Die „..ehmmm“ Generation – über Unerträgliches in der Alltagskommunikation

Zugegeben: Ich bin Sprachsensoriker, leide unter einer eindeutigen Idiosynkrasie, was den Umgang mit der mir heiligen deutschen Sprache betrifft und der Art und Weise, wie sie kommuniziert wird.

Da geht es mir wie dem Musiker mit dem absoluten Gehör: Er bekommt einen Schreikrampf, wenn in einer Harmonie, zum Beispiel Gmaj7, auf einer Gitarre die E-Saite verstimmt ist.

Mit der Verstümmelung der gesamtdeutschen Syntax habe ich mich inzwischen abgefunden – soviel Tribut an die Generation der autistischen SMS-Schreiberinnen muß wohl sein.

Aber eines kann ich nicht ab und will ich nicht ab: Diesem geradezu inflationär um sich greifenden „…ehmmm..“ vor jeder zweiten Meinungsäußerung, wie sie nicht nur die gepearcte und getatoote blon­de Hauptschülerin im hochintellektuellen Dialog über die gestylten Lippen spült, sondern inzwischen auch Politikkerinen und Politiker, jede zweite Moderatorin oder Journalistin – es ist schlichtweg ein Graus!!!

Denkpause

Nun kennen wir ja aus der Rhetorikschulung den Moment, in dem du einfach mal kurz nachdenken mußt, bevor du antwortest.

Helmut Schmid, das Altgenie, machte das so, daß er dabei stumm an seiner Zigarette zog und in die Luft starrte, als hätte er die Frage nicht verstanden.

Die junge, aber die Welt voll im Griff habende Dame um die Ecke aber raunt halt mal so eben: „…ehmmm“, um zu signalisieren, daß sich da cerebral etwas abspielt (oder auch nicht?).

Aber hier geht es zur Sache: Sie sagt das nicht etwa, weil sie nachdenkt, sondern … weil es eben in ist, zu ehmmmen, that´s the point!

Die Ehmmmerei ist inzwischen zu einem flächendeckenden Konsens an „..ja also, ehmmm, he, ja, ehmmm, keine Ahnung!“ geworden, die eine wirklich keine Ahnung habende Generation auszuzeichnen scheint.

Affen

als Primaten zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, nahezu perfekt nachahmen zu können.

Da der homo sapiens sapiens ja nun dem Schimpansen nahe steht, scheint es, daß er das übernommen hat: „Du ehmmmst? Dann ehmme ich auch!“

Wissenschaft

Oh je, die hat da einiges beizutragen, um zu erklären, warum da munter bundesweit geehmmmt wird.

Unter anderem, weil – nun  dürfen Sie verblüfft sein! – viele von denen, die da reden, eigentlich … nichts zu sagen haben, aber dies geschickt verpacken müssen, also genau entgegen der Erkenntnis von Voltaire:: „Selig, die nichts zu sagen haben und trotzdem schweigen!“

Dieselbe Wissenschaft hat aber auch eine ganz andere Erklärung für die Ehmmmerei: Die anderen ehmmmen, also ehmme ich auch! (siehe unter Schimpansen).

Fragen Sie eine junge Dame an der Rezeption eines Hotels, ob denn für diese Nacht ein Zimmer frei sei, wette ich mit Ihnen einen Cent (mehr kann sich ein armer Schriftsteller nicht leisten), daß sie zunächst ein „.ehmmmm“ über ihre Lippen rauschen läßt, bevor das eigentlich naheliegende „..da will ich gerne mal nachsehen!“ Ihre geneigten Ohren erreicht.

Ist Herr Direktor Müller im Büro?“ „Ehmmm, da muß ich gerade mal nachsehen…“

Nein: Ich habe keinerlei Nachsehen mehr mit der schlichtweg mein Sprachempfinden beleidigenden Ehmmmm – Generation, mich befällt nur noch Brechreiz, wenn um mich herum nur noch geehmmt wird, so, basta, fertig.

Infantilisierung

Wir sogenannten Erwachsenen sollten wachsam sein, was die Bewahrung unserer Sprachkultur betrifft. „Back to the roots“, also zurück ins Kindergartenzeitalter der verbalen Verständigung, rüttelt an den Wurzeln unserer Kultur.

Pubertät den Pubertierenden, Kindergarten den altersmäßig entsprechend Einsitzenden, einver­standen – aber bitte nicht herum ehmmmen mit erwachsenen Frauen und Männern! Wehret den Anfängen!

Da war noch was, was ich schreiben sollte, fällt mir aber gerade nicht ein … ehmmmm…

Autor: Hugh_Friedrich Lorenz

Schriftsteller, Gesellschaftswissenschaftler, Publizist, Hörbuchprouzent

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