Moderne Aspekte der Parapsychologie

Begriff und Historie

Bis heute nehmen die Vertreter der Psychologie für sich in Anspruch, Phänomene wie Reinkarnation, Psychokinese, Telepathie, Hellsehen, Spukphänomene, Hypnose, Materialisationen, Telekinese etc. seien ihrer Wissenschaft und somit indirekt der Medizin zuzurechnen. Sie stigmatisieren somit nicht greif-, meß- und sichtbare Manifestationen unbekannter oder nicht zuzuordnender Komponenten unseres Daseins und implizieren, es handle sich bei ihnen, wie etwa bei Schizophrenie oder Paranoia, um „abnorme“, krankhafte seelische Ausnahmezustände.

Um 1889 prägte daher nicht ein Metaphysiker oder ein Philosoph oder gar ein Theologe, sondern ein Psychologe – Max Dessoir – den Begriff Parapsychologie für Phänomene, die nach seiner Einschätzung sozusagen neben den Arbeitsgebieten der klassischen Psychologie existieren (griech.: „para“ = neben). Besonders in England wuchs Ende des 19. Jahrhunderts das Interesse an für den normalen Menschenverstand unerklärlichen Phänomenen. Aus dem Ghost Club (1862) entstand 1882 die Society for Psychical Research (SPR), der auf dem Kontinent z.B. in Deutschland die Psychologische Gesellschaft (München, Albert Freiherr von Schreck-Notzing) oder in Frankreich das Institut Métaphysique International folgten.

Zahllose freie Autoren wie Swedenborg, Messmer, Gustav Meyrink u.A., die keiner Institution angehörten, bereicherten die Literatur mit individuellen Beschreibungen ihrer Sicht der Dinge. Die renommierte Stanford-Universität in den USA und die Duke-Universität in Durham beschäftig(t)e sich seit dem 19. Jahrhundert sogar mit nach streng akademischen Vorgaben erfolgter Erforschung „außersinnlicher Phänomene“.

In der Folgezeit bemüh(t)e sich eine weltweit wachsende Zahl interdisziplinär denkender Vertreter der orthodoxen Wissenschaft, der Ratio unerklärliche Erscheinungen zu erforschen. Seit einigen Jahren jedoch werden immer mehr Lehrstühle für Parapsychologie aufgehoben und die Forschung beschränkt sich auf Leistungen einzelner interdisziplinärer Denker (z.B. dem Biologen Lyall Watts im angelsächsischen Raum). Eine viel größere Gruppe von Wissenschaftlern jedoch versucht immer noch hartnäckig, so wie z.B. auch die Astrologie, übersinnliche Phänomene als Hokuspokus oder gar als Betrug zu entlarven.

Schein und Sein

Tatsächlich finden sich im Grenzbereich zwischen sicht-  und greifbarer Realität und von oftmals mit erschütternden persönlichen Erlebnissen verbundenen Erfahrungen einer Para-Realität seit Menschengedenken Täuschung und Betrug, was dem grundsätzlichen Anliegen solider Forschung nicht gerade zuträglich ist. Von den alten Ägyptern, den Griechen und Römern über die Alchimisten und die fahrenden Gaukler im Mittelalter bis in unsere Tage wurden und werden immer wieder plumpe, aber auch raffinierte Versuche entlarvt, Übersinnliches vorzutäuschen.

Unberührt davon verbleibt jedoch zweifellos ein unerschöpflicher Bereich an von nahezu jedem Menschen im Laufe des eigenen Lebens erfahrenen Begegnungen mit rational Unerklärlichem und eine endlose Reihe an von glaubwürdigen Zeitzeugen verifizierten Erlebnissen jenseits der Alltagsrealität. Erinnern wir uns jedoch z.B. an den Weg, den die klassische Physik bis zum heutigen Tag zurücklegte, an den Spott und Hohn der Unbelehrbaren, der ihn säumte; an die zahllosen Irrtümer und Fehlinterpretationen, denen sie auf dem langen Weg von Archimedes bis zur Heisenbergschen Unschärferelation und Einsteins Erkenntnissen über die Materie, die eigentlich gar keine ist, unterlag, so gilt auch hier die Erkenntnis, daß, wie es Goethe formulierte, einer neuen Wahrheit nichts schädlicher ist als ein alter Irrtum.

Jenseits der Orthodoxie

Als absolute Antithese zum distanziert-nüchternen Umgang der beschriebenen Wissenschaft der Parapsychologie mit dem Übersinnlichen und ihre simple Zuordnung zur allgemeinen Psychologie darf das Lebenswerk Helena Petrovna Blavatsky gelten, Tochter von Peter von Hahn, eines in russischen Diensten stehenden Offiziers und einer adeligen Russin. Ohne eine Beschäftigung mit ihren Lehren und ihrem literarischem Werk wäre eine Beschäftigung mit „paranormalen“ Phänomenen nicht vollständig. Blavatsky, die bereits 1875, also lange vor den ersten Versuchen der Psychologen zur wissenschaftlichen Erforschung des Übersinnlichen, in New York die Theosophische Gesellschaft gründete, beschritt den anderen Weg: Nicht der Einsatz der Ratio oder gar Mißtrauen gegenüber den die Menschheit seit eh und je begleitenden, jedoch dem Wissenschaftswahn des 19. Jahrhunderts unverständlichen Phänomenen, oder gar der parapsychologische Ansatz des Experiments, das diese Phänomene verifizieren oder falsifizieren sollte, wie es die Spiritisten taten, war ihr Weg.

Sie ordnete diese Phänomene vielmehr in ein Weltbild ein, das sich vor allem aus den Lehren des Buddhismus und Hinduismus formte (sie lebte einige Zeit in Indien). Die Tiefe ihrer Gedanken und die spirituelle Kraft ihrer Persönlichkeit und ihrer Lehren beeinflußten u.a. Rudolf Steiner (er leitete 1902 bis 1913 die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft) und die sog. New Age Bewegung, wobei hier insbesondere Blavatskys Sicht der Einbettung des Menschen in kosmische Zusammenhänge gelobt werden.

Pars pro toto?

Alle durch die Parapsychologie beschriebenen Unerklärlichkeiten kreisen interessanterweise nahezu ausnahmslos um den Menschen. Was aber ist mit Fauna und Flora? Sehen z.B. nur Menschen oder aber auch Tiere das, was wir als „Geister“ bezeichnen? (s. Rupert Sheldrake: Der 7.Sinn der Tiere 1).

Präkognition, Hellsehen, Telepathie, Hellhören – alles nur für Adam und Eva oder auch für Katzen, Hunde und Elefanten, für Kaktus, Kopfsalat und Kokosnuß 2)?

Gestehen wir jedoch auch Tieren und Pflanzen eine Psyche zu, so würde das bedeuten, daß die Parapsychologie sich mit dem Gedanken befreunden muß, daß die von uns Menschen beobachteten Erscheinungen von allen beseelten Wesen auf diesem Planeten beobachtet werden können, vielleicht sogar vom gemäß der Gaya-Theorie lebendigen Planeten an sich – die Erdmutter ein ganzheitliches,

Es spricht viel für die jahrtausendealte Einschätzung der Weisen, daß spirituelle Gesetze für den ganzen Planeten gelten und nicht nur für den Menschen. Somit wären unsere „parapsychologischen“ Erfahrungen nur Teil des Ganzen, stünden unsere Eindrücke nur als „pars pro toto“, als ein Teil für das Ganze!

Kopernikanische Wende

Es bahnt sich nämlich offensichtlich allmählich eine Umkehr der Sicht der Dinge an, die der Wende im Weltbild des Kopernikus entspricht (damals: weg vom geozentrischen und hin zum heliozentrischen Weltbild): Die eingangs erwähnten und dem Bereich der Parapsychologie zugeordneten Phänomene sind ganz „normaler“ Bestandteil eines Weltbilds, das sich uns zur Gänze nur noch nicht erschlossen hat. So wie die moderne Physik sich längst von der Vorstellung einer festen Materie gelöst hat und nur mehr generell von einem Feld spricht, in dem sich das, was wir als Materie betrachten, eher als Ausnahme erkennen läßt, die sich jedoch nach noch nicht nachvollziehbaren Regeln auf eine wunderbare Weise vollzieht; so sollten wir heute auch unsere Sicht der Parapsychologie auf den Kopf stellen und fragen, ob nicht Para-Zustände die Regel sind und das, was wir als normal bezeichnen, die Ausnahme.

Bilanz

Für den neuen, wieder ganzheitlichen und mit seiner gespaltenen Natur versöhnten Menschen könnte also durchaus gelten, was für Kleinkinder oder „Wilde“, für Tiere ebenso wie für den Menschen im Rausch gilt: Mit sich selbst identisch sein und keine Komponente seiner selbst verleugnen, verdrängen, sich keiner Komponente seiner selbst schämen, mit sich selbst versöhnt sein, als komplexes, in ein nicht immer greif- und begreifbares Netz an Wunderbarem eingewoben zu sein – in dem eben z.B. auch hellsichtige Momente, ein 7. Sinn, telepathische Verbindung mit geliebten Menschen und Heilung durch spirituelle Kraft und Liebe ihren akzeptierten Platz finden, ohne in eine dubiose Para-Ecke verschoben zu werden. Denn wir scheinen in einem Bündel aus Para-Welten zu leben. Das Wirkungsgefüge zwischen der individuellen Mensch, Tier und Pflanze und den großen kosmischen und spirituellen Gesetzen ist für uns bis heute nur ansatzweise durchschaubar.

Parapsychologie im vorbeschriebenen, klassischen Sinn sollte wir daher als eine Stufe und ein weiteres Werkzeug zum Verständnis des großen Ganzen sehen, aber nicht als alleinigen Erkenntnisweg, sonst wird aus dem Weg eine Sackgasse.

1) Rupert Sheldrake Der 7. Sinn der Tiere Ullstein Verlag

2) s. Deutschlandfunk, 20.12.2009, 16.30 Uhr(„Grün und schlau“, nachzuhören als Podcast über www.dlf.de

3) Peter Russel Die erwachende Erde Heyne-Verlag 1984/91

Gleichzeitigkeit als Herausforderung.

Nichts ist so gleich wie die Ungleichheit der Menschen und was dies für unseren Alltag bedeutet. Gedanken zu einem integralen Bewußtsein.

Nichts ist so gleich wie die Ungleichheit der Menschen und was dies
für unseren Alltag bedeutet. Gedanken zu einem integralen Bewußtsein.

Bertrand Russel wird die Feststellung zugeschrieben, das Schlimmste sei, daß die Dummen sich ihrer Sache immer so sicher seien und die Gescheiten stets voller Zweifel.

Momentan erleben wir einen bis an die Schmerzgrenze dummen amerikanischen Präsidenten, der sich seiner Sache mehr als sicher ist, ja, mit geradezu prophetischem Bewußtsein auftritt.

Klar, alle Psychoprofis sind sich einig, daß wir es bei diesem lügenden, egomanischen Blondschopf mit einem hochgradig psychisch Kranken zu tun haben. Aber das wirft viele Fragen auf, die auch unser aller Alltag betreffen, unabhängig davon, wo auf der Welt wir leben, welchem System, welcher Ethnie wir angehören, welcher Religion, und ob wir Eva oder Adam sind.

Als Schriftsteller empfinde ich so, wie das Albert Camus einmal formulierte: „Darum würde ich mich schämen, heute den Glauben zu erwecken, ein französischer Schriftsteller könne der Feind einer einzelnen Nation sein. Ich hasse nur die Henker.“ [1])

Insofern zähle ich den globalen Henker Donald zu meinen Feinden – als im klassischen Sinne forschen-der Wissenschaftler aber nehme ich das Tagesgeschäft in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Anlaß, nüchtern und emotionslos nach wiederkehrenden Mustern hinter den Phänomen zu suchen, Faktoren zu erkennen und zu beschreiben, die es uns erleichtern, das Geschehen um uns herum in seiner Gesamtheit zu verstehen, damit wir unseren ganz persönlichen Ruhepunkt darin finden können, unsere ganz persönliche Art, mit unseren Mitmenschen umzu-gehen, auch wenn sie z.B. offensichtlich zutiefst ungebildete, infantile, rückständige Psychopathen sind.

Alles jetzt und hier

Das Problem der Globalgeschichte ist nicht mehr die angebliche Rückständigkeit der Anderen, sondern die Neuordnung des Jetzt, die völlig unbewältigte Synchronisation des massiven Parallelismus der globalen Gleichzeitigkeiten“, schreibt Wolf Schäfer. [2]).

Gerade dieses Faktum erschreckt uns: Ein Steinzeitmensch Trump erklärt uns die Welt zeitgleich mit einem Stephen Hawkins; an der MET wird die neueste Inszenierung von Mozarts «Zauberflöte» aufgeführt, während in einem afrikanischen Dorf im gleichen Moment ekstatisch zu wilden Trommelklängen gezuckt wird; in einer amerikanischen Kirche wird während der Predigt auf der Unantastbarkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte beharrt, während Atomphysiker am CERN den Urknall simulieren – läßt sich das alles mit „die Welt ist halt mal so!“ abtun?

Exkurs zu Darwin

Die moderne Biologie weist immer wieder darauf hin, daß Darwins Evolutionstheorie in ihren Grund-annahmen inzwischen nicht mehr angezweifelt werden kann, obwohl noch niemand wirklich beobachten konnte, wie sie abläuft (abgesehen von kurzfristig beobachtbaren Mutationen)

Welche Stufe der Evolution erleben wir bei einem primitiv brüllenden, an ein Gorillamännchen erinnernden Donald Trump, der nur homo erectus erectus, aber keineswegs homo sapiens sapiens genannt werden darf und sich nur in 3% der Gene vom Primaten unterscheidet?

Sollten wir einfach achselzuckend hinnehmen, daß es in der uns bekannten Geschichte der Menschheit stets Hochkulturen zeitgleich mit primitiven Kulturen gab?

Sollten wir uns damit abfinden, daß unser Nachbar, ob in Deutschland oder in den USA, zwar zur gleichen Zeit mit uns lebt, aber in seiner Persönlichkeitsstruktur einer anderen Epoche anzugehören scheint?

„Annähernd zwei Millionen Jahre dauerte die steinzeitliche Kindheit des Menschen, in welcher er Konfliktsituationen und außergewöhnliche Eindrücke nach Art psychologischer Archetypen gespeichert hat.

Das sind rund 60000 Generationen von Steinzeitahnen, deren geistiges und psychologisches Erbe der Mensch von heute unbewußt zu tragen hat, ob es ihm nun recht ist oder nicht.

Alle kulturellen Anstrengungen der 150 bis 200 nachsteinzeitlichen Generationen haben nicht vermocht, das steinzeitliche Erbe völlig zu bewältigen. Die Nachsteinzeit war zu kurz, um unser kollektives Unterbewußtsein von steinzeitlichem Gedankengut zu befreien. [3])

Betrachten wir jedoch Evolution im Sinne Teilhard de Chardins, so ist sie eine Evolution des Bewußtseins, ein Aufstieg des Lebens hin zum Bewußtsein. [4])

Ein solcher Aufstieg jedoch kann sehr wohl, anderes als bei der Evolution des Sichtbaren im darwinschen Sinne, bei einzelnen Individuen beobachtet werden – wer kennt nicht Menschen in seinem Umfeld, die aus welchen Gründen auch immer aus bisherigen Verhaltensmustern konsequent „aussteigen“, um diszipliniert und konsequent ein „bewußteres“ Leben führen?

Exkurs zu Peter Russel

Als in den 1960ern die revolutionäre Gaia-Hypothese entwickelt wurde, die uns darauf hinwies, den Planeten als ein lebendiges, homogenes und in sich vernetztes System zu betrachten, hatte dies auch Auswirkungen auf die Geisteswissenschaften. [5])

Denn wir sind nunmehr aufgefordert, uns endgültig von der Vorstellung zu lösen, irgend ein «Phänomen» [6]) sei für sich alleine zu betrachten.

Als Peter Russel [7]) Beispiele für überaus seltsame Naturkonstanten als Beleg für diese Theorie formulierte – z.B. den konstanten Salzgehalt der Meere, den konstanten Sauerstoffanteil in der Atmosphäre – und als sich plötzlich Mediziner an die Konstanten im menschlichen Körper erinnerten wie z.B. Körpertemperatur, Zahl der Pulsschläge etc., öffneten sich interdisziplinäre Kooperationen, die neugierig diese Beobachtungen verfolgten und noch verfolgen.

Wenn also letztlich alles mit allem vernetzt scheint, bedeutet das doch, daß ich im selben Netz zapple wie Donald Trump?

Exkurs zu Gebser

Zum Glück gab es da diesen im klassischen Sinne «Universalgebildeten», der mit genialem Scharfblick erkannte, daß eine Analogie besteht zwischen der Entwicklung des globalen Bewußtseins und der Entwicklung des Bewußtseins eines jeden Individuums.

Seine scharfsinnige Beschreibung der Strukturen menschlicher Bewußtseinsformen, die in seinem zentralen Werk «Ursprung und Gegenwart» ihren Niederschlag fanden, tragen viel zum Verständnis bei, warum sozusagen zeitgleich ein Donald Trump, ein Stephen Hawkins, ein tätowierter «Hells Angel» und ein geisterbeschwörender afrikanischer Medizinmann auf unserem Planeten leben. [8])

Die archaische und die magische Bewußtseinsstruktur, die eine raum- und zeitlose, eine sozusagen nulldimensionale war und der der Steinzeitmensch angehörte, wurde eben nicht vollumfänglich abgelöst, sondern nur ergänzt resp. überlagert durch die mythische Struktur, die in unseren zahlreichen, noch unseren Alltag im 21. Jahrhundert bestimmenden «Mythen» der Menschheit wertvolle Schätze bescherte und gerade durch die Ambivalenz dieser Empfindungen die Kulturgeschichte bereicherte. [9])

Diese mythische Bewußtseinsstruktur führte zu einer Bewußtwerdung der Seele, der Innenwelt: „War das Resultat der magischen Struktur die Bewußtwerdung der irdischen Natur, also vornehmlich der Erde, so bringt die mythische den Gegenpol der Erde, nämlich die Sonne und den Himmel, zum Bewußtsein. Damit wird die im magischen Kampfe angeeignete Erde gleichsam umfangen von den beiden polaren Wirklichkeiten: von dem unter-erdhaften Hades und dem über-erdhaften Olymp.“ [10])

Das, was Gebser die «mentale» Struktur nennt (von «mens = messen), begegnet uns überraschenderweise auch wieder erstmals in Griechenland, ca. 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung: Interessanterweise hinkte der Rest Europas hinter dieser Periode der großen Denker und Eroberung des Raumes, damals vor allem durch Mathematik (Euklid, Pythagoras etc.), hinterher und entdeckte den Raum erst um ca. 1200 nach Beginn unserer Zeitrechnung! [11])

Und auch bei dieser Bewußtwerdung, bei diesem Auftreten einer neuen Bewußtseinsstruktur, gilt: Sie ergänzt die anderen Strukturen, aber ersetzt sie nicht. Erst in einer hypertrophierten Form, wie wir sie im 20. Jahrhundert erlebten, als nur noch galt, was meßbar ist (anknüpfend an Newtons Imperativ, alles zu messen, was meßbar sei, und alles meßbar zu machen, was es noch nicht sei) erlebten wir die degenerierte Form.

Analogien

Legen wir dieses Modell der sich gegenseitig überlagernden Bewußtseinsstrukturen und der ihnen zugrunde liegenden Mutationen jetzt unserem jeweiligen eigenen Leben zugrunde, erscheint plötzlich das Individuum, der einzelne Mensch an sich, in einem ganz anderen Licht: Jede und jeder Einzelne von uns erlebt nämlich genau diese Reise durch die diversen Strukturen, vom embryonalen Stadium (archaisch) über die ersten ein, zwei Lebensjahre (magisch) und dann das Erwachen und Erkennen des Du und des ich, des Traumes im Alltag, der Märchen und Irrationalitäten (mythisch) hin zum Erwachen der Ratio, der Entdeckung des Individuellen, des Geeinzeltseins, des eben nicht umfänglich geborgen Seins in der mütterlichen «Höhle» und dem kosmischen Geschehen, sondern als isoliertes Individuum, wie uns das ja das moderne Zeitalter mit der grausamen Isolation und dem gleichzeitigen absolut in den Vordergrund rücken des Egos als zentrales Moment warnend aufzeigte.

Es sei hier noch erwähnt, daß der hellsichtige Gebser bereits die aufkeimende, neue Bewußtseinsstruktur, die er die integrale und die a-perspektivische [12]) nannte, nachwies mit dem unbedingten Hinweis, daß in keinem Fall auch nur eine dieser vorhergehenden Strukturen als überholt oder gar verzichtbar gesehen werden darf: „Wir haben selbst das Praerationale nicht nur als einst gültig, sondern als selbst heute noch aus seiner uns mitkonstituierenden Struktur heraus als wirksam ersichtlich gemacht. Und darüber hinaus haben wir von der Unverlierbarkeit der archaischen Struktur gesprochen, die infolge ihrer Ursprungsgegenwärtigkeit auch heute stets gegenwärtig ist.[13])

Zurück zum Trumpeltier

Trump, der grimmig drein-blickende Gorilla – nur noch nicht angekommen in der mentalen Struktur und deshalb auch nicht mit rationalen Argumenten erreichbar?

Oder schlichtweg magisch-emotional dominiert, so daß das Mentale keine Chance hat? Das wäre eine Alternativerklärung zu der der klassischen Psychologen.

Testen können wir diese Überlegung in unserem eigenen, ganz persönlichen Umfeld: Herr Meier von nebenan, als «Reichsbürger» bekannt und keinem rationalen Argument zugänglich, im Magisch-Mythischen verhaftet? Frau Professor Schulze, ihres Zeichens Mathematikerin, alles Körperliche verabscheuend, nie die Selbstkontrolle verlierend, nicht einmal beim Tanzen, demnach dekadent mental und jeder magischen Regung fremd?

Und ich selbst: Wann lasse ich alle Komponenten meiner Persönlichkeit zu, je nach Bedarf – kann ich immer meinen eigenen meckernd-kritischen Verstand abschalten und mich an selbst-vergessen lärmenden, raufenden Jungs erfreuen, ohne zugleich über die Spätfolgen mangels Disziplin für die armen Kleinen nachzu-denken? Und wer bin ich, wenn ich eintauche in die Woge am Südflügel, wenn mein Verein den «Bayern» eins auf den Rüssel gibt – triebgesteuert-magisch oder gar archaisch?

Alles jetzt – wie leben?

Meine Zeit ist begrenzt, aber je mehr ich eintauche in die Reflexion darüber, was für ein Plan hinter diesem gleichzeitigen wahnsinnigen Geschehen steht und ob es da überhaupt einen gibt, um so schwieriger wird die Entscheidung, wer und wie «ich» überhaupt sein will und gar: Sein kann!

Wenn sich in meiner persönlichen Seelenstruktur vom Zustand der dumpfen, unreflektierten embryonalen Geborgenheit bis zum integral-spirituellen alles vereint, taucht unweigerlich die Frage auf, welche Fähigkeiten ich denn dringendst pflegen sollte, um all der Gleichzeitigkeit und der Komplexität des eigenen Lebens und des Daseins insgesamt zu begegnen, geschweige denn dem Welt-geschehen?!.

Eine sinnvoll erscheinende Antwort gibt, so scheint es mir, Gerhard Szczesny:

„Das, was jeder Mensch unter allen Umständen und allein auf sich gestellt zu bestehen hat, was nicht zu ändern und zu umgehen ist, sind die Grundbedingungen seiner Existenz: er erfährt sich als ein unvollkommen ausgestattetes, widersprüchlich angelegtes Wesen. Seine Lebenszeit ist be-grenzt. Es bedrohen ihn Alter und Krankheit, Unglücksfälle und Enttäuschungen. Er scheiterte bei der Lösung privater und sozialer Probleme ebenso wie bei dem Versuch, den Dingen auf den Grund zu kommen und weiß letztlich nicht zu sagen, worauf dieses Leben, aus dem er ebenso ungefragt entfernt werden wird, wie er in es hineingeraten ist, eigentlich wurzelt und welchen Sinn es hat. Es sind diese Grund- und Grenzerlebnisse, die die stärkste und beständigste Herausforderung für den Menschen darstellen, und es sind für ihn also jene Fähigkeiten am unerläßlichsten, die es ihm erlauben, diese Herausforderung zu bestehen: Einsicht, Mut, Gelassenheit. Diese Eigenschaften sind schon in der antiken Philosophie in den Rang von Kardinaltugenden erhoben worden. Sie hießen dort: Weisheit, Tapferkeit (im Sinne von Fähigkeit zur Anspannung des Willens) und Besonnenheit (im Sinne von Selbstbeherrschung). [14])

Wir sollten den Griechen doch weitere Kredite bewilligen…!


[1] Albert Camus, in: Briefe an einen deutschen Freund. Vorwort zur italienischen Ausgabe.

[2]) Wolf Schäfer, in: Ungleichzeitigkeit als Ideologie. Beiträge zur historischen Aufklärung. Fischer 1994

[3]) aus: H. Wunderlich, Wieviel Steinzeitdenken steckt im modernen Menschen? Die Steinzeit Ist noch nicht zu Ende“. Rowohlt 1974

[4] ) Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos

[5]) entwickelt von Lynn Margulis und James Lovelock

[6]) aus dem Griechischen φαινόμενον fainómenon‚ ein sich Zeigendes, ein Erscheinendes

[7]) Peter Russel, Die erwachende Erde. Unser nächster Evolutionssprung. Heyne 1984

[8]) Jean Gebser. Ursprung und Gegenwart. Novalis Verlag

[9]) «mytheiomai» fußt in der Wurzel «mu» ebenso jedoch wie «myein», das wiederum „sich schließen“ bedeutet. Das Mythische erscheint uns also ambivalent, als das Zulassen des sowohl-als-auch, so wie z.B. «altus» ebenso für tief wie für hoch, für oben wie unten steht

[10] Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart. Erster Teil S. 113

[11]) Es ist kein Zufall, daß die großen Seefahrer, die großen Entdeckungsreisen, das Erwachen des Reisens an sich, das Berge besteigen etc. sich gleichsam synchron um diese Zeit bewegen, was wir getrost als die «Eroberung des Raums» bezeichnen dürfen. Siehe hierzu vor allem Jean Gebser, Abendländische Wandlungen, Novalis Verlag Gesamtausgabe 1986 Band 1

[12]) Dies nicht im Sinne des alpha negativum, s. a.a.O. S 366

[13]) a.a.O., S 365

[14]) Gerhard Szczesny, Die Disziplinierung der Demokratie oder die vierte Stufe der Freiheit.Rohwolt 1974 S.74

Bewußtseinsmutationen bei Gesellschaften und Individuen

Wer könnte auf die Frage „Wer bin ich?“ schon antworten: „Immer dieselbe“ oder „immer derselbe“?

Denn es ist, bei genauerem Nachsinnen, schon seltsam zu vermuten, daß mein hic et nunc, mein Hier und Jetzt, tatsächlich dasselbe sein soll wie zum Beispiel jenes, als ich ein fünfjähriger Knirps war.

Aber – was ist am heutigen Herrn Lorenz anders als am damaligen Junior, vom veränderten Äußeren und vom Ablegen von (zumindest nur noch gelegentlich auftretenden) Kindskopfereien abgesehen?

Erwachen

Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal scheint eine über­raschende Wachheit zu sein, ein plötzlich aufkeimendes Reflek­tieren, ein Wahrnehmen der Umwelt, das sich deutlich von der des Kleinkindes, ja noch des Pubertierenden unterscheidet.

Beobachten wir an unseren Kindern oder Enkeln diesen überaus spannenden Vorgang der Phase des Übergangs, des Heraus­lösens des Kleinkindes aus der Ichlosigkeit zur erwachenden kleinen Persönlichkeit, erkennen wir ein Muster, das sich sowohl durch die Entwicklung des Indivi­duums als auch, im Makrobereich, durch die gesellschaftliche Ent­wicklung zieht und das wir, in Anlehnung an die genialen Arbeiten Jean Gebsers zu diesem Thema, als Bewußtseins­mutati­onen bezeichnen wollen. [1])

Lassen Sie uns präzisieren, was diese – übrigens im Kindesleben bereits zweite – Mutation [2]) kennzeichnet:

Die für die Umwelt des Kindes wohl am einfachsten wahrzuneh­mende Veränderung liegt in einem zunächst marginal erscheinenden Aspekt: Im Wechsel des Sprach­gebrauchs in Bezug auf das Kind selbst – aus „Hansli Hunger!“ wird, ein vielleicht vorläufig noch gestammeltes „Ich ..Hunger…“.

Diese Entdeckung der eigenen Persönlichkeit, ja, überhaupt erst das Werden einer solchen, stellt einen gewaltigen Schritt im Leben jedes Menschen dar.

Wobei auf die Bedeutung des Wortes Persönlich­keit hinzuweisen ist, das seine Wurzel ja im «per sonare» hat, im «Durchscheinen, Durchklingen».

Die Erziehung, wie wir das nennen, sollte diesen Aspekt, der sich u.a. auch in dem äußert, was wir «Trotzalter» nennen, als Bestätigung des Aufkeimens einer Individualität sehen und es wohlwollend betrachten. Wir sollten diesen Prozeß eher fördern, denn brauchen wir nicht letztlich zukünftig vermehrt Nein-Sager/innen statt Kuschenden?!

Pubertät

Jene Zeit, in der, nach einer ironisch klingenden, aber im Grunde hervorragenden Beobach­tung „…die Eltern schwierig werden“, scheint im Makrobereich der Kulturen jene Periode zu sein, die z.B. Europa (und sein Appendix Nordamerika) in den letzten zweihundertfünfzig Jahren erleben durften.

Denn das Aufbegehren gegen (be)herrschende Zustände, die den eigenen Anforderungen an das Leben, den eigenen Vorstellungen, wie «Welt» funktionieren sollte, entgegensteht, war und ist im Grunde conditio sine qua non jeden Fortschritts, jeder Ent-Wicklung (man beachte die Klarheit dieses Wortes!)

Gebser weist in diesem Zusam­menhang auf den stolzen Ausruf des Odysseus hin, den er den Phaiaken entgegenschleudert: „Ich bin Odysseus (…)!“ – eine selbstbewußte Ichheit, die im individuellen Leben ihre Parallele im Stadium der Pubertät findet, in der damaligen Welt, dem damals herrschenden Bewußtseinszustand eine Ungeheuerlichkeit bedeutet und für das Erwachen des Mentalen steht, dem wir letztlich unser aktuelles Weltverständnis, unser Raumverständnis usw. zu verdanken haben.

Parallelen und Auswüchse

Individualisierung erwies sich zunächst als Segen für die meisten Bereiche unserer menschlichen Gesell­schaft, weil sie mit Spe­zialisierung einherging, stolze, selbstbewußte Individuen hervor­brachte, ohne deren Eigensinn so manche Erfindung, manche sich als segensreich entpuppende Ent­wicklung nicht hätte gelingen können.

Da aber jede Individualisierung, aus ihrer Natur heraus, stets mit einem sich Herauslösen aus einer bestehenden Struktur einhergeht, ist sie ein schmerzhafter Prozeß für alle Beteiligten – wer würde, als Mutter oder Vater nicht jene zwiespältigen Empfindungen ken­nen, die mit jedem Verbieten einhergeht, wer als Tochter oder Sohn nicht die schmerzhaften Gefühle, den Eltern widersprechen zu müssen und dabei zugleich zu wissen, daß das neu-sich-selbst-Entdecken zugleich ein Loslösen bedeutet?

Auswüchse der Individualisierung kennen wir alle aus unserem Umfeld: Stolze, arrogante, ego­manische Menschen, denen die Gruppe nichts oder wenig zu bedeuten scheint, Menschen, die geradezu autistisch handeln.

Die wachsende Zahl depressiver, schwermütiger Menschen sollte auch unter diesem Aspekt gesehen werden: Die Seele erkennt ihre Einsamkeit und betrauert die verlorengehende Geborgenheit in der Gruppe, die dem magischen Bewußtsein, das ja ein Gruppen­bewußtsein ist, eigen war, aus dem sich das Individuum nun herauslöst.

Lassen Sie uns diese Aspekte detailliert näher beleuchten:

Warum erscheint uns unsere Gesellschaft, von oben betrachtet, momentan wie ein durcheinander wirbelnder Ameisenhaufen, der aber, im Unterschied zu den Ameisen, letztlich kein sinnvolles Gebilde als sozial zusammenwir­kende Wesen hervorbringt?

Könnte eine der Ursachen, wenn nicht gar DIE zentrale Ursache, darin liegen, daß sich Grundlegen­des neu strukturiert und daß, wie immer in solchen Übergangsphasen zu Neuem, vorübergehend Chaos herrscht?

Die mentale Bewußtseins­struktur

In Griechenland erlebten wir das ca. im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, in unseren nördli­chen Breiten im 15. und vor allem zu Beginn des 16. Jahrhundert: Den Einbruch des räumlichen Empfindens, der Perspektive, des Messens und Abwägens, aber auch des dadurch hervorgerufenen Teilens, des etwas in seine Einzelteile messende Zerlegen, Zerhacken, in die neugierige Ent­deckung und Erkundung des Raumes.

Ist es nicht seltsam, daß plötzlich, wie aus dem Nichts…

  • …die Perspektive, also die Bildtiefe, Einzug in die Malerei hielt? Bis zu dieser Periode hatten Bilder meist anstelle eines Tiefenhintergrundes z.B. nur einen Goldhintergrund, Land­schafts­malerei war bis dahin perspektivlos, zweidi­men­sional, ja, es gab sie eigentlich noch gar nicht
  • …innerhalb weniger Jahr­zehn­te geradezu eine Epidemie an Entdeckungsreisen, vor allem durch die Seefahrervölker Spanien und Portugal, statt­fand, was einer mutigen «Er­schließung und Entdeckung des Raumes» als Überwindung der Vorstellung der Begrenztheit der Erde als Scheibe gleichkommt?
  • …die Entdeckung der Tiefe des Weltenraumes durch Ko­per­nikus, Kepler, Galilei allge­meine Anerkennung fand (von gelegentlicher Exkom­muni­kation und von gelegentlichem Verbrennen der Erneuerer einmal abge­sehen)
  • …das «Primat des Messens» als zentrale Vorgabe Einzug hielt? (Galilei: „Alles messen, was meßbar ist, und alles meßbar machen, was es noch nicht ist!“)

Mutationen des Ich-Bewußtseins

Wenn wir von dieser historischen Epoche die Analogie zu unserem eigenen Leben, unserer per­sön­lichen Reifung ziehen, so gleicht diese Bewußtseinser­weiterung, die wir in Anlehnung an Gebser einen «Wechsel in die mentale Bewußtseinsstruktur» nennen wol­len, dem Eintritt ins reife Erwach­sen­enalter.

Der sogenannte Ver­stand, das Nützlichkeitsdenken, scheint unse­re Denk- und Verhal­tens­muster zu dominieren.

Wir hinterfragen, sind kritisch geworden. Die Frage „Warum?!“, die einem Asiaten zur damaligen Zeit (1500 n.u.Z.) nicht einmal ansatzweise in den Sinn gekommen wäre und auch heute erst allmählich nach­voll­zogen wird (und eben auch hier als eine bemer­kenswerte Bewußt­seins­mutation der Bewohner eines ganzen Erd­teils zu beobachten ist), diese Frage ist jedoch die Wurzel aller technischen Entwicklung, die Wurzel aller Emanzipation und die Wurzel all dessen, was wir seither geradezu explosionsartig an tech­nischer Entwicklung erleben.

Das, was wir «Verstand» nennen, was uns zu «messerscharfen Schluß­folgerungen» führt, zu Dis­kursen, das, was die Scho­lastiker, was Rousseau, was Kant und Nietzsche, Carnap und Cassierer, Wittgenstein und Luh­mann erst ermöglichte;

das, was dazu führte, daß wir an einem Schalter knipsen und es wird hell im Zimmer, oder auf einen Bildschirm starren, über den wir eine Mondlandung verfolgen können, ist dem reflektierten, dem kritischen, dem wachen, dem taghellen Bewußtsein zu verdan­ken, daß sich aus der Magie und dem Mythos gelöst hat – eine großartige abendländische Lei­stung, die sich aber in jeder und jedem von uns widerspiegelt: „Ja, ich bin erwachsen, kritisch, selbst­bewußt, hinterfragend, entwick­lungsfähig!“

Exzesse

Das Leben bewegt sich jedoch stets in Zyklen, es pulsiert stets zwischen zwei Polen.

Ganze Kulturen unterliegen Zyklen, nämlich denen zwischen ihrem Erwachen, ihrem Wachsen, ihrer Blütezeit und schließlich ihrem Niedergang.

So auch Bewußtseins­formen: Wir befinden uns in Europa und in Ländern, die vom europäischen Weltbild geprägt werden, zweifel­los momentan in einer Dekadenz­phase, in der letzten Phase des Zyklus des mentalen, des Nüch­tern-Nützlichkeits­orien­tier­ten, der selbst unsere Lebenszeit hektisch atomisierenden Periode, mit dieser Einsicht sollten wir leben.

Sie zeigt sich darin, daß der Gedanke des Messens und des Teilen, des Segmentierens sich, sozusagen verselbständigt, bis zum Exzeß fortschreibt: Die Zeit – die «vierte Dimension» genannt -, wird verräumlicht, so, als wäre sie in exakte und gleichbleibende Ein­heiten aufzuteilen. Was sie aber nicht ist.

Neues

Die überall zu beobachtende Hektik, das immer atemloser werdende Tagesgeschehen, nicht mehr nur in europäisch-westlichen Ländern, sondern mittlerweile glo­bal, scheint darauf hinzu­weisen, daß wir vor einer entscheidenden Bewußtseinserweiterung stehen.

Sie könnte sich so darstellen, wie sich das Leben des reif gewor­denen Menschen (einem Greis?) darstellt:

  • Mit sich selbst, mit der eigenen Entwicklung, der eigenen Biographie versöhnt
  • Gelegentlich und im passenden Moment auch das Kind in sich zulassen (die magisch-mythische Bewußtseins­struktur)
  • Abgeklärt und kritisch all das hinter­fragen, was in jüngeren Jahren oft über die Emotion entscheiden worden wäre (= mentale Bewußtseinsstruktur)

Betrachten wir die täglich zunehmende Zahl an Revolten, sei es im Makrobereich der Völker, des Politischen, sei es im Mikrobereich der Unternehmen und der Welt der Wirtschaft allgemein, ja sogar im Mikro-Mikrobereich in den Famili­en, wo Kinder und Frauen auf­begehren gegen patriar­cha­lische Verhal­tensmuster von ge­stern, die nicht mehr akzep­tiert werden, so blitzt da offensichtlich etwas Neues auf.

Wie aber manifestiert sich dieses «Neue Bewußtsein», und was kenn­zeich­net es?

Integrales Bewußtsein

Im Kontext des eben erwähnten, des stets das Zulassens, was in mir selbst sich gerade Bahn bricht, also – auf den Punkt gebracht – des «alle Aspekte meiner Persönlich­keits­struktur Akzeptierens» und in mein jeweiliges Verhalten ruhigen und gelassenen Integrierens, wol­len wir diese neue Bewußts­einsstruktur die integrale  nennen, auch wieder in Anlehnung an Jean Gebsers bahnbrechende Arbei­ten [3]).

Und wer sich mit der modernen Quantenphysik beschäftigt und mit dem verblüffenden Modell John Lovelocks, das er «morphische Fel­der« nennt, wird Mut schöpfen.

Denn daß das, was eine wach­sende Zahl von Menschen sich herbei­sehnt, sich letztlich wirklich manifestiert, ist inzwischen unbe­strit­ten (Lovelock und Peter Russel sprechen von erforderlichen Zeh­ner­­po­ten­zen).

Wer die höchst professionell zusammengetragenen Ergebnisse der aktuellen Forschungsstände hier­zu gesehen hat, wird keinen Zweifel mehr hegen, daß sich Neues Bahn bricht, was die engen Grenzen des momentan herr­schenden mentalen, auf überhol­ten Annahmen fußenden Weltbilds sprengt. [4])

Fazit?

Gelassenheit ist angesagt!

Beobachten, Schmunzeln, aber zugleich Aussteigen aus dem hektischen, typisch mentalen Bewußtsein, das durch künstliche Überhöhung des Alltagstempos verwirrt, betäubt.

An sich selbst prüfen: Wo und wann kann und will ich Kind sein, wann rational, wann einem Mär­chen lauschen (mythisch), wann dem Neuen, Heran­wachsenden, Spannendem in mir Raum geben?

Besonders im Bereich der Entwicklung einer neuen Öko­nomie, eines veränderten Umgangs mit der Frage, wie ernähren wir morgen 10 Milliarden Menschen und sorgen zugleich dafür, daß sie erfüllt, glücklich, menschenwürdig durch ihr Leben gehen, bedarf es mutiger Konzepte.

Diese können nur aus einem neuen Bewußtsein erwachsen, das der «Club of Rome» schon 1991 so auf den Punkt brachte:

„Es muß dringend eine neue Haltung gefunden werden, in der Werte Ziele setzen und dem Indi­viduum das Gefühl von Sinnhaftig­keit geben. Veränderung wird zu häufig nur als Bedrohung des Selbst angesehen (…).

Die einzige Hoffnung scheint im gemeinsamen Handeln zu liegen, das von der Einsicht in die Gefah­ren (…) inspiriert ist. Ein wesent­licher Zuwachs an Weisheit ist wahrscheinlich nur durch die innere Entwicklung des Individu­ums zu erreichen. [5])

Auf zu neuen Ufern?

Ja. Diese Ufer liegen aber bereits in uns, in jeder und jedem von uns.

Mit Ruhe, Gelassenheit, Sanftheit und Nachsicht gegenüber uns selber (beim Stolpern auf dem Weg dorthin) und mit anderen (denen all diese wunderbaren Perspekti­ven noch verborgen sind).


[1]) Gebser, J., u.a. in: Abendländische Wandlungen, Jean Gebser Gesamtausgabe Band 1, Novalis Verlag 1986 S. 173ff

[2]) Die erste erfolgte aus dem archaischen Zustand des Säuglings in die erste Stufe der Reflektiertheit zu der des ersten Lachens, des Wahrnehmens der Umwelt mit den Kernsinnen, ein Zustand, der bisher (bei den «neuen Kindern» mag diese Phase bereits früher beginnen) spätestens mit dem ca. 7. Lebensjahr seinen Abschluß findet

[4]) What the bleep do we know? Ich weiß, daß ich nichts weiß

[3]) Gebser, J., Ursprung und Gegenwart. Novalis Verlag 1999

http://www.amazon.de/What-Bleep-Do-now-Einzel-DVD/dp/B000H5VC6Y/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1389537586&sr=8-1&keywords=what+the+bleep

[5]) Bericht des Club of Rome 1991: Die globale Revolution, S. 122 und 129

Die „..ehmmm“ Generation – über Unerträgliches in der Alltagskommunikation

Zugegeben: Ich bin Sprachsensoriker, leide unter einer eindeutigen Idiosynkrasie, was den Umgang mit der mir heiligen deutschen Sprache betrifft und der Art und Weise, wie sie kommuniziert wird.

Da geht es mir wie dem Musiker mit dem absoluten Gehör: Er bekommt einen Schreikrampf, wenn in einer Harmonie, zum Beispiel Gmaj7, auf einer Gitarre die E-Saite verstimmt ist.

Mit der Verstümmelung der gesamtdeutschen Syntax habe ich mich inzwischen abgefunden – soviel Tribut an die Generation der autistischen SMS-Schreiberinnen muß wohl sein.

Aber eines kann ich nicht ab und will ich nicht ab: Diesem geradezu inflationär um sich greifenden „…ehmmm..“ vor jeder zweiten Meinungsäußerung, wie sie nicht nur die gepearcte und getatoote blon­de Hauptschülerin im hochintellektuellen Dialog über die gestylten Lippen spült, sondern inzwischen auch Politikkerinen und Politiker, jede zweite Moderatorin oder Journalistin – es ist schlichtweg ein Graus!!!

Denkpause

Nun kennen wir ja aus der Rhetorikschulung den Moment, in dem du einfach mal kurz nachdenken mußt, bevor du antwortest.

Helmut Schmid, das Altgenie, machte das so, daß er dabei stumm an seiner Zigarette zog und in die Luft starrte, als hätte er die Frage nicht verstanden.

Die junge, aber die Welt voll im Griff habende Dame um die Ecke aber raunt halt mal so eben: „…ehmmm“, um zu signalisieren, daß sich da cerebral etwas abspielt (oder auch nicht?).

Aber hier geht es zur Sache: Sie sagt das nicht etwa, weil sie nachdenkt, sondern … weil es eben in ist, zu ehmmmen, that´s the point!

Die Ehmmmerei ist inzwischen zu einem flächendeckenden Konsens an „..ja also, ehmmm, he, ja, ehmmm, keine Ahnung!“ geworden, die eine wirklich keine Ahnung habende Generation auszuzeichnen scheint.

Affen

als Primaten zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, nahezu perfekt nachahmen zu können.

Da der homo sapiens sapiens ja nun dem Schimpansen nahe steht, scheint es, daß er das übernommen hat: „Du ehmmmst? Dann ehmme ich auch!“

Wissenschaft

Oh je, die hat da einiges beizutragen, um zu erklären, warum da munter bundesweit geehmmmt wird.

Unter anderem, weil – nun  dürfen Sie verblüfft sein! – viele von denen, die da reden, eigentlich … nichts zu sagen haben, aber dies geschickt verpacken müssen, also genau entgegen der Erkenntnis von Voltaire:: „Selig, die nichts zu sagen haben und trotzdem schweigen!“

Dieselbe Wissenschaft hat aber auch eine ganz andere Erklärung für die Ehmmmerei: Die anderen ehmmmen, also ehmme ich auch! (siehe unter Schimpansen).

Fragen Sie eine junge Dame an der Rezeption eines Hotels, ob denn für diese Nacht ein Zimmer frei sei, wette ich mit Ihnen einen Cent (mehr kann sich ein armer Schriftsteller nicht leisten), daß sie zunächst ein „.ehmmmm“ über ihre Lippen rauschen läßt, bevor das eigentlich naheliegende „..da will ich gerne mal nachsehen!“ Ihre geneigten Ohren erreicht.

Ist Herr Direktor Müller im Büro?“ „Ehmmm, da muß ich gerade mal nachsehen…“

Nein: Ich habe keinerlei Nachsehen mehr mit der schlichtweg mein Sprachempfinden beleidigenden Ehmmmm – Generation, mich befällt nur noch Brechreiz, wenn um mich herum nur noch geehmmt wird, so, basta, fertig.

Infantilisierung

Wir sogenannten Erwachsenen sollten wachsam sein, was die Bewahrung unserer Sprachkultur betrifft. „Back to the roots“, also zurück ins Kindergartenzeitalter der verbalen Verständigung, rüttelt an den Wurzeln unserer Kultur.

Pubertät den Pubertierenden, Kindergarten den altersmäßig entsprechend Einsitzenden, einver­standen – aber bitte nicht herum ehmmmen mit erwachsenen Frauen und Männern! Wehret den Anfängen!

Da war noch was, was ich schreiben sollte, fällt mir aber gerade nicht ein … ehmmmm…

Über Zivilcourage statt Schikane. Und eine wiederentdeckte Menschlichkeit.

Bert Brecht läßt sie singen: „Und die einen / sind im Dunklen / und die andern / sind im Licht / doch man siehet / die im Lichte / die im Dunklen / sieht man nicht!“ [1]

Whistleblowers

Im Grunde sind viele Heldinnen und Helden des Alltags, die wir als solche zunächst gar nicht erkennen, den Menschen ver­gleich­bar, die andere über Betrug oder über untragbare Zustände in Unternehmen und Institutionen anonym informieren.

Denn die verborgenen Heldinnen und Helden machen das indirekt:

Sie prangern schlimme Zu­stände stumm an, indem sie diese durch ihre eigenen Möglich­keiten spon­tan ändern oder zumindest beeinflussen, ohne groß darüber zu reden, basta.

Aber auch dadurch senden sie ein Signal in die Gesellschaft: „He, da liegt etwas im Argen!“

Kulanz

In der leider allmählich dahinwelkenden, guten alten Geschäftswelt war sie das, was wir heute ein «Marketinginstru­ment» nennen würden: Die Erledigung eines Streitfalles oder eines schwierigen Ge­schäfts­vor­gangs «auf dem Kulanzweg».

Sie fußte unter anderem auf der bewährten Philosophie «leben und leben lassen».

Sie war zum Beispiel ein wesentliches Merkmal der vielgepriesenen, vorbildlichen Kultur hanseati­scher Kaufleute.

Ich erinnere mich an einen Tip meines hochgeschätzten, langjährigen Geschäftspartners und Lehrmeisters in zahlreichen Bereichen, Prof. Horst Lange-Prollius, der mir verriet: „Wenn ich eine Rechnung über tau­send­zweihundert Mark schrei­be, dann füge ich oft einen Posten ein, den ich dem Kunden eigentlich auch hätte verrechnen können, zum Bei­spiel Telefonkosten. Ich füge ihn ein, ja, aber in der Spalte für den Betrag steht dann «Kulanz».

Grauzonenkulanz

Ein Freund, der momentan leider auf Leistungen nach dem sogenannten SGBII angewiesen ist, erzählte mir, daß die Prüfung seiner Antragsunter­lagen nach erster Auskunft von Sachkundigen Wochen hätte dauern können, wenn ihn die Sachbearbeiterin hätte schika­nieren wollen.

Darauf hatte er sich zunächst eingestellt, denn wer erwartet denn von Behörden schon Gutes!

Aber siehe da: Trotz Unter­lagen, die er nicht sofort beibringen konnte, war sein Antrag innerhalb weniger Tage bewilligt, zumindest für eine für ihn akzeptable Frist, die ihm über das Schlimmste hinweghalf.

Was in der Amtssprache der «Ermessensspielraum» genannt wird, ist nicht selten die gute alte Tugend der «Kulanz».

Nun fällt es aber dem selbständigen Kaufmann, der nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist, nicht schwer, selbige zu zeigen.

Gibt es aber eine dritte Person, die die Einräumung einer Kulanzregelung eventu­elle sogar rügen könnte, erfor­dert es schon eine Portion Mut, teilweise sogar zivilen Ungehor­sam.

Augenzwinkernde Solidarität

Was an Härte von oben verordnet wird, wurde und wird immer wieder in den unteren Riegen derer, die oft Wahn­witziges im Alltag anwenden, gegenüber ihren Mitmenschen gnadenlos durch- und umsetzen müßten, stillschwei­gend ent­schärft.

Die Sachbearbeiterin im JOB­CENTER, die kulante Dame an der Su­per­­marktkasse oder in der Rekla­mationsabteilung, der Voll­­­­streckungsbeamte der Fi­nanz­­behörde, all die nach allgemeiner Auffassung «klei­nen Rädchen im Getriebe», sie tragen heutzutage mehr und mehr dazu bei, daß der Glaube an «Herz statt Kommerz» und an die Solidarität der kleinen Leute wieder wächst.

Sie retten keine Betriebe, erscheinen nicht in der Presse, sondern sind einfach nur Frau oder Herr Jedermann von nebenan.

Aber mir scheint, sie tragen mehr bei zur wachsenden Über­zeugung, daß wir die schlimmsten Auswüchse dessen, was uns kaltblütige Techno­kraten und lebensferne, abge­hobene Gesetze einreden wollen: Daß erst die Vorschrift käme und dann der Mensch.

Danke!

Nur mal so, zwischendurch und aus dem Handgelenk: Danke an alle, die ohne Goethes Gedicht je gelesen zu haben, nach dem Motto leben, das so schwierig zu leben ist und doch so sehr befriedigt wie kein anderes, so es uns denn gelingt, es im Alltag umzusetzen:

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ [2]).


[1]) Bert Brecht, Dreigroschenoper

[2]) Johann Wolfgang v. Goethe, Das Göttliche

Zwischen heilig und scheinheilig – ein anderer Blick auf Religionen

Religiöses Showbusiness

Dr. Robert Ennemoser, ein Herr mittleren Alters, nicht besonders modisch gekleidet, versteckt sich hinter einem Tisch, auf dem ein Overheadprojektor aufgebaut ist, den er allerdings während des gesamten siebenunddreißigminü­tigen Vortrags nicht einmal nutzt.

Er spricht mit salbungsvoller Stimme, nicht besonders packend, eher mit ermüdender Modulation, aber mit dem Duktus eines Menschen, der gewohnt scheint, daß man ihm selbst Allgemein­plätze, schwammige Begriffe und kryptisch-verklausulierte Sätze widerspruchslos abnimmt: „…dann machen wir Erfahrungen, die größer sind, größer insofern, als ein Mehr an Wiederherstellungs­kraft verfügbar wird, durch dieses innerliche mentale Einstimmen darauf, Öffnen dafür, lauschen, Information aufnehmen von dem, was uns Leben sagt, das göttliche Leben sagt“

Nach seiner rhetorischen Profilierung als Doktor der Biologie und als studierten Heilpraktiker beschreibt er, als sei dies state of the art der modernen Wissen­schaft, die Grundlage der Lehren von Mary Baker-Eddy, der Gründerin einer Sekte im
19. Jahrhundert,, die sich irreführend „Christian Science“ (CS) „Christliche Wissen­schaft“ nennt [1])..

Irreführend, denn von Wissen­schaft im klassischen Sinne kann nicht die Rede sein: Als ich vor Jahrzehnten erstmals den Begriff „Christian Science“ las, erwartete ich, bei meinen Recherchen auf eine weltweite Vereinigung von Wissenschaftlern christlichen Glau­bens zu stoßen, die sich mit dem Verhältnis ihrer Religion zur orthodoxen  Wissenschaft beschäf­tigen. Meine aktuelle Umfrage bestätigt, daß auch heute noch bei Nennung dieses Begriffs diese Einschätzung erfolgt. [2]).

Gott ist Liebe

Frühjahr 2011. Ich sitze in einer sogenannten Kirche der CS in Freiburg i.B. In goldenen Lettern prangt unter einer Art in die Breite gestreckter Kanzel „Gott ist Liebe“.

Dr. Ulrich von Burski, pensio­nierter ehemaliger Kammervor­sitzender des Freiburger Ver­waltungsgerichts, spricht, assis­tiert von seiner Ehefrau Michaela, ebenso salbungsvoll wie Enne­moser. Viel ist von Liebe und von Wahrheit die Rede, Bibelstellen über die Brüderlichkeit werden zitiert – vom gleichen Ulrich von Burski, der während seiner beruflichen Laufbahn möglicher­weise Gottes Liebe wohl nicht immer und überall wirken sah, sondern zumindest einem Bruder aus einem anderen Kulturkreis eher mißtrauisch zu begegnen empfahl. [3]).

Begriffswirrwarr als Methode?

Sekten arbeiten gerne mit schwammigen Begriffen – was dient der Manipulation besser, als eine Terminologie, die bei Umgehung des Verstandes direkt ans Herz geht!?

Der Begriff des „Gemüts“ zum Beispiel taucht sowohl in Baker-Eddys zentralem Werk [4]) immer wieder auf, als auch im heutigen „Gottesdienst“ in den mit schwer­mütiger Miene vorgetrage­nen Rezitaten offensichtlich eher nach dramaturgischen als nach inhalt­lichen Aspekten zusammen­ge­stell­ter Bibelstellen, mal aus dem sog. Alten, dann wieder aus dem sog. Neuen Testament, alles feierlich vorgetragen, als erlebten gerade alle ihr letztes Stündchen oder wohnten ihrer eigenen Abdankung bei.

Als ich später im Foyer Michaela von Burski bitte, mir diesen zentralen Begriff ihrer Lehre („Gemüt“) zu erklären, resigniert sie und reicht die Frage an einen liebenswerten, aber mit dieser Frage völlig überforderten Helfer weiter, der hinter dem Tresen Prospekte anbietet.

Im Gespräch mit ihm erfahre ich jedoch, daß er zwar schon seit über einem Jahrzehnt Mitglied der Bewegung ist und hier seinen Dienst tut. Nur – über „Gemüt“ habe er noch nie nachgedacht…

Während der Zeremonie fielen auch zahlreiche andere Begriffe, die ich im Werk von Baker-Eddy vorher bereits mit Fragezeichen versah. Zugegeben: Das Original im Englischen bedeutet für Über­setzer eine echte Herausforderung (ich habe beide Versionen verglichen und fand zahlreiche Passagen, die durchaus auch anders übersetzt und damit interpretiert werden könnten).

Das erwähnte Werk erhebt übrigens einen hohen Anspruch, nämlich nicht mehr und nicht weniger einen „Schlüssel zur Heiligen Schrift“ zu liefern – als der Weisheit letzter Schluß – als hätte es nie wesentlich intelligentere und der Wahrheit eindeutig näher kommende Exegesen gegeben [5]).

Mary Baker-Eddy, die drei Ehemänner hinter sich ließ, den Wunderheiler Phineas P. Quimbey geradezu anbetete, der „alle Medikamente verteufelt und be­hauptet, daß einzig und allein das Vertrauen in den Heiler die Patienten gesundmacht und selbst an Magenkrebs stirbt“ [6]) stirbt selbst, obwohl sie vorher aus ihren „Erkenntnissen“ zu solch brillanten Schußfolgerungen kommt wie der: „Der Körper kann nicht sterben, weil Materie kein Leben hat, das sie verlieren könnte“ quod erat demonstrandum?

Auf der Webseite von CS findet sich sogar die Behauptung: „Mary Baker Eddy studierte und erforschte die Bibel auch in Originalsprachen und entdeckte, daß hinter den Heilungen und Anweisungen ein erlernbares wissenschaftliches Prinzip steht“.

Peinlich ist nur: Recherchen in Baker-Eddys Biographie ergeben, daß sie weder des Aramäischen noch des Hebräischen noch des Altgriechischen mächtig war – Sprachen, ohne deren Kenntnis und ohne Zugang zu den in diesen Sprachen verfaßten Originalen ist eine solide Exegese weder des sog. Neuen noch des sog. Alten Testaments jedoch schlichtweg unmöglich.

In einer sogenannten „Lesung“ (vom 14.12.2011) versteigt sich die Sekte dann aber wieder zu der Behauptung:

Jesus war der höchste menschliche Begriff vom vollkommenen Men­schen. Er war untrennbar vom Christus, dem Messias — der göttlichen Idee Gottes außerhalb des Fleisches. Das befähigte Jesus, seine Herrschaft über die Materie zu demonstrieren. Engel verkün­deten den Weisen der alten Zeit diese zweifache Erscheinung, und Engel flüstern sie dem hungrigen Herzen in jedem Zeitalter durch den Glauben zu.

Krankheit ist Teil des Irrtums, den Wahrheit austreibt. Irrtum wird Irrtum nicht vertreiben. Christian Science ist das Gesetz der Wahrheit, das die Kranken auf der Grundlage des einen Gemüts oder Gottes heilt. [7])

Obwohl die Gründerin der „Christlichen Wissenschaft“ die Wirkung von Medikamenten stets leugnet, nimmt sie selbst in ihrem letzten Lebensjahrzehnt zahlrei­che Medikamente und stirbt im
89. Lebensjahr an einer Lun­genentzündung.

Jenes „erlernbare wissen­schaftliche Prinzip“ wird weder in Baker-Eddys Elaborat noch in Ennemosers oder von Burskis Ausführungen in wenigen klaren Gedanken auf den Punkt gebracht.

Was Wunder auch: Denn wie aus dem Lehrbuch der manipulie­renden Rhetorik wirkt die Akrobatik der wie jonglierte Ringe durch die „heiligen“ Hallen wirbelnden Worthülsen dieser Veranstaltung.

Während der gebetsmühlenartig vorgelesenen Bibeltexte des Paars hinter dem heiligen Tresen kommt mir Arno Plack in den Sinn: „Wo die Realität uns enttäuscht, tritt um so intensiver die Zauberkraft der Worte hervor. Wir wissen oder ahnen zumeist, daß wir uns nicht recht aufeinander verlassen kön­nen, weil spontane Mit­mensch­lichkeit  mit Appellen an unser Pflicht- und Verant­wortungsgefühl uns ausgetrieben wurde und weil den vielen unzärtlich Erzogenen die Liebe zum Nächsten erst mit Worten gepredigt werden muß.“ [8]).

Alles …schein(t) heilig

Erschreckend ist jedoch der allen Kirchen und Sekten eigene Schleier der Heiligkeit, des Unantastbaren der vorgetragenen Wahrheiten, der wie Mehltau über diesen Zeremonien liegt, so auch hier in Freiburg an diesem Sonntag Vormittag.

Und natürlich permanente Hinweise darauf, daß allein die „Christliche Wissenschaft“ den Schlüssel zur Heilung von irdi­schem Leid liefere – du sollst keine anderen Götter neben mir haben!? (Die Anwesenden sehen am Tag meines Besuchs dort übrigens nicht alle so aus, als wären sie von irdischem Leid bereits geheilt…)

Prof. Gerhard von Rad zum Thema des Alleinanspruchs: „An drei Stellen ist nämlich das Verbots jeglichen Fremdkults mit dem Hinweis auf Jahwes Eifer verbunden: „denn Jahwe ist ein eifriger Gott (Ex.20s, 34/14, Dt. 614f). An jeder dieser Stellen ist der mit „denn“ eingeführte Nachsatz im Sinn einer Legal­interpretation, also als theolo­gische Begründung, zu verstehen. (…) Nun wird aber auch Jahwes Eifer seinerseits mit seiner Heiligkeit aufs engste in Verbindung gebracht (besonders Jos.24/19), dergestalt, daß sein Eifer einfach als eine Äußerung seiner Heiligkeit verstanden wird.“ [9])

Nur nicht anderen als der eigenen Sekte dienen, denn sonst wird es eng, streng nach biblischer Vorschrift: „Wer anderen Göttern opfert, der muß vom Leben zum Tode gebracht werden“ (Ex.22/20)

Wertsuche

Da Religionen jedoch auf gleicher Ebene wie Ismen und Ideologien jeglicher Art stehen und in aller Regel patriarchal geprägt sind, hüllen sie sich verzweifelt in den Kokon des Begriffs der Heiligkeit, des über dem Irdischen stehenden. Um sich eine Art Immunität vor den Angriffen profanen, aber höchst klugen menschlichen Denkvermögens zu verschaffen?

Das Gemeinsame aller Sekten und Freikirchen ist das Bestreben, eine religiöse Antwort auf psy­chologische Fragen zu geben, und sie nützen damit das konkrete, rationelle Bedürfnis der Menschen nach irrationalen Möglichkeiten der Angstbe­kämpfung aus.“ [10]

Denn Zeremonien, Rituale und endlose Verweise auf heilige Schriften und in unseren Breiten nicht selten auf den lieben Herrn Jesus und seine Taten und Äußerungen sollen einschüchtern, uns selbst als sündig, klein, wertlos und der Erlösung bedürftig erscheinen lassen, unsere Ängste also eher bestätigen als trösten. Was natürlich bei Nennung der Fakten rund um das tatsächlich (nicht) überlieferte Wirken und Reden Jesu zumindest verun­sichert.

Rudolf Hoppe, Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakul­tät der Universität Bonn, zum Umgang mit Bibeltexten: Ich weiß, daß das mühsam ist, aber ein rein gegenständliches Fürwahrhalten ist letztlich auch keine tragfähige Basis, um mit den abgründigen Erfah­rungen, die jeder in seinem Leben macht, fertig zu werden. Und irgendwann kommt die Emanzipation von einem rein gegenständlichen Fürwahrhalten. Entweder lege ich dann diese Tradition als für mich unwesentlich ab, oder ich versuche doch, größere Zusammenhänge zu verstehen und gewinne ein Verhältnis auch zu der Wirklichkeit des Symbolischen. … Es ist notwendig, daß wir unsere real existierende Welt, in der wir leben und die nun einmal von Naturwissenschaft, von einer Computerstruktur geprägt ist, daß wir die ernst nehmen und daß wir die auf die Welt des Glaubens beziehen, diese beiden Welten miteinander ins Gespräch bringen. Denn wenn wir als gespaltene Menschen leben, dann werden wir ja schizophren. … Auseinanderdriftende Welten müssen da zusammengeführt werden und ich meine, daß mit einem reflektierten Zugang zur Über­lieferung auf diesem Weg einiges zu gewinnen ist und daß man über vermeintlichen Grenzen des Kinde­r­glaubens hinauskommen muß. [11]).

Wie ich in meinem Essay „Ich bin klein / mein Herz ist rein – über die Manipulierbarkeit suchender Frauen“ darlegte [12]), sind es erfah­rungsgemäß vorwiegend Menschen mit schwer­wiegenden, für sie nicht beantworteten Wertefragen, mit Selbstzweifeln, mit Krankheiten, bei denen „nur noch Gott helfen kann“ [13]), die Opfer der „heiligen“ Sektenideologien werden.

Hermann Broch: „(…) es sind vor allem «wertgefährdete» Men­schen, welche am widerstands­ losesten und raschesten von einem Massenwahn ergriffen werden, Menschen, die entweder infolge ihrer eigenen Unfähigkeit oder infolge der Mängel des Werte­systems ihrer Lebens­umge­bung (…) ihren Platz im System sei es nicht finden konnten, sei es verloren haben, und die hierdurch sowohl ökonomisch wie sozial wie seelisch in schwerste Unsicherheit gestürzt sind; das Gespenst der vollkom­menen Wertlosigkeit (…) steht hinter diesen Menschen, und aus solcher Panik heraus führt eigentlich kein anderer Weg als der zu einer «Ersatzgemein­schaft“[14]).

Und Broch prägt die Unter­scheidung zwischen offenen und geschlossenen Systemen (wobei Religionen, Freikirchen, Sekten und dergl. ausnahmslos unter geschlossene Systeme zu subsu­mieren sind): „Soweit die Normen formuliert sind, treten sie mit dem Anspruch auf Wahrheit auf (…) Sowohl das offene als auch das geschlossene Wertsystem streben nach Absolutheit, d.h. zur kompletten Bewältigung der Realität. Das Wahnhafte am geschlossenen System – auch in dem des Indi­viduums – liegt in dem Bestreben, diese Arbeit mit den einmal festgestellten Axiomen bewältigen zu können. Der Psychotiker tut dies im allgemeinen ohne Rüc­k­sicht auf die Weltrealität, da er diese nicht mehr sieht; der Neurotiker versucht, die Welt­realität nach seinen subjektiven Normen zurechtzubiegen.“ [15]).

Alles … heilig?

Die Theologie bietet die unterschiedlichsten Definitionen des Terminus „heilig“ [16]) und greift zu geschraubten Formulierungen, die dem Menschen des 21. Jahrhunderts wohl schwer zugänglich sind. [17])

Für die einschüchternde Wirkung, die Sekten, Freikirchen und Religionen im Allgemeinen einige wenige ausgenommen, bei Menschen hervorrufen, ist das sich umgeben mit „Heiligem“ so­zusagen conditio sine qua non ihres Erfolgs: Der Mensch muß vor etwas zittern, etwas fürchten, was angeblich weit über ihn hinaus­reicht.

Daß dem besonders beim biblischen Volk so war, belegen Sätze wie diese: „Und es sagten die Leute von Betshemesh: Wer kann stehen vor Jahwe, dem heiligen Gott?“[18])

Claus Westermann: „Der Begriff (des Heiligen, Anm. d. Verf.) hat im Alten Testament eine Ge­schichte, er ist der geschichtlichen Wandlung unterworfen. Am An­fang zeigt die Lade-Erzählung (1.Sam.4-6; 2.Sam.6) einen Heiligkeitsbegriff, dem noch ein starkes Element des Inpersonalen eignet. Die Lade birgt Jahwes Heiligkeit, aus der Tod und Leben kommen kann. Auch hier ist das personale Element schon beherr­schend geworden (…).[19])

Nun ist es aber ausgerechnet die Bundeslade, die sowohl in der neuzeitlichen Bibelexegese als auch durch die unterschiedlichsten interdisziplinär arbeitenden Wis­senschaftler längst als alles andere als „heilig“ entlarvt wurde:

„…daß die Stiftshütte zu Moses´Zeiten einen ziemlich vollständigen Apparat elektrischer Instrumente enthalten habe. Lebensgefahr muß nach den Talmudisten immer mit diesem Gange in das Allerheiligste ver­bunden gewesen sein. Der Hohe­priester trat ihn stets mit einer gewissen Ängstlichkeit an und machte sich einen guten Tag, wenn er glücklich zurückkam“ [20]).

Sie wurde mehrfach gemäß den Angaben in den alten Schriften nachgebaut und entpuppte sich inzwischen als ein intelligent konstruiertes elektromagnetisches Instrument – also nur …schein­heilig… (s. auch die Werke von Erich von Däniken zu dieser The­matik, u.a. „Die Götter waren Astronauten – eine zeitgemäße Betrachtung alter Überliefe­rungen“).

Pars pro toto

Da ich in den 1990ern mit Muslimen lebte, um deren Alltag und Denkweise, damals speziell im Umgang mit Geld, zu verstehen (s. div. Publikationen hierzu u.a. Basler Zeitung, MONETA, SZ etc.); da ich Aussteigerinnen und Aus­steiger der kriminellen SCIENTO­LOGY-Sekte im nächsten Bekann­tenkreis in der Schweiz jahrelang begleitete; da ich den Leidensweg einer Dame miterlebte, deren Mann der Sekte der Pfingst­gemein­de in die Hände fiel und dafür seine Ehe opferte;

Da ich mehrmals in Messen der sogenannten Neuapostolischen Kir­che saß, dem so genannten „Apostel“ lauschte, verdichtet sich der Eindruck:

Jede Sekte steht für die andere, die Inhalte wechseln, aber die Machtinstrumente, die Werkzeuge der Manipulation, das Druckmittel des sich Beugen müssens vor dem als mit dem Terminus „Heilig“ Belegten, gleichen sich oft wie ein Ei dem anderen – der Teil für das Ganze, pars pro toto…

Meine jahrelangen Beobachtun­gen und Recherchen bei Menschen, die stundenweise Hochheiliges predigen bestätigen, was längst Allgemeinwissen ist: Daß auch bei Sekten- und Freikirchenmitglie­dern nur mit (materiellem, menschlichen) „Wasser gekocht wird!

Seitensprung und Eifersucht gehören (zumindest in dem von mir präzise recherchierten Fall einer leitenden Persönlichkeit der „Christlichen Wissenschaft“) eben­­so dazu wie das Festhalten an der angeblich ja gar nicht existenten Materie, in Form von Geld, Sach­werten, einer Yacht und einem beachtlichen Vermögen, das Jesus wohl – sofern er es überhaupt erst erworben hätte –wahrscheinlich unter den Armen verteilt hätte … aber DER ist ja nur der „galiläische Prophet“….

All dies scheint lediglich eine Bestätigung der Tatsache, daß nicht die Sekten an sich das Problem sind, sondern die individualpsychische Verfassung ihrer Protagonisten, die (nach Nietzsche) menschlichen-allzu­menschlichen Schwächen jener, die Heiligkeit als Schwimmweste in turbulenten Alltagsgewässern tra­gen, in Gewässern, die sie alleine weder durch Kraft ihrer Persön­lichkeit noch durch die von der Kanzel gepredigten Heilslehren  bewältigen können – was über eine Psychotherapie langfristig wohl wirkungsvoller zu lösen wäre als über gebetsmühlenartig wiederhol­te Rituale einer Sektenideologie.

„Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich!“

Die Widersprüchlichkeit des sog. Neuen Testaments zeigt sich in diesem (angeblichen) Ausspruch Jesu auf: Während Matthäus dem „Herrn“ dieses Wort in den Mund legt [21]), lassen Markus und Lukas Jesus da ganz anderes denken: „Wer nicht wider uns ist, der ist für uns!“ [22]) – na, was jetzt?

Für Christen, Juden und Musli­me, für Pseudo-Wissenschaftler mit Christentouch, für Scien­tolo­gen, für Pfingstler und Jehovas Zeugen und und und gilt der aber eindeutig gleiche Slogan wie für die Fans von Schalke 04: „Wir!!!“.

Was natürlich auch für Ideolo­gien jeder Art gilt (geschlos­sene Systeme, s. Broch), aber auch bedeutet: An den Aktionen der Protagonisten von Religionen, Kir­chen, Sekten ist, gemäß der o.g. Definition von Rudolf Sment, in Tat und Wahrheit nichts „heilig“, sondern es menschelt, wohin man sieht.

Signifikant ist ein Merkmal: All diese Manipulationsinstrumente, ob Kirche, Religion oder Sekte genannt, fußen auf männlich-postpupertären Verhaltensmustern und werden häufig von emotional schwachen, nicht selten psy­cho­pathischen Männern geleitet (s. die Mißbrauchsfälle in der katho­lischen Kirche) – Frauen spielen bei Sekten und Religionen nämlich kaum eine Rolle, es sei denn als schmückendes Beiwerk oder, wie im Fall von Frau von Burski, als Dame, die zu gehorchen hat [23])

Erzogen von einer bayrischen Großmutter in einem streng katho­lischen Umfeld, bei dem wir Kinder vom Herrn Geistlichen Rat noch eingeschüchtert wurden mit der Warnung vor Todsünden, die uns direkt in die Hölle kata­pultieren würden, täten wir es zum Beispiel wagen, auf die Hostie zu beißen, weil dann das Blut Jesu´ herausfließen würde und die ganze Gemeinde diese Sünde sehen würde, bin ich von diesem Thema existentiell berührt.

Denn: Wer wäre es nicht, wenn ihm, im Falle eines Widerspruchs gegen die Doktrin der jeweiligen Sekte, der Ausschluß droht? Sei es nun in der Form, daß sie oder er nicht mehr mit den anderen Sektenmitgliedern sprechen, ver­kehren darf und kann oder daß ein innerer Ausschluß durch ein selbst gewähltes schlechtes Gewissen erfolgt: Das Ergebnis bleibt meist das, was ich bei meiner Informan­tin über die Praktiken von CS erleben mußte, nämlich Sehnsucht nach Rückkehr in den Schoß der Gemeinde, und sei diese Gemeinde auch noch so klein [24]).

Die „Allgemeine I. Kirchenver­sammlung im Vatikan, 3. Sitzung (1870)“ legte folgenden (bis heute gültigen!) Lehrsatz fest: „Wer nicht bekennt, daß die Welt und alle Dinge, die in ihr enthalten sind, geistige wie körperliche, nach ihrer ganzen Substanz von Gott aus dem Nichts hervor­gebracht worden sind,

oder wer sagt, Gott habe nicht mit freiem Willen ohne alle Notwendigkeit geschaffen, son­dern so notwendig, wie er sich selbst notwendig liebt,

oder wer leugnet, die Welt sei zur Verherrlichung Gottes geschaf­fen, der sei … ausgeschlossen.“[25])

Bilanz(en)

Es ist mehr als eine Bilanz, die nach all diesen Erkenntnissen zu ziehen ist.

Die erste – meine! erste aus rein menschlicher Sicht: Wer heilt, hat recht!

Wenn Menschen das Gefühl vermittelt wird, sie seien gebor­gen, werden geliebt, anerkannt, akzeptiert wie sie sind, und wenn diese Menschen sich dann besser fühlen als vorher, bevor ihnen diese (für sie stimmige) Erfahrung zuteil wurde, dann … laß sie gehen in Frieden!

Die zweite Bilanz: Im Namen der Religion geschehen mindestens so viele Verbrechen an der Mensch­lichkeit wie im Namen des Gottes Mammon!

Das hilfesuchende, nicht selten verzweifelte Individuum wird zu einer weiteren Kugel im Billardspiel von Männern, die sich als Priester im Namen eines (Schein)Heiligen aufspielen.

Die dritte Bilanz: Es gibt immer weniger starke, geistig klare, wahrhaftige, selbstlose Männer, aber immer mehr inzwischen nicht selten vergreisende Schwächlinge, die durch Selbsterhöhung und umgeben mit Schein Heiligkeit ihren Reibach machen mit gutgläubigen Mitmenschen, was zu Bilanz Nummer vier führt, die wir

 aus der Versammlung der Kölner Kirchenprovinz von 1860 entnehmen (und die bisher unwidersprochen ist in der katholischen Theologie):

Übernatürlich und ungeschuldet war auch die volle Unterwerfung der Begehr­lichkeit unter die Herrschaft des Verstandes d.h. jenes erhabene Geschenk der Unversehrtheit, durch welche Gott die Bewegungen und Begierden der Seele im Menschen so ordnete, daß sie immer dem Befehl des Verstandes gehorchten.

Da nämlich der Mensch aus einer verstandesbegabten Seele und einem Leib besteht, so kann es an sich geschehen, daß er sich dazu drängen läßt, die Güter des Leibes mehr zu suchen, als die der Seele, und daß die Begehrlichkeit aufständisch wird. (…)[26]

Ja: Aufständisch werden scheint das Gebot der Stunde!

Wenn Religionen und vor allem deren Repräsentanten nicht mehr verläßlich für Wahrhaftig­keit und Wahrheit stehen, son­dern nur noch durch schwam­mige, Respekt heischen­de Phra­sen ihre Machtposition behaup­ten wollen, müssen wir alle unsere eigene Wahrhaftigkeit suchen und finden.

Spiritualität ohne den Umweg über patri­archalische Macht­struk­tu­ren, sondern eher durch Stärkung der weiblichen Kompo­nen­ten in der Gesellschaft, zum Beispiel.

Über die Verwerflichkeit des Leibes und seiner Bedürfnisse durfte ich bei der „Christlichen Wissenschaft“ ebenso wie bei den meisten anderen Sekten einiges hören – die Botschaft hört` ich wohl, allein: Mir fehlt der Glaube. Eine heimliche Geliebte hier [27]), eine homo­erotische Beziehung dort [28]) – „Homo sum. Humani nil alienum puto! [29])


[1]) nachzusehen und -zuhören unter http://www.youtube.com/watch?v=5noJVS2nJAM&feature=mfu_in_order&list=UL

[2])Hugh Lorenz, Zwischen heilig und schein-heilig – Über Heilsversprechen von Sekten zwischen Anspruch und Realität. (Radio)Feature in Bearbeitung

[3]) „Schon im April war das Freiburger Gericht wegen gleicher Vorwürfe in die Schußlinie geraten: Kammer­vorsitzender Ulrich von Burski sollte Textpassagen wie in Pakistan sei „Unehrlichkeit geradezu als ein sozialtypisches Phänomen zu betrachten“ nachträglich in das Asyl-Urteil von Richter Thomas Mücke eingefügt haben. Inzwischen sind die Ermittlungen eingestellt. Begründung: Mücke habe diese Änderungen zwar auf Anregung von Burskis, letztlich aber eigenständig übernommen“.
Quelle: FOCUS Online Nr. 19/95

[4] ) Science and health with the key to the scriptures. Published by the Trusted under the will of Mary Baker G. Eddy Boston, U.S.A.

[5]) z.B. Friedrich Weinreb Der göttliche Bauplan der Welt – der Sinn der Bibel nach der jüdischen Überlieferung,  ORIGO 1978

[6]) s. dazu auch „Sekten und Freikirchen“, Peter Stiegnitz, hpt-Verlagsgesellschaft Wien 1989 S. 114 (Christliche Wissenschaft und G: Materie und Millionen – eine Sektengründerin hält Jesus nur für den „galiläischen Propheten“. Diese Sekte ohne Priester und Prediger hält Gottesdienst aus­schließlich für Erwachsene, ff.)

[7]) Eine Kopie der Lesung liegt dem Autor vor

[8]) Arno Plack, Ohne Lüge leben. Zur Situation des Einzelnen in der Gesellschaft. Buchclub Ex Libris (Zürich), S. 35 ff

[9]) Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments (Band I). Chr. Kaiser Verlag München 1962. S 217

[10]) „Sekten und Freikirchen“, Peter Stiegnitz, hpt-Verlagsgesell­schaft Wien 1989 S. 16

[11]) Der historische Jesus. Deutschlandfunk, 26.12.2002, 20.05 Uhr

[12]) Hugh Lorenz, „Ich bin klein / mein Herz ist rein – über die Manipulierbarkeit suchender Frauen“ Edition Jonathan 2007

[13]) Meine Informantin über den inneren Zirkel der CS – Freiburg, die während ihrer Sektenmitgliedschaft an Krebs erkrankte, erlag selbst nicht dem Heilsversprechen von Mary Baker-Eddy, sondern griff auf orthodoxe medizinische und alternativ-biologische Methoden zurück – und besiegte den Krebs.

[14] ) Hermann Broch, Massenwahntheorie, Suhrkamp1979 S. 280

[15]) daselbst, S. 253

[16] ) s. z.B. THEOLOGIE VI x 12, Kreuz-Verlag Stuttgart 1967, S. 36 ff

[17]) „Der Ausdruck qados (heilig) besagt nichts anderes, als daß Gott in vollstem Sinne Gott ist“ Rudolf Sment, Alttestamentarische Religionsgeschichte, S. 206

[18]) 1.Sam.6,20

[19] Claus Westermann, Das Heilige, in THEOLOGIE VI x 12, Kreuz-Verlag Stuttgart 1967, S. 38

[20]) Bendavid, Lazarus, in: Neues Theologisches Journal. Nürnberg 1898

[21]) Matthäus, 12.30, von modernen Diktatoren gerne kolportiert, u.a. von George W. Bush 2001

[22]) Markus 9/40, Lukas 9/50

[23]) Während meines erwähnten Besuchs eines sog. Gottesdienstes in Freiburg raunte Herr von Burski seiner Frau deutlich hörbar zu: „Jetzt zusammen aufstehen, daß sieht besser aus!“ Frau von Burski gehorchte – und das Paar erhob sich synchron und choreographisch einwandfrei…

[24]) Die Gemeinde der CS in Freiburg bewegt sich seit 2002 nach Auskunft einer weiteren verläßlichen Informantin immer auf dem gleichen Besucherlevel, maximal 10 – 15 Personen pro Veranstaltung und immer dieselben, vom Autor auch über Wochen selbst so erlebt.

[25])Quelle: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, neubearbeitet von Karl Rahner und Karl-Heinz Weger, Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1971. S 196

[26]) aus: Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Verlag Friedrich Pustet Regensburg, S. 221 ff

[27]) Die heimliche Geliebte „Zauber­fee“ eines Sektenrepräsen­tanten der CW

[28]) Pfingstgemeinde Belfort (F)

[29]) Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches achte ich mir fremd. Heautontimorumenos (77) Ternez.

Juden: Die Rassenlüge

Der historische Grundmythos des Zionismus ist der einer Kontinuität der Rasse und der unaufhörlichen Sehnsucht nach Rückkehr.

Eine fiktive Genealogie will glauben machen, daß alle Juden der heutigen Welt von ein und derselben »Rasse« abstammen, daß sie allesamt auf Gottes Geheiß mit Abraham und seinen Patriarchen ins »gelobte Land« Kanaan gekommen sind, dann nach Ägypten auswanderten und – immer wieder von ihrem Gott – aus der Sklaverei befreit, dank dem wunderbaren Exodus, unter Führung Moses, um das XIII. Jh.; danach unter der Führung Josuas das »gelobte Land« eroberten, wobei sie – immer auf Gottes Geheiß – die eingeborenen Bevölkerungen vernichteten, bis sie dann ein Reich gründeten, das Reich Davids, wonach sie dann besiegt und vertrieben wurden.

Als Cyrus im Jahre 539 die Rückkehr der Verbannten gestattete, erließen zwei Vertrauensmänner am persischen Hof, der Hohepriester Nehemia und der Schriftgelehrte Esra strenge Gesetze, um die Reinheit der Rasse und der Religion zu wahren und um jede Assimilation der Juden mit den um sie her lebenden Nationen zu vermeiden. Diese Gesetze untersagten die Heirat mit nicht-jüdischen Frauen, kodifizierten aufs genaueste das seinerzeit dem Moses verkündete Gesetz und begründeten eine absolute Priesterherrschaft.

Die Gesetze der rassischen Diskriminierung waren besonders streng: »Scheidet euch von den Völkern des Landes und von den fremden Weibern« (Esra X, 11). Die Verstoßungen wurden nach drei Monaten vollstreckbar: ».. .und sie richteten’s aus an allen Männern, die fremde Weiber hatten, bis zum ersten Tage des ersten Monats« (X,17). Dies wird genau berichtet bei Nehemia (XIII,3):

»Da sie nun dies Gesetz hörten, schieden sie alle Fremdlinge von Israel.« Nehemia sagt weiter: »Ich sah auch zu der Zeit Juden, die Weiber genommen hatten von Asdod, Ammon und Noab. Und ihre Kinder redeten die Hälfte asdodisch und konnten nicht jüdisch reden, sondern nach der Sprache eines jeglichen Volkes. Und ich schalt sie und fluchte ihnen und schlug etliche Männer und raufte ihnen das Haar und nahm einen Eid von ihnen bei Gott: Ihr sollt eure Töchter nicht geben ihren Söhnen noch ihre Töchter nehmen euren Söhnen oder euch selbst« (XIII, 23-25).

»Also reinigte ich sie von allem Ausländischen und bestellte den Dienst der Priester und Leviten, einen jeglichen zu seinem Geschäft (XIII, 30).

Das auf diese Weise grundsätzlich von jeder äußeren Beeinflussung abgeschirmte Judentum lebt weiter unter der Bevormundung der Hohen Priester.

In dieser »offiziellen« Version der jüdischen Geschichte erkennen wir, wenn wir die selektive, mystische und völkische Bibellektüre aus dem zeitgenössischen Zionismus heraus analysieren, daß die apologetische »legenda aurea« im Dienst scharf umrissener politischer Ziele den größten Teil beansprucht.

Die Geschichte geht weiter in der »Diaspora« (d. h. bei den unter die verschiedenen Nationen verstreuten Juden) wo die jüdischen Gemeinschaften, die die Zionisten als ständig Zusammenhaltende und immer Verfolgte darstellen, ihre messianische Hoffnung auf eine »Rückkehr« ins vorübergehend verloren gegangene »gelobte Land« fest bewahrt haben. Auf diese Weise bilden sie unter den Nationen ein »Priestervolk«, mit dem göttlichen Auftrag, durch seine Leiden und seinen unerschütterlichen Glauben Zeugnis abzulegen von Gottes grundlegendem Plan. So kreist denn die gesamte Geschichte der Menschheit um das Geschick dieses auserwählten Volkes.

Wir werden weiterhin erfahren, wie der politische Zionismus unserer Zeit dieses Schema »säkularisiert« hat, um eine Machtpolitik zu rechtfertigen, auch für die zahlreichen im Staate Israel und in der »Diaspora«, die sich nicht mehr zur israelitischen Religion bekannten.

Bevor wir uns mit der grundsätzlichen theologischen Mystifikation beschäftigen, die der »rote Faden« der zionistischen Ideologie ist, mit dem Thema der »Verheißung«, die ein »göttliches Recht« auf das Land Palästina beinhaltet und des »auserwählten Volkes«, das auf Grund dieses »göttlichen Rechts« berechtigt ist, die Menschenrechte all derer mit Füßen zu treten, die seit Jahrtausenden in Palästina gelebt und gearbeitet haben, – bevor wir also diese Dinge eingehend behandeln, wollen wir über zwei zusätzliche Mythen sprechen: den der »jüdischen Rasse« und den der tausendjährigen Nostalgie der Heimkehr.

*
Der Begriff der »Rasse« ist eine Erfindung des XIX. Jh. in Europa, die zur Rechtfertigung der kolonialen Hegemonie des Westens willkürlich von der Unterscheidung zwischen sprachlichen Gruppen zu der Vorstellung des biologischen Unterschieds übergeht, insbesondere der Hierarchie unter den großen menschlichen Sprach- und Kulturgemeinschaften.

Bevor sich dieser tragische Mythos entwickelte, besonders durch die phantastischen Deutungen des »Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen« des Grafen Gobineau, 1853, war die der Rassenidee am meisten nahekommende Vorstellung der Stammesbegriff der Blutgemeinschaft, der in sämtlichen Kulturen durch die mystische Darstellung eines gemeinsamen Urvaters »nachgewiesen« wurde, de – »Heros eponymos» des Stammes und legendärer Genealogien, die man ebenso gut bei den Indianern Amerikas wie auch in der »Äneis« und im Alten Testament findet.

Es handelt sich aber dabei nicht um die »Rasse« des im XIX. Jh. in Europa angenommenen Wortsinnes, d. h. um einige große einige menschliche Gruppen, sondern um die Nachkommen einer bestimmten Ahnenreihe in kleinen Stammesgemeinschaften oder in gewissen sozialen Schichten: in der französischen Sprache des 19. Jahrhunderts bezeichnet man z.B. eine königliche Dynastie als eine «Rasse», und im 18. Jahrhundert unterscheidet man zwischen der «Noblesse de race» (dem alten Stammesadel) und dem erst neuerdings erworbenen und nicht vererbten. (…)

Die Pseudotheorie der Rasse hat immer den Herrschaften und Vergewaltigungen als Rechtfertigung gedient. Das Spitzenbeispiel ist der Nazismus. Hitler klagt in «Mein Kampf» die Juden an, sie „wollten durch Bastardisierung die ihnen verhaßte weiße Rasse degenerieren und vernichten. Der Jude..“, fügt er hinzu, „vergiftet das Blut der anderen, bewahrt aber das seinige.“

Es ist beachtenswert, daß er dieselben Mittel an wendet wie sein Opfer: Der Gesetzgeber der Blutgesetze von Nürnberg sagt in seiner Präambel, sein Vorbild seien die ersten historischen Entscheidungen zum Schutze der Reinheit der Rasse, die Esras und Nehemias.

Es handelt sich nicht um antike Geschichte und nicht um Archäologie, denn auf Grund der rabbinischen Tradition definiert das Grundgesetz des jetzigen Staates Israel den «Juden» so, wie es Esra und Nehemia forderten und wie es die Nürnberger Rassengesetze bestimmten: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde (rassisches Kriterium) oder zur israelitischen Religion konvertiert wurde (theokratisches Kriterium).

Nur wer diesen Kriterien entspricht, kann das Gesetz der Rückkehr genießen und die sich aus ihm herleitenden Vorrechte im Staate Israel. Es handelt sich also nicht nur um eine Definition der »Rasse«, sondern um eine rassistische Diskriminierung , da – wie wir sehen werden – die Zugehörigkeit zu irgendeiner ethnischen Gemeinschaft Vorrechte oder Nachteile einschließt.

Der Rassismus entbehrt jeder wissenschaftlichen Begründung. Vom biologischen Standpunkt hat sich die alte Theorie des Schädelindex, der zwischen »Dolichozephalen« und »Brachyzephalen« unter-scheidet, als untauglich erwiesen. Die moderne Genetik, derzufolge gewisse »Gene« die serologischen Eigenschaften des Blutes bestimmen, hat die Nichtigkeit des Rassebegriffs erwiesen.

*

Der archaische Mythos der Genesis (X, 18-27) hat wie alle anderen rassistischen Mythen dazu gedient, die Hierarchien und Herrschaften zu »bestätigen«: die drei Söhne Noahs, die nach dem Ausstieg aus der Arche »die ganze Erde bevölkerten«, standen am Anfang der Asiaten (Sem), der Europäer (Japhet) und der Afrikaner (Ham): letztere wurden der Sklaverei und der Gewalt unterworfen.

Das feudale Mittelalter sah in Ham den Ahnherrn der Leibeigenen, in Japhet den der Herren, in Sem den der Gelehrten auf dem Gipfel der Hierarchie.

Leon Poliakov betont in seinem Buch »Der arische Mythos« (1971), daß nach der hebräischen (oder genauer: der rabbinischen) Tradition, auch wenn sie sich nicht ausdrücklich auf die »Rasse« bezieht, »die Schranke, die das auserwählte Volk von den Nationen trennen sollte, dazu bestimmt war, es weiterhin als «Priestervolk» zu wahren.«

Die Geschichte liefert für den Begriff der Rasse ebenso wenig objektive Begründung wie die Biologie. Aus den »Juden« eine von den »Nationen« isolierte »Rasse« machen wollen, heißt: einen Mythos schaffen, genau so übrigens wie die Antisemiten und die Zionisten. Antisemitismus und Zionismus sind auf demselben Postulat gegründet und führen zu denselben Ergebnissen.

Das gemeinsame Postulat ist der Glaube an eine »jüdische« Wesenheit, die sich den anderen Nationen nicht assimilieren kann, ob nun aus »Weigerung« oder durch »Ausschließung«.

Das gemeinsame Ergebnis aus beiden ist der Schluß, man müsse die »Juden« aus den Nationen herausnehmen, um sie in einem »Welt-Ghetto« zu sammeln, was schon immer das Ziel der Antisemiten gewesen ist.

In- Wirklichkeit hat es nie eine »jüdische Rasse« gegeben. Außer in den Wahnvorstellungen Hitlers und der Zionisten. In allen Epochen der Geschichte waren die »Juden« Komponenten der großen ethnischen Gemeinschaften (die ihrerseits auch keine Rassen waren).

Die Nomaden oder die seßhaft werdenden Hirtenvöl­ker, die nach Kanaan kamen, waren Aramäer. die aus dem nördlichen Euphratgebiet, aus Transjordanien oder aus Arabien kamen, d. h. sie waren von ihrer Sprache her (und nicht nach ihrem Blute) »Semiten«, wie es heute die Araber und die Israeliten sind. Das bezeugt die Verwandtschaft der hebräischen und der arabischen Sprache.

Die «apiru» oder »habirou (Hebräer), die mit dem »Auszug« aus Ägypten gekommen waren, waren eine soziale Gruppe (eine aufsässige Randbevölkerung) und keine völkische Gemeinschaft.

*

Die Stämme, die friedlich oder kriegerisch in Kanaan eindrangen, vermischten sich kulturell und blutmäßig mit den ortsansässigen Völkerschaften (dies bezeugen mehrere Jahrhunderte später die Rassegesetze Esras und Nehemias).

Das Königreich Davids und Salomos war multinatio­nal; es nahm fremde Volksangehörige und ihre religiösen Kulte freundlich auf. Als Cyrus den Verbannten in Babylon die »Heimkehr« gestattete, blieb die überwältigende Mehrheit in Mesopotamien, wo sie Familien gegründet hatten.

Als schließlich die Römer die Israeliten nach den Auf­ständen des Jahres 70 und des Bar Kochba vertrieben, bekehrten häufig die Vertriebenen die Bevölkerung die sie aufnahmen, zu ihrem Glauben.

Joseph Reinach schrieb im »Journal des Débats vom 30. März 1919: „Die Juden in Palästina bilden nur eine unbedeutende Minderheit. Ebenso wie die Christen und die Moslems haben sich die Juden mit großem Eifer für die Bekehrung der Völker zu ihrem Glauben eingesetzt.“

Vor der christlichen Ära hatten die Juden andere Semiten (oder Araber) zum mosaischen Monotheismus bekehrt, Griechen, Ägypter und Römer in großer Zahl. Auch später war der jüdische Proselytismus nicht weniger aktiv in Asien, in ganz Nordafrika, in Italien, Spanien und Gallien. Zweifellos überwogen konvertierte Römer und Gallier in den Chroniken des Grégoire de Tours erwähnten jüdischen Gemeinden; es befanden sich unter den von Ferdinand dem Katholischen aus Spanien vertriebenen Juden viele Konvertiten iberischen Ursprungs, die sich dann in Italien, in Frankreich, im Orient und in Smyrna niederließen.

Die große Mehrheit der russischen, polnischen und galizischen Juden stammen von den Khazaren, einem Tatarenvolk Südrußlands, die zur Zeit Karls des Großen geschlossen zum Judentum übergingen. Wer von einer jüdischen Rasse spricht, ist entweder unwissend oder unredlich.

*

Die Juden waren nur einer der zahlreichen ara­bischen oder semitischen Stämme, die sich im westlichen Asien niedergelassen hatten Joseph-Reinachs Schlußfolgerung ist klar: »Da es also weder eine jüdische Rasse noch eine iüdische Nation gibt, da es nur eine jüdische Religion gibt, ist der Zionismus eine Torheit – ein dreifacher: historischer, archäologischer ethnischer Irrtum.«

Mit noch größerer wissenschaftlicher Genauigkeit bestätigt Maxime Rodinson: »Es ist sehr wahrscheinlich – und die physische Anthropologie bemüht sich, es zu veranschaulichen – daß die als »Araber« bezeichneten Bewohner Palästinas (in ihrer Mehrheit übrigens Arabisierte) viel mehr Blut der-alten Hebräer in sich haben als die meisten Juden der Diaspora, deren religiöse Exklusivität keineswegs die Absorption der Konvertiten verschiedenen Ursprungs verhinderte.

Der jüdische Proselytismus ist jahrhundertelang mächtig gewesen und hat im übrigen lange Epochen hindurch gewirkt. Um sich das klar zu machen, genügt es, an den jüdischen Staat in Südarabien im VI. Jh. zu erinnern, der auf judaisierter südarabischer Grundlage bestand; oder an den jüdisch- türkischen Staat der Khazar in Südost-Rußland im VIII./ X. Jh. auf türkischer oder finno-ugrischer, zweifellos z. T. slawischer Grundlage;

an die so gut sinisierten Juden in China; an die schwarzen Juden in Cochin; die Falasha Äthiopiens usw. … und vom anthropologischen Standpunkt aus genügt es, die Augen über eine Versammlung von Juden verschiedener Herkunft schweifen zu lassen, um die Bedeutung der fremden Anteile zu
erkennen.«

Die klarste Bilanz dieser Entmystifizierung der Geschichte formulierte Thomas Kiernan: »Die Zionisten waren Europäer. Es besteht keinerlei biologische oder anthropologische Verbindung zwischen den Vorfahren der europäischen Juden und den alten hebräischen Stämmen.«

*

Um das Thema der angeblichen »historischen Rechte« abzuschließen, möchten wir noch an drei entscheidende Momente der Staatsgründung Israels erinnern:

  • Die Balfour Deklaration, die in einem Brief vom November 1917 an den Baron Rothschild enthalten ist: »Die Regierung Seiner Majestät begünstigt die Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird alle Anstrengungen machen, um dies Ziel zu erreichen, wobei wohl verstanden nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaf­ten oder die Rechte und den politischen Status der Juden in jedem anderen Land schädigen kann.«
  • Balfour selbst erkannte sehr schnell die Gefahr. Am 19. Februar 1919 schrieb er an Lloyd George: »Der schwache Punkt unserer Position ist offenbar, daß wir im Falle Palästinas den Grundsatz der Selbstbestimmung abgelehnt haben. Wenn die jetzigen Bewohner befragt würden, dann würden sie unbestreitbar eine Entscheidung gegen die jüdische Einbürgerung verkünden.«
  • Dies bestätigt im übrigen der Bericht der Kommission King-Crane, die 1919 vom Präsidenten Wilson entsandt wurde, um sich über »die Meinungen und Wünsche der gesamten Bevölkerung zu informieren«.

Der Bericht besagt hinsichtlich Palästinas: »Hier nehmen die ältesten Bewohner, d. h. ebenso Moslems wie Christen dieselbe feindliche Haltung gegen eine massive jüdische Einwanderung ein und gegen jegliche Bestrebung, eine jüdische Vorherrschaft über sie zu etablieren.

Wir fragen uns hier, ob irgendein britischer oder amerikanischer Staatsmann sich vorstellen kann, daß es möglich sei, das zionistische Programm zu verwirklichen, es sei denn mit Hilfe einer großen Armee.«

Während sie das zionistische Maximal-Programm verwarf, schlug die Kommission vor, die Einheit Syrien-Palästina unter einem britischen oder amerikanischen Mandat aufrecht zu erhalten und dabei eine begrenzte nationale jüdische Heimstätte abzusichern.

Artur Köstler-hat die auf Grund der Balfour Declaration durchgeführte Operation ausgezeichnet definiert: »Eine Nation hat einer anderen feierlich das Gebiet einer dritten zugesagt.« (Promise and fulfilment)».

*

Mit dieser Deklaration begann die Aufeinanderfolge der großen Lügen, die die Geschichte des Staates Israel und seiner Führer markieren.

Es wurden nicht nur die Klausel der Balfour Declaration über die Respektierung der Rechte der »nicht-jüdischen Gemeinschaften« ständig verhöhnt, sondern der Gedanke einer »jüdischen nationalen Heimstätte«, d. h. – so präzisierte es das britische Weißbuch von 1922- ein Ausstrahlungszentrum der jüdischen Kultur und Religion war für die zionistischen Oberhäupter der Wandschirm, hinter dem sie die Gründung eines zionistischen Staates verbargen.

Schon am 26. Januar 1919 schrieb Lord Curzon: »Während Weizmann Ihnen etwas erzählt und Sie verstehen daraus »jüdische nationale Heimstätte«, denkt er dabei an etwas ganz anderes. Er stellt sich einen jüdischen Staat vor und eine ihm unterworfene arabische Bevölkerung, die von den Juden regiert wird. Das sucht er hinter dem Wandschirm und unter dem Schutze der britischen Garantie zu verwirklichen.«

Die Doppelzüngigkeit des politischen Zionismus ist deutlich: im März 1921 erklärt das Memorandum des jüdischen Nationalrats an Winston Churchill, »man dürfe nicht den Verdacht hegen, einer anderen Nation sollten ihre Rechte verweigert werden.«

Am 22. Juni 1969 verkündet Golda Meir hingegen vor der Knesset: »Ich will einen jüdischen Staat mit einer unwandelbaren jüdischen Majorität… Ich war immer der Ansicht, dies sei der Zionismus.«

Der Beschluß einer Teilung Palästinas wurde von der Generalversammlung der UNO am 29- November 1947 angenommen. In diesem Zeitpunkt machen die Juden 32% der Bevölkerung aus und besitzen 5,6% des Landes. Der zionistische Staat erhält 56% des Territoriums mit den fruchtbarsten Ländereien.

Die Abstimmung über diesen Teilungsplan gab Anlaß zu unsauberen Manövern. Am 18. Dezember 1947 legte ein Mitglied des amerikanischen Kongresses, Lawrence H. Smith, sie vor dem Kongreß dar: »Lassen Sie uns davon sprechen, was in der Versammlung der Vereinten Nationen geschah während der Zusammenkunft, die der Teilungs-Abstimmung vorausging. Für die Billigung des Beschlusses waren zwei Drittel der Stimmen erforderlich … Die Abstimmung wurde zweimal aufgeschoben … während dieser Zeit wurde auf die Abgeordneten von drei kleinen Nationen starker Druck ausgeübt … Die ausschlaggebenden Stimmen waren die von Haiti, Liberia und den Philippinen.

Diese Stimmen genügten, um die Zweidrittel-mehrheit zu erreichen. Vorher hatten sich diese Länder der Teilung widersetzt… Die von unseren Abgeordneten, unseren Regierungsbeamten und von amerikanischen Bürgern auf sie ausgeübten Pressionen bedeuten eine sträfliche Handlung.«

Dre Pearson berichtet in der »Chicago Daily« vom 9. Februar 1948 u. a. folgende Einzelheiten: »Harbey Firestone, Besitzer von Kautschuk-Plantagen in Liberia agitiert bei der liberianischen Regierung …«

Präsident Truman übte einen nie dagewesenen Druck auf das State-Department aus. Der Unter-Staats­sekretär Sumner Welles schreibt: »Auf direkte Weisung des Weißen Hauses mußten die amerikanischen Beamten direkte oder indirekte Pressionen ausüben …, um bei der Endabstimmung die erforderliche Majorität zu sichern.«

Der damalige Verteidigungsminister James Forrestal bestätigt: »Die Methoden, die man anwandte, um Druck auszuüben und um die anderen Nationen in der UNO unter Zwang zu setzen, grenzten an einen Skandal.«

Zwischen dem Teilungs-Beschluß vom 29. November 1947 und der tatsächlichen Beendigung des englischen Mandats über Palästina vom 15. Mai 1948 besetzen zionistische Truppen Gebiete der den Arabern zugeteilten Zone, zum Beispiel Jaffa und Saint-Jean d’Acre.

Wer kann unter derartigen Umständen den Palästinenern und den benachbarten arabischen Ländern zum Vorwurf machen, daß sie nicht die monströse Ungerechtigkeit der »vollendeten Tatsachen« hinnahmen und daß sie sich weigerten, den zionistischen Staat» anzuerkennen«?

Aber der zionistische Staat begnügte sich nicht mit dem Land: Es sollte auch noch seiner Bewohner beraubt werden, um daraus nicht eine traditionelle Kolonie der Ausnutzung der eingeborenen Arbeitskräfte zu machen, sondern eine Kolonie, die man neu bevölkerte, indem man die Einwanderer an die Stelle der bisherigen Bewoh­ner brachte.

Um dies Ziel zu erreichen, führte der zionistische Staat einen wahren Staatsterrorismus ein, d. h. wirkliche »Pogrome« gegen die palästinensische Bevölkerung.

Das eklatanteste Beispiel war das von Deir Yassin: Am 9. April 1948 wurden in einem Verfahren gleich dem der Nazis in Oradour die 254 Einwohner dieses Dorfes (Männer, Frauen, Kinder, Greise) von den Truppen des »Irgun« massakriert, deren Anführer Menachem Begin war.

In seinem Buche »Der Aufstand: Geschichte des Irgun« schreibt Begin, ohne den »Sieg« von Deir Yassin hätte es keinen Staat Israel gegeben. (Seite 162 der englischen Ausgabe).

Er fügt hinzu: »Die Hagana vollführte siegreiche Angriffe an anderen Fronten … Von Panik ergriffen flohen die Araber, indem sie schrien: Deir Yassin!« (Ebendort, Seite 162, in der französischen Ausgabe Seite 200.)

Erst am 15. Mai 1948 informierte der Generalsekretär der arabischen Liga den Generalsekretär der Vereinten Nationen, daß sich die arabischen Staaten gezwungen sähen, um der Sicherheit der palästinensischen Bevölkerung willen zu intervenieren.

Im Jahre 1949, nach dem ersten israelisch-arabischen Krieg, kontrollierten die Zionisten 80% des Landes, und 770 000 Palästinenser waren verjagt worden.

Die Vereinten Nationen hatten einen Vermittler ernannt, den Grafen Folke Bernadotte. In seinem letzten Bericht schrieb Graf Bernadotte: »Man würde die elementarsten Grundsätze verletzen, wenn man diese unschuldigen Opfer des Konfliktes hinderte, in ihr Heim zurückzukehren, während die jüdischen Einwanderer nach Palästina hereinströmen und zudem ständig drohen, die arabischen Flüchtlinge zu verdrängen, die seit Jahrhunderten in diesem Lande verwurzelt sind.«

Er beschreibt die »zionistische Plünderung großen Stils und die Zerstörung von Dörfern ohne erkennbare militärische Notwendigkeit«.

Dieser Bericht (UN-Dokument 648, Seite 14) wurde am 16. September 1948 eingereicht. Am 17. September 1948 wurden der Graf Bernadotte und sein französischer Assistent, der Oberst Serot, in dem von den Zionisten besetzten Teil Jerusalems er­mordet… (…)

*

Die zionistischen Führer des Staates Israel konnten umso leichter den »Vereinten Nationen« die Stirn bieten, als die Mehrheit dieser UNO Komplice der zionistischen Usurpation in Palästina gewesen war.

1948, also vor der Dekolonisation, der Auflösung der Kolonialreiche, wurde die UNO weitgehend von den Westmächten beherrscht. Sie hat ihre eigene Charta verletzt, als sie den Arabern, die damals zwei Drittel der palästinensischen Bevölkerung ausmachten, das Recht auf die Entscheidung über ihr eigenes Schicksal verwehrten.

Selbst vom rein juristischen Standpunkt stellen sich eine Anzahl Fragen.

Die Entscheidung über die Teilung wurde von der General-Versammlung und nicht von dem Sicherheitsrat (Conseil de Sécurité) angeordnet. Sie galt also als Empfehlung und nicht als rechtskräftige Entscheidung.

Nicht nur die Palästinenser lehnten diese Teilung ab: Der Irgun (Menachem Begins) erklärte damals, diese Teilung sei illegal und werde niemals anerkannt wer­den. Er rief die Juden auf, »nicht nur die Araber zurückzudrängen, sondern sich ganz Palästinas zu bemächtigen«.

Ben Gurion selbst schrieb: »Bis zum Abzug der Briten sind die Araber in keine jüdische Kolonie, wäre sie auch noch so abgelegen, eingedrungen oder haben sie eingenommen, während die Haganah sich durch heftige und häufige Angriffe zahlreicher arabischer Stellungen bemächtigte und Tiberias und Haifa, Jaffa und Safed befreite.«

Sie lasen Auszüge aus „Der Fall Israel“ von Roger Garaudy

„Oh je, was ist das denn für eine? Ein Plädoyer für Achtsamkeit und Respekt im Alltag.

Heute Vormittag, im Nahver­kehr­szug nach Basel.

Eine junge Dame steigt ein, so um die zweiundzwanzig, kaum mehr.

Korpulent mit wohligen, aus­landend überquellenden For­men, schwarz gekleidet, ein Rock bis knapp unter die Schamgrenze, Nasen­piercing und STEIFF-Knopf-im-Ohr. [i])

Ein kurzer Blick auf mich, ein nicht unfreundliches Lä­cheln. Dann wieder das be­rühm­te Abtauchen in welches «??Pod/Pad» auch immer.

Der ach so tolerante Herr Lorenz denkt sich: „Oh je, und diese Generation soll ein­mal..?!“

Zeitsprung

Zehn Minuten später: Wir sind im Gespräch, zufällig hi­nein­gerutscht nach der Fahr­scheinkontrolle.

Und siehe da: Sie haßt dieses Nasenpiercing, aber sie hat vor fast einem Jahr eine Wette verloren, das war eben der Einsatz.

Und sie hackt wie verrückt auf ihrem ??POD, weil ihre Oma in Berlin heute ganz früh am Morgen operiert wurde und sie auf dem laufenden sein will, wenn sie aus der Narkose aufwacht.

Und sie ist auf der Fahrt zu einem Vorstellungsgespräch, des­halb diese absolut unmöglichen Klamotten, am liebsten trägt sie Jeans und weite Pullover, aber eben, was sein muß, muß sein.

Ein tolles Gespräch, eine blitzgescheite, hellwache junge Frau, wie sich herausstellt.

Der ich – zumindest in Ge­dan­ken – absolut Unrecht getan hätte mit meiner ersten Einschätzung.

Heinz Z.

Als sie ausstieg, mußte ich an meinen langjährigen Freund Heinz Z. denken: Als ich ihn kennen­lernte – er wurde mir als abso­luter Bauspezialist vorgestellt – trug er das an den Füßen, was in der Schweiz «Zoggeli» ge­nannt wird, eine Art hol­län­discher Holzpantinen.

Darin kam er dann auch zwei Tage später zum Geschäfts­essen und dann wieder zur Sitzung mit Geldgebern und und und…

Ich schämte mich, offen gestanden, ein wenig für ihn, denn immerhin segelte er eine Zeitlang unter unserer Firmen­flagge.

Erst eine Reihe von Auf­trägen später – Heinz hatte sich inzwischen als ein hoch­kom­petenter Pfundskerl und Kol­lege erwiesen – wagte ich ihn darum zu bitten, doch bei der nächsten Sitzung mit dem und dem ein paar ordentliche Schuhe zu tragen – und ICH erlebte mein Waterloo!

Denn: Heinz litt (leidet, denn ich hoffe, er lebt noch) an einer angeborenen Fußkrankheit. Er hatte alle möglichen Schuhe ausprobiert, orthopädische woll­te er nicht tragen, um nicht bemitleidet zu werden.

Bis er eines Tages ent­deckte, daß genau diese «Zoggeli» die idealen Geh­werk­zeuge für ihn waren.

Beschämt

Ich war damals zutiefst beschämt.

Und auch heute, im Zug, war ich das: Was geht denn in uns vor, wenn wir uns fremde Menschen gnadenlos «scan­nen» und glauben, sie dann bereits nach einigen Sekunden genau einordnen zu können?

Was tun wir unseren Mitmen­schen damit an und auch uns selbst, wenn wir glauben, dick ist gleich dumm und klein ist gleich frech und Tatoo ist gleich bildungsfern und kurze schwar­ze Röcke bis zur Schamgrenze sind gleich «Betthupferl» und Rumäne ist gleich ungebildeter Blutsauger und und und…?!

Was tun wir uns und anderen an, wenn wir insgeheim wün­schen: „He, gib doch, Herr, daß sie oder er so ist wie ich!“

Prof. Higgins aus «My fair lady» kommt mir in den Sinn: “Why cant women be like men..?!”

Aber auch Graucho Marx, der selbstkritisch bemerkte: “Also, einem Club, der MICH als Mit­glied aufnehmen würde, möch­te ich nicht angehören..!”

Mein Fazit

Laßt uns einfach anständig miteinander umgehen!

Laßt uns unsere Biographien erfragen, ehrlich neugierig, das, was uns zu dem macht, was wir gerade sind (und dabei vielleicht gar nicht sein wollen).

Laßt uns mit anderen so gnädig umgehen, wie wir das doch – Hand auf´s Herz! – mit uns selber ständig tun (Herr Lorenz zumindest ist ein Künstler darin, ständig hervor­ragende und überaus glaub­würdig klingende Erklärungen für seine oft wirklich ir­ra­tionalen Verhaltensweisen zu erfinden, das, was die Psy­chologen «Rationalisierung» nennen.

Laßt uns die Meßlatte, die wir an die Persönlichkeit unserer Mitmenschen «die da oben» anlegen, auf ein ehrliches, menschliches Maß schrumpfen – nicht an Herrn Lorenz soll der Wert einer oder eines anderen gemessen werden, oder?

Ein Nietzsche-Zitat paßt hier punktgenau:

„Wer etwas Neues wirklich kennenlernen will (sei es ein Mensch, ein Ereignis, ein Buch), der tut gut daran, dieses Neue mit aller möglichen Liebe auszunehmen, von allem, was ihm daran feindlich, anstößig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja, es zu vergessen; so daß man zum Beispiel dem Autor eines Buches den größten Vorsprung gibt und geradezu wie bei einem Wettrennen mit klopfendem Herzen danach begehrt, daß er sein Ziel erreiche. Mit diesem Verfahren dringt man nämlich der neuen Sache bis an ihr Herz, bis an ihren bewegenden Punkt: Und das heißt eben, sie kennenlernen. Ist man soweit, so macht der Verstand hinterher seine Restriktionen; jene Überschätzung, das zeitweilige Aushängen des kritischen Pendels, war eben nur der Kunstgriff, die Seele einer Sache kennenzuler­nen.“ [ii])

Eine Spur mehr Liebe, eine Spur mehr Mut, eine Spur mehr Zuhören, eine Spur mehr „ja, DU, Schwester, Bruder, bist hier unten genauso wertvoll und wichtig wie ich – also erzähl´ mir von dir!“

Zugfahren lohnt sich – in einem dicken Mercedes, alleine auf der Autobahn hätte ich nie von Omas Operation erfahren und warum junge Frauen kurze, schwarze Röcke tragen…


[i]) Jüngere LeserInnen werden sie nicht mehr kennen, die Stofftiere der Firma «Steiff», deren Markenzeichen ebn der berühmte «Knopf im Ohr» war, in den 1960er ein Renner

[ii]) Friedrich Nietzsche, in: Menschliches – Allzumenschliches (Der Mensch mit sich allein)

Atemtechnik – ab jetzt und hier verändern wir die Gesellschaft, induktiv!

Oh je, diese Wissenschafts­sprache – «induktiv», wat´n dat nu wieder?

Am einfachsten erklärt durch das Gegenteil, nämlich durch den Begriff «deduktiv».

Was – vereinfacht formuliert – bedeutet: Von oben nach unten, während induktiv eben von unten nach oben bedeutet.

Marsch durch die Instanzen

Die Realos der Grünen haben uns das jetzt jahrzehntelang gezeigt: „Ja, es klappt!“

Mit Zähigkeit, mit Geduld – induktiv, von der Basisarbeit zum Mitbestimmen!

Und jede und jeder derjenigen, die heute in dunkelblauen Nadel­streifen oder im kleinen Schwar­zen, aber mit grüner Gesinnung in verantwortlicher Position agieren, haben sich auf dem Weg zu dem, was sie heute sind, mit Sicherheit in ihrer Persönlich­keits­struktur verändert, sind gereift.

Darwin hätte seine Freude an ihnen: Nicht der Stärkste überlebt, sondern die / der am besten Angepaßte. Und dies nicht im Sinne von «sich unter dem Druck von oben anpassenden «Duck­mäusern», sondern im Sinne von: „Ich weiß jetzt, was angeblich nicht geht und finde heraus, wie es doch gehen könnte!“

Ruhig atmen!

Da können wir ALLE einen aller­ersten Schritt tun: Den Druck aus unseren kleinen, simplen Alltags­aktivitäten rausnehmen!

Hier das, was ich in meinem Buch «Wirtschaft. Arbeit. Menschen» [1]) zum Thema «Atem» geschrieben habe:

Atem

Frage:
„Wird die Bedeutung einer geregelten Atmung im beruflichen Alltag überschätzt?“

Beobachtung:

Menschen, die in Berufen tätig sind, in denen sie in Sekunden und Minuten energisch handeln müssen, wie bei der Feuer­wehr, der Polizei, den Sanitäts- und Notarztdiensten, werden bestätigen: Wenn es darauf ankommt, mußt du besonders ruhig sein und vor allem – keine Atemhektik!

Und was für ein Geheimnis steckt hinter unserem Atem!

25920 Jahre braucht die Sonne, um bei ihrem Kreislauf durch den Zodiak den Frühlingspunkt zu erreichen („Präzessions­zahl“).

72 ist die Zahl der Pulsschläge eines gesunden Menschen in der Minute, in der er achtzehnmal atmet. Das macht am Tag 18 mal 1440 Minuten = 25920.

Die Zahl 72 gilt den Hindus als Symbol des Menschenlebens, dessen Durchschnitt auf 72 Jahre festgelegt wurde, was wiederum genau … 25920 Tage ergibt.

Und dann gibt es wieder Zusammenhänge zwischen 25920 und dem Ton des Normal-A. Denn klingt ein bestimmtes A eine Sekunde lang, dann schwingt der Tonerzeuger 432 mal (ein indisches Tatwa = 432 Atemzüge) – eine Minute lang, dann 25920 mal. Das um zwei Oktaven tiefere A wird in vier Minuten 25920 mal schwingen – 4 Minuten ist 1 Grad der Erdrotation…

Unsere Atemzüge verbinden uns nicht nur durch die eingeatmete Luft mit dem Universum. Sie verbinden uns auch auf der spirituellen Ebene mit universalen Rhythmen und Schwingungs­mustern – was für ein wichtiger Hinweis darauf, daß wir auch sorgfältig mit dieser „Nabelschnur“ umgehen sollten!

Innerhalb von Sekunden kann dann ein Wunder geschehen: Es ist, als hielten wir die Zeit an, als verlangsame sich alles Geschehen um uns herum, wenn wir statt Hyperventilation r u h i g atmen!

Eine spürbare Beruhigung tritt ein, auch wenn rings um uns die Wände wackeln.

Wer immer sich mit Yoga oder mit Meditationstechniken beschäftigt, bestätigt die Wechselwirkung zwischen Atmung und Bewußt­seinszustand. Das Gegenteil – Hyperventilation – belegt diesen Zusammenhang: Seele in Panik…!

Ruhig und gelassen und bewußt einatmen, die Lungen mit frischer Luft füllen, um dann wieder lange und sorgsam auszuatmen, den letzten Winkel der Lungen von verbrauchter Luft zu säubern, ist ein wunderbares Erlebnis, vermittelt uns in wenigen Augenblicken spürbare Ruhe und Gelassenheit, vermittelt uns Distanz selbst zum hektischsten Geschehen rings um uns.

Schlußfolgerung:

Wie ein Feuerlöscher im Brandfall steht uns das Instrument kon­trollierter Atmung vierund­zwan­zig Stunden am Tag und jeder­zeit abrufbar zur Verfügung, beson­ders, um mit Krisen­situ­ationen, Schocks und übermäßigem Streß besonnen umzugehen.

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie…“ läßt Goethe seinen Mephisto sprechen – einfach mal testen, zurücklehnen, wenn wir gerade kurz davor sind zu explo­dieren, höchstens (!) achtzehnmal in der Minute ein- und ausatmen [2]) und der verflixte, nervensägende Kunde mit seiner unverschämt vorgetra­genen Reklamation verschwindet im Univer­sum und taucht erst nach 25920 Jahren wieder auf (bis dahin sind wir in Rente und jemand anders kümmert sich um die Sache).

Erinnern wir uns an das, was Eric-Emanuel Schmitt Omar Sharif, seinen «Monsieur Ibrahim“ im Film «Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran» sagen läßt: „Die Langsamkeit, sie ist das Geheimnis des Glücks!“ [3]) (Zitat Ende)

Künstliche Hektik

Als begeisterter Hörer des DEUTSCH­LANDFUNK fällt mir im­mer wieder auf, wie selbst die hochprofessionellen Damen und Herren ModeratorInnen und Spre­cherInnen sich «verhaspeln», ver­sprechen, bei Worten, die täglich –zig Mal verwendet werden, wie sie da ins Stottern kommen;

Es fällt mir auf, als Beifahrer, wie im Sinne des Wortes «atemlos» der Fuß von ansonsten wirklich groß­artigen, besonnenen Frauen und Männern gnadenlos auf dem Gaspedal sitzt, mit sechzig in der 30-er-Zone, wenn es denn sein muß, weil… ja… weil??

Nun ist ja bekannt, daß hek­tisches Auftreten, ständig unter Zeitdruck stehen und immer und überall gefragt sein, sozusagen als Synonym galt für: „He, die / der hat es geschafft!“

Denn das, was so lange Zeit als erstrebenswert galt, weil sich hinter dem Begriff schlichtweg nur Geld zu verstecken schien («Manager/in!!!») muß ja, nach allgemeinem Verständnis, mit Menschen zu tun haben, die dem entrinnen konnten, was doch, Hand auf´s Herz, als schlimmste Vorstellung die meisten von uns plagt: „Kein Schwein ruft mich an / keine Sau interessiert sich für mich..!!“

Warum glauben wir denn, bitteschön, es nötig zu haben, permanentes Gefragtsein vorzu­täu­schen, um bewundert zu werden?

Warum, überhaupt, wollen wir denn «bewundert» werden?

Was ist denn los in unserer Gesellschaft, daß wir es zulassen, daß unsere Mitmenschen sich uns gegenüber beweisen müssen – oder zumindest glauben, das zu müssen?

Was ist denn los in unserer Gesellschaft, daß aufgeregte, vernetzte, ständig Nachfragende und anscheinend Nachgefragte nachsichtig behandelt werden („Ja, ja, nimm nur ab, ich warte!“)?

Atemlos

Lassen Sie uns nicht in das angeb­lich atemberaubende Aben­teuer des modernen Alltags zerren von ach so cleveren Institutionen, von hektisch, in Millisekunden über den Bildschirm zuckenden Werbe­spots, von Unternehmen, die unseren IQ offensichtlich als unter dem einer Milchkuh stehenden zu halten scheinen und uns bombar­dieren im Zehntelsekundentakt;

nicht von spätpubertierenden Mar­ke­ting­mana­gern, die uns im schwar­zen BOSS-Anzug mit schwar­zen Schu­hen, schwarzen Socken und blöde grinsendem Standard­lächeln und Standardfloskeln vor­gaukeln, irgend etwas von dem, was sie von sich geben, würde wirklich von ihnen persönlich stammen.

Leute: Laßt uns die Luft rausnehmen, den Dampf, den Druck, die künstliche Beschleu­nigung unseres Alltags, die letztlich doch nur eines bewirken soll: Uns zu betäuben, damit wir leichter manipulierbar sind!

Nein, ab jetzt lasse ich mich nicht mehr ins Atemlose katapultieren.

Und was uns von «et Mutti» Angies so geliebter schwäbischer Hausfrau ebenso bestätigt wird wie vom Oldenburger Bauern oder vom sächsischen Handwerker: „Leute, in der Ruhe liegt die Kraft!“

Aber das wissen wir doch alle seit langem, oder?

Warum lassen wir uns aber dann immer wieder hineinzerren in eine künstliche Hektik, die der / dem Deutschen zwischen Passau, Rostock und Sylt doch so gar nicht entspricht?


[1]) Hugh Lorenz, Wirtschaft. Arbeit. Menschen. Was Menschen in der Arbeitswelt bewegt und worauf es jetzt ankommt.

[2]) in kontrollierter Atemtechnik geübte Damen und Herren berichten von maximal sechs Atemzügen in der Minute, was bedeutet, daß ein Ein- und Ausatemvorgang sich über ca. 10 Sekunden erstreckt

[3]) Eric-Emanuel Schmitt, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran. Amann Verlag (Zürich 2003). S. 83

Titanic- was wir über Eisberge und Menschen lernen können

Richtig gelesen: „über“ und nicht „von“!

Denn von Eisbergen wäre nicht viel zu lernen, als daß sie sind, wie sie sind, daß sie, ihrer Strömung vorgegeben, einen Luxusliner ebenso aufschlitzen würden wie ein Ruderboot und daß sie sachte vor sich hinschmelzen, bis es sie einfach nicht mehr gibt;

was gleichermaßen für Menschen gilt: Auch sie folgen träge und meist ziemlich unreflektiert der Strömung, machen auf diesem Weg nieder, was sich ihnen in den Weg stellt und schmelzen dahin, bis daß der Tod sie vom Leben scheidet.

Aber über beide Spezies für unser aller Alltag etwas zu lernen, bringt hochinteressante Erkenntnisse mit sich.

Denn wenn wir die Ereignisse des 14. April 1912 betrachten und das, was seither darüber geschrieben wurde, könnten wir uns im Sessel zurücklehnen und sagen: „Na ja, so ist der Mensch nun mal! Hybris, Arroganz, Neid, Mißgunst, Ängste, Verklemmtheit, Gier, Sehnsüchte, Feigheit, Mut, Liebe, Haß, Erbärmlichkeit, Selbstüberschätzung…“

Eisbergmetapher

Aber es gäbe da auch noch eine andere Sichtweise.

Wir könnten dieses die Welt ja wohl seit 1912 zweifellos berührende Drama als einen Fingerzeig sehen: „Eisberge lauern überall – also achte auf deine persönliche Titanic!“

Es war der Mensch, der 1912 (aber nicht nur dann) die Natur herausforderte, nicht umgekehrt;

es war der Mensch, dem die Natur – was für ein deutliches Signal! – durch einen in gerade­zu zeitlupenhafter Langsamkeit dahintreibenden Eisberg signalisierte: „DU eilst, haßtest, gierst? Nun, ich habe Zeit – etwas, was du, moderner Mensch, nicht mehr zu kennen scheinst, außer als Signal auf deiner goldenen Luxusarmband­uhr… die ich jetzt so ganz nebenbei mal eben in die Tiefen des Meeres versenke, um dir zu zeigen, was sie wirklich wert ist!“

Ziele

Die armen, in den unteren Decks versteckten Auswanderer, die den größten Anteil der Passagiere der Titanic ausmachten, hatten ein ganz menschliches, ein einfaches Ziel: Ein besseres Leben.

Die Gäste in der Oberklasse hatten dagegen ein Zielkaleidoskop zwischen Selbstdarstellung, Eitelkeit und Langeweile.

Was aber, bitteschön, ist das Ziel unserer, meiner, Ihrer persönlichen Titanic 2019?

Liebe? Lebensqualität? Gelassenheit, die Suche nach dem Sinn des Lebens?

Luxusgewohnte Menschen in der sogenannten westlichen Hemisphäre benehmen sich wie die Passagiere im Oberdeck der Titanic: Alle Bequemlichkeit, aller Alltagskomfort, alle Sicherheiten sind selbstverständlich, ja: Sie stehen mir doch zu!!!

Und das Ziel lautet… na ja, in New York ankommen, was sonst?

Als mich vor einiger Zeit ein wacher, blitzgescheiter junger Mann spontan nach meinen Zielen fragte, mußte ich nicht lange überlegen: „Ich möchte einmal als gütiger, demütiger alter Mann sterben, der weiß, daß er der Welt und dem großen Lebensstrom mehr gegeben hat, als er geschenkt bekam!“

Alle blitzgescheiten, jungen Menschen verstehen das besser, als einen Werbeslogan für das neue Audi-Modell – und, oh Wunder: Es gibt immer mehr blitzgescheite junge Menschen, sie fallen nur in der Masse der „ehmmm…“ stammelnden JuniorInnen nicht so auf…

Willkommen an Bord!

Nur so zur Erinnerung: Auch 2019 befinden wir uns auf einem durch menschliche (oder genauer: durch männliche, nahezu ausschließlich von Männern gesteuerte und kontrollierte) Hybris überdimen­sionierten Luxusliner, auf dem die Mehrheit unter dem Meeresspiegel vegetiert und nur mal zumindest auf ein besseres Leben hofft- sauberes Wasser, eine Brotsorte (die aber zuverlässig geliefert!) und auf ein bißchen Würde, das wäre für diese MITmenschen so wie der tägliche Kaviar für uns auf dem Oberdeck….

Sie warten auf ein Minimum, während wir (Europäer, Nordamerikaner, Japaner usw.) uns als Maximum oben die Bäuche mit sechsunddreißig verschiedenen Brotsorten, Trüffelpastete und edlem Proseco voll­stopfen.

Fokussiert auf Wirtschaftswachstum und die Perfektionierung der Kunst des Konsumierens, ignorieren wir die Funksprüche über ruhig vor sich hintreibende Eisberge.

1912 ebenso wie 2012/19 – die Geschichte wiederholt sich doch!