Über Zivilcourage statt Schikane. Und eine wiederentdeckte Menschlichkeit.

Bert Brecht läßt sie singen: „Und die einen / sind im Dunklen / und die andern / sind im Licht / doch man siehet / die im Lichte / die im Dunklen / sieht man nicht!“ [1]

Whistleblowers

Im Grunde sind viele Heldinnen und Helden des Alltags, die wir als solche zunächst gar nicht erkennen, den Menschen ver­gleich­bar, die andere über Betrug oder über untragbare Zustände in Unternehmen und Institutionen anonym informieren.

Denn die verborgenen Heldinnen und Helden machen das indirekt:

Sie prangern schlimme Zu­stände stumm an, indem sie diese durch ihre eigenen Möglich­keiten spon­tan ändern oder zumindest beeinflussen, ohne groß darüber zu reden, basta.

Aber auch dadurch senden sie ein Signal in die Gesellschaft: „He, da liegt etwas im Argen!“

Kulanz

In der leider allmählich dahinwelkenden, guten alten Geschäftswelt war sie das, was wir heute ein «Marketinginstru­ment» nennen würden: Die Erledigung eines Streitfalles oder eines schwierigen Ge­schäfts­vor­gangs «auf dem Kulanzweg».

Sie fußte unter anderem auf der bewährten Philosophie «leben und leben lassen».

Sie war zum Beispiel ein wesentliches Merkmal der vielgepriesenen, vorbildlichen Kultur hanseati­scher Kaufleute.

Ich erinnere mich an einen Tip meines hochgeschätzten, langjährigen Geschäftspartners und Lehrmeisters in zahlreichen Bereichen, Prof. Horst Lange-Prollius, der mir verriet: „Wenn ich eine Rechnung über tau­send­zweihundert Mark schrei­be, dann füge ich oft einen Posten ein, den ich dem Kunden eigentlich auch hätte verrechnen können, zum Bei­spiel Telefonkosten. Ich füge ihn ein, ja, aber in der Spalte für den Betrag steht dann «Kulanz».

Grauzonenkulanz

Ein Freund, der momentan leider auf Leistungen nach dem sogenannten SGBII angewiesen ist, erzählte mir, daß die Prüfung seiner Antragsunter­lagen nach erster Auskunft von Sachkundigen Wochen hätte dauern können, wenn ihn die Sachbearbeiterin hätte schika­nieren wollen.

Darauf hatte er sich zunächst eingestellt, denn wer erwartet denn von Behörden schon Gutes!

Aber siehe da: Trotz Unter­lagen, die er nicht sofort beibringen konnte, war sein Antrag innerhalb weniger Tage bewilligt, zumindest für eine für ihn akzeptable Frist, die ihm über das Schlimmste hinweghalf.

Was in der Amtssprache der «Ermessensspielraum» genannt wird, ist nicht selten die gute alte Tugend der «Kulanz».

Nun fällt es aber dem selbständigen Kaufmann, der nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist, nicht schwer, selbige zu zeigen.

Gibt es aber eine dritte Person, die die Einräumung einer Kulanzregelung eventu­elle sogar rügen könnte, erfor­dert es schon eine Portion Mut, teilweise sogar zivilen Ungehor­sam.

Augenzwinkernde Solidarität

Was an Härte von oben verordnet wird, wurde und wird immer wieder in den unteren Riegen derer, die oft Wahn­witziges im Alltag anwenden, gegenüber ihren Mitmenschen gnadenlos durch- und umsetzen müßten, stillschwei­gend ent­schärft.

Die Sachbearbeiterin im JOB­CENTER, die kulante Dame an der Su­per­­marktkasse oder in der Rekla­mationsabteilung, der Voll­­­­streckungsbeamte der Fi­nanz­­behörde, all die nach allgemeiner Auffassung «klei­nen Rädchen im Getriebe», sie tragen heutzutage mehr und mehr dazu bei, daß der Glaube an «Herz statt Kommerz» und an die Solidarität der kleinen Leute wieder wächst.

Sie retten keine Betriebe, erscheinen nicht in der Presse, sondern sind einfach nur Frau oder Herr Jedermann von nebenan.

Aber mir scheint, sie tragen mehr bei zur wachsenden Über­zeugung, daß wir die schlimmsten Auswüchse dessen, was uns kaltblütige Techno­kraten und lebensferne, abge­hobene Gesetze einreden wollen: Daß erst die Vorschrift käme und dann der Mensch.

Danke!

Nur mal so, zwischendurch und aus dem Handgelenk: Danke an alle, die ohne Goethes Gedicht je gelesen zu haben, nach dem Motto leben, das so schwierig zu leben ist und doch so sehr befriedigt wie kein anderes, so es uns denn gelingt, es im Alltag umzusetzen:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ [2]).


[1]) Bert Brecht, Dreigroschenoper

[2]) Johann Wolfgang v. Goethe, Das Göttliche

Autor: Hugh_Friedrich Lorenz

Schriftsteller, Gesellschaftswissenschaftler, Publizist, Hörbuchprouzent

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.