der Gedanken / Der Wille und der freie Wille

[12]) Lorenz, Hugh Die medizinische Hintertreppe – Aspekte der modernen Medizin zwischen Aura und Skalpell. LORENZ.PUBLISHING. 2018. Vergriffen, erscheint Juli 2019 als Ebook. www.die-medzinische-hintertreppe.de

[13]) Bischof, N., Psychologie – ein Grundkurs für Anspruchsvolle, Kohlhammer 2008, S. 15 ff

[14]) Dörner, D., Bauplan für eine Seele, Rowohlt 1999, S. 19

[15]) Klügl, G. / Fritze, T., Quantenland. Arkana Verlag 2012 www.aurachriurgie.li

[16]) Watson, L. Geheimes Wissen – das Natürliche im Übernatürlichen. Fischer 1978 S. 156

[17]) Charon, Jean, Der Geist der Materie, Paul Zsolney Verlag Wien, 1979, S. 10

[18]) Sonnett, Richard, in : Die Tyrannei der Intimität

[19]) Schleich, Carl Ludwig,  Das Ich und die Dämonien, S. Fischer Verlag Berlin 1920, S. 246

[20]) Ein weiteres Beispiel für oberflächlichen Umgang mit Begriffen im medizinisch-psychologischen Alltag: Persönlichkeit ist etymologisch auf per sonare zurückzuführen, also auf das Durchklingende. Unsere Altvorderen erkannten also sehr wohl, daß unser Alltagsgesicht, unser Auftreten als Individuum, nur den Resonanzboden bietet für Melodien, die von etwas Anderem als dem Individuum gespielt werden

[21]) Suchotin, Anatoli Konstantinowitsch, Kuriositäten in der Wissenschaft? S. 99.  Verlag MIR Moskau / VEB Fachbuchverlag Leipzig 1983

[22]) Suchotin, A. K.., a.a.O., S. 112

[23]) Schleich, C. L., a.a.O., S. 31

[24]) Goethe, J.W.v., Wilhelm Meisters Lehrjahre

[25]) Stevens, E.W., The Watseka Wonder, Religio-Philosophical Publishing House,  Chicago 1887

[26]) Watson, L. Grenzbereiche des Lebens, FISCHER 1980, S. 212 f.

[27]) Duhm, D. Synthese der Wissenschaften. Kübler Verlag 1979, S. 54 ff

[28]) DER SPIEGEL 26/22.6.2019 S. 104 ff «Schwelbrand im Gehirn – Wie entstehen Schizophrenie, Depressionen und anderes seelisches Leid?

[29]) Thure von Uexküll, bei einem Vortrag 1996 vor der Hamburger Ärztekammer

[30]) Schleich, C.L., Wunder Seele, a.a.O, S 120

Autor: Hugh_Friedrich Lorenz

Schriftsteller, Gesellschaftswissenschaftler, Publizist, Hörbuchprouzent

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