Moderne Aspekte der Parapsychologie

Begriff und Historie

Bis heute nehmen die Vertreter der Psychologie für sich in Anspruch, Phänomene wie Reinkarnation, Psychokinese, Telepathie, Hellsehen, Spukphänomene, Hypnose, Materialisationen, Telekinese etc. seien ihrer Wissenschaft und somit indirekt der Medizin zuzurechnen. Sie stigmatisieren somit nicht greif-, meß- und sichtbare Manifestationen unbekannter oder nicht zuzuordnender Komponenten unseres Daseins und implizieren, es handle sich bei ihnen, wie etwa bei Schizophrenie oder Paranoia, um „abnorme“, krankhafte seelische Ausnahmezustände.

Um 1889 prägte daher nicht ein Metaphysiker oder ein Philosoph oder gar ein Theologe, sondern ein Psychologe – Max Dessoir – den Begriff Parapsychologie für Phänomene, die nach seiner Einschätzung sozusagen neben den Arbeitsgebieten der klassischen Psychologie existieren (griech.: „para“ = neben). Besonders in England wuchs Ende des 19. Jahrhunderts das Interesse an für den normalen Menschenverstand unerklärlichen Phänomenen. Aus dem Ghost Club (1862) entstand 1882 die Society for Psychical Research (SPR), der auf dem Kontinent z.B. in Deutschland die Psychologische Gesellschaft (München, Albert Freiherr von Schreck-Notzing) oder in Frankreich das Institut Métaphysique International folgten.

Zahllose freie Autoren wie Swedenborg, Messmer, Gustav Meyrink u.A., die keiner Institution angehörten, bereicherten die Literatur mit individuellen Beschreibungen ihrer Sicht der Dinge. Die renommierte Stanford-Universität in den USA und die Duke-Universität in Durham beschäftig(t)e sich seit dem 19. Jahrhundert sogar mit nach streng akademischen Vorgaben erfolgter Erforschung „außersinnlicher Phänomene“.

In der Folgezeit bemüh(t)e sich eine weltweit wachsende Zahl interdisziplinär denkender Vertreter der orthodoxen Wissenschaft, der Ratio unerklärliche Erscheinungen zu erforschen. Seit einigen Jahren jedoch werden immer mehr Lehrstühle für Parapsychologie aufgehoben und die Forschung beschränkt sich auf Leistungen einzelner interdisziplinärer Denker (z.B. dem Biologen Lyall Watts im angelsächsischen Raum). Eine viel größere Gruppe von Wissenschaftlern jedoch versucht immer noch hartnäckig, so wie z.B. auch die Astrologie, übersinnliche Phänomene als Hokuspokus oder gar als Betrug zu entlarven.

Schein und Sein

Tatsächlich finden sich im Grenzbereich zwischen sicht-  und greifbarer Realität und von oftmals mit erschütternden persönlichen Erlebnissen verbundenen Erfahrungen einer Para-Realität seit Menschengedenken Täuschung und Betrug, was dem grundsätzlichen Anliegen solider Forschung nicht gerade zuträglich ist. Von den alten Ägyptern, den Griechen und Römern über die Alchimisten und die fahrenden Gaukler im Mittelalter bis in unsere Tage wurden und werden immer wieder plumpe, aber auch raffinierte Versuche entlarvt, Übersinnliches vorzutäuschen.

Unberührt davon verbleibt jedoch zweifellos ein unerschöpflicher Bereich an von nahezu jedem Menschen im Laufe des eigenen Lebens erfahrenen Begegnungen mit rational Unerklärlichem und eine endlose Reihe an von glaubwürdigen Zeitzeugen verifizierten Erlebnissen jenseits der Alltagsrealität. Erinnern wir uns jedoch z.B. an den Weg, den die klassische Physik bis zum heutigen Tag zurücklegte, an den Spott und Hohn der Unbelehrbaren, der ihn säumte; an die zahllosen Irrtümer und Fehlinterpretationen, denen sie auf dem langen Weg von Archimedes bis zur Heisenbergschen Unschärferelation und Einsteins Erkenntnissen über die Materie, die eigentlich gar keine ist, unterlag, so gilt auch hier die Erkenntnis, daß, wie es Goethe formulierte, einer neuen Wahrheit nichts schädlicher ist als ein alter Irrtum.

Jenseits der Orthodoxie

Als absolute Antithese zum distanziert-nüchternen Umgang der beschriebenen Wissenschaft der Parapsychologie mit dem Übersinnlichen und ihre simple Zuordnung zur allgemeinen Psychologie darf das Lebenswerk Helena Petrovna Blavatsky gelten, Tochter von Peter von Hahn, eines in russischen Diensten stehenden Offiziers und einer adeligen Russin. Ohne eine Beschäftigung mit ihren Lehren und ihrem literarischem Werk wäre eine Beschäftigung mit „paranormalen“ Phänomenen nicht vollständig. Blavatsky, die bereits 1875, also lange vor den ersten Versuchen der Psychologen zur wissenschaftlichen Erforschung des Übersinnlichen, in New York die Theosophische Gesellschaft gründete, beschritt den anderen Weg: Nicht der Einsatz der Ratio oder gar Mißtrauen gegenüber den die Menschheit seit eh und je begleitenden, jedoch dem Wissenschaftswahn des 19. Jahrhunderts unverständlichen Phänomenen, oder gar der parapsychologische Ansatz des Experiments, das diese Phänomene verifizieren oder falsifizieren sollte, wie es die Spiritisten taten, war ihr Weg.

Sie ordnete diese Phänomene vielmehr in ein Weltbild ein, das sich vor allem aus den Lehren des Buddhismus und Hinduismus formte (sie lebte einige Zeit in Indien). Die Tiefe ihrer Gedanken und die spirituelle Kraft ihrer Persönlichkeit und ihrer Lehren beeinflußten u.a. Rudolf Steiner (er leitete 1902 bis 1913 die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft) und die sog. New Age Bewegung, wobei hier insbesondere Blavatskys Sicht der Einbettung des Menschen in kosmische Zusammenhänge gelobt werden.

Pars pro toto?

Alle durch die Parapsychologie beschriebenen Unerklärlichkeiten kreisen interessanterweise nahezu ausnahmslos um den Menschen. Was aber ist mit Fauna und Flora? Sehen z.B. nur Menschen oder aber auch Tiere das, was wir als „Geister“ bezeichnen? (s. Rupert Sheldrake: Der 7.Sinn der Tiere 1).

Präkognition, Hellsehen, Telepathie, Hellhören – alles nur für Adam und Eva oder auch für Katzen, Hunde und Elefanten, für Kaktus, Kopfsalat und Kokosnuß 2)?

Gestehen wir jedoch auch Tieren und Pflanzen eine Psyche zu, so würde das bedeuten, daß die Parapsychologie sich mit dem Gedanken befreunden muß, daß die von uns Menschen beobachteten Erscheinungen von allen beseelten Wesen auf diesem Planeten beobachtet werden können, vielleicht sogar vom gemäß der Gaya-Theorie lebendigen Planeten an sich – die Erdmutter ein ganzheitliches,

Es spricht viel für die jahrtausendealte Einschätzung der Weisen, daß spirituelle Gesetze für den ganzen Planeten gelten und nicht nur für den Menschen. Somit wären unsere „parapsychologischen“ Erfahrungen nur Teil des Ganzen, stünden unsere Eindrücke nur als „pars pro toto“, als ein Teil für das Ganze!

Kopernikanische Wende

Es bahnt sich nämlich offensichtlich allmählich eine Umkehr der Sicht der Dinge an, die der Wende im Weltbild des Kopernikus entspricht (damals: weg vom geozentrischen und hin zum heliozentrischen Weltbild): Die eingangs erwähnten und dem Bereich der Parapsychologie zugeordneten Phänomene sind ganz „normaler“ Bestandteil eines Weltbilds, das sich uns zur Gänze nur noch nicht erschlossen hat. So wie die moderne Physik sich längst von der Vorstellung einer festen Materie gelöst hat und nur mehr generell von einem Feld spricht, in dem sich das, was wir als Materie betrachten, eher als Ausnahme erkennen läßt, die sich jedoch nach noch nicht nachvollziehbaren Regeln auf eine wunderbare Weise vollzieht; so sollten wir heute auch unsere Sicht der Parapsychologie auf den Kopf stellen und fragen, ob nicht Para-Zustände die Regel sind und das, was wir als normal bezeichnen, die Ausnahme.

Bilanz

Für den neuen, wieder ganzheitlichen und mit seiner gespaltenen Natur versöhnten Menschen könnte also durchaus gelten, was für Kleinkinder oder „Wilde“, für Tiere ebenso wie für den Menschen im Rausch gilt: Mit sich selbst identisch sein und keine Komponente seiner selbst verleugnen, verdrängen, sich keiner Komponente seiner selbst schämen, mit sich selbst versöhnt sein, als komplexes, in ein nicht immer greif- und begreifbares Netz an Wunderbarem eingewoben zu sein – in dem eben z.B. auch hellsichtige Momente, ein 7. Sinn, telepathische Verbindung mit geliebten Menschen und Heilung durch spirituelle Kraft und Liebe ihren akzeptierten Platz finden, ohne in eine dubiose Para-Ecke verschoben zu werden. Denn wir scheinen in einem Bündel aus Para-Welten zu leben. Das Wirkungsgefüge zwischen der individuellen Mensch, Tier und Pflanze und den großen kosmischen und spirituellen Gesetzen ist für uns bis heute nur ansatzweise durchschaubar.

Parapsychologie im vorbeschriebenen, klassischen Sinn sollte wir daher als eine Stufe und ein weiteres Werkzeug zum Verständnis des großen Ganzen sehen, aber nicht als alleinigen Erkenntnisweg, sonst wird aus dem Weg eine Sackgasse.

1) Rupert Sheldrake Der 7. Sinn der Tiere Ullstein Verlag

2) s. Deutschlandfunk, 20.12.2009, 16.30 Uhr(„Grün und schlau“, nachzuhören als Podcast über www.dlf.de

3) Peter Russel Die erwachende Erde Heyne-Verlag 1984/91

Autor: Hugh_Friedrich Lorenz

Schriftsteller, Gesellschaftswissenschaftler, Publizist, Hörbuchprouzent

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