Titanic- was wir über Eisberge und Menschen lernen können

Richtig gelesen: „über“ und nicht „von“!

Denn von Eisbergen wäre nicht viel zu lernen, als daß sie sind, wie sie sind, daß sie, ihrer Strömung vorgegeben, einen Luxusliner ebenso aufschlitzen würden wie ein Ruderboot und daß sie sachte vor sich hinschmelzen, bis es sie einfach nicht mehr gibt;

was gleichermaßen für Menschen gilt: Auch sie folgen träge und meist ziemlich unreflektiert der Strömung, machen auf diesem Weg nieder, was sich ihnen in den Weg stellt und schmelzen dahin, bis daß der Tod sie vom Leben scheidet.

Aber über beide Spezies für unser aller Alltag etwas zu lernen, bringt hochinteressante Erkenntnisse mit sich.

Denn wenn wir die Ereignisse des 14. April 1912 betrachten und das, was seither darüber geschrieben wurde, könnten wir uns im Sessel zurücklehnen und sagen: „Na ja, so ist der Mensch nun mal! Hybris, Arroganz, Neid, Mißgunst, Ängste, Verklemmtheit, Gier, Sehnsüchte, Feigheit, Mut, Liebe, Haß, Erbärmlichkeit, Selbstüberschätzung…“

Eisbergmetapher

Aber es gäbe da auch noch eine andere Sichtweise.

Wir könnten dieses die Welt ja wohl seit 1912 zweifellos berührende Drama als einen Fingerzeig sehen: „Eisberge lauern überall – also achte auf deine persönliche Titanic!“

Es war der Mensch, der 1912 (aber nicht nur dann) die Natur herausforderte, nicht umgekehrt;

es war der Mensch, dem die Natur – was für ein deutliches Signal! – durch einen in gerade­zu zeitlupenhafter Langsamkeit dahintreibenden Eisberg signalisierte: „DU eilst, haßtest, gierst? Nun, ich habe Zeit – etwas, was du, moderner Mensch, nicht mehr zu kennen scheinst, außer als Signal auf deiner goldenen Luxusarmband­uhr… die ich jetzt so ganz nebenbei mal eben in die Tiefen des Meeres versenke, um dir zu zeigen, was sie wirklich wert ist!“

Ziele

Die armen, in den unteren Decks versteckten Auswanderer, die den größten Anteil der Passagiere der Titanic ausmachten, hatten ein ganz menschliches, ein einfaches Ziel: Ein besseres Leben.

Die Gäste in der Oberklasse hatten dagegen ein Zielkaleidoskop zwischen Selbstdarstellung, Eitelkeit und Langeweile.

Was aber, bitteschön, ist das Ziel unserer, meiner, Ihrer persönlichen Titanic 2019?

Liebe? Lebensqualität? Gelassenheit, die Suche nach dem Sinn des Lebens?

Luxusgewohnte Menschen in der sogenannten westlichen Hemisphäre benehmen sich wie die Passagiere im Oberdeck der Titanic: Alle Bequemlichkeit, aller Alltagskomfort, alle Sicherheiten sind selbstverständlich, ja: Sie stehen mir doch zu!!!

Und das Ziel lautet… na ja, in New York ankommen, was sonst?

Als mich vor einiger Zeit ein wacher, blitzgescheiter junger Mann spontan nach meinen Zielen fragte, mußte ich nicht lange überlegen: „Ich möchte einmal als gütiger, demütiger alter Mann sterben, der weiß, daß er der Welt und dem großen Lebensstrom mehr gegeben hat, als er geschenkt bekam!“

Alle blitzgescheiten, jungen Menschen verstehen das besser, als einen Werbeslogan für das neue Audi-Modell – und, oh Wunder: Es gibt immer mehr blitzgescheite junge Menschen, sie fallen nur in der Masse der „ehmmm…“ stammelnden JuniorInnen nicht so auf…

Willkommen an Bord!

Nur so zur Erinnerung: Auch 2019 befinden wir uns auf einem durch menschliche (oder genauer: durch männliche, nahezu ausschließlich von Männern gesteuerte und kontrollierte) Hybris überdimen­sionierten Luxusliner, auf dem die Mehrheit unter dem Meeresspiegel vegetiert und nur mal zumindest auf ein besseres Leben hofft- sauberes Wasser, eine Brotsorte (die aber zuverlässig geliefert!) und auf ein bißchen Würde, das wäre für diese MITmenschen so wie der tägliche Kaviar für uns auf dem Oberdeck….

Sie warten auf ein Minimum, während wir (Europäer, Nordamerikaner, Japaner usw.) uns als Maximum oben die Bäuche mit sechsunddreißig verschiedenen Brotsorten, Trüffelpastete und edlem Proseco voll­stopfen.

Fokussiert auf Wirtschaftswachstum und die Perfektionierung der Kunst des Konsumierens, ignorieren wir die Funksprüche über ruhig vor sich hintreibende Eisberge.

1912 ebenso wie 2012/19 – die Geschichte wiederholt sich doch!

Autor: Hugh_Friedrich Lorenz

Schriftsteller, Gesellschaftswissenschaftler, Publizist, Hörbuchprouzent

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