Offener Brief an die Chefredaktion des SPIEGEL (Hamburg)

Als Leser des SPIEGEL seit meinem 16. Lebensjahr, also als jemand, der dadurch seit Jahrzehnten die Honorare für meine publizierenden Kolleginnen und Kollegen mitfinanziert, die dort zu Wort kommen,  freue ich mich stets auf die nächste Ausgabe.

Eine besondere, diesmal klammheimliche, Freude empfand ich beim Lesen der Titelgeschichte von Nr. 34/18. Denn der Schuß, den die Dame da abfeuerte, wird wohl kurz- bis mittelfristig sowohl für die Redaktion, als auch für die von ihr vertretene Lobby nach hinten losgehen – ein Brandbeschleuniger, der wohl als solcher durchaus geplant war?

Deshalb kann ich mich eines Kommentars nicht enthalten und gehe davon aus, daß im Kontext eines soliden Nachrichtenmagazins, das der Seriosität und der (soweit überhaupt möglichen) Objektivität in der Berichterstattung verpflichtet ist und einen entsprechend positiven Ruf genießt, auch diese meine Sicht der Dinge zumindest registriert wird – danke.

Fremdschämen

Zunächst schäme ich mich für die aus journalistisch-professioneller Sicht  stümperhafte Art, das Thema «Alternativ / Komplementärmedizin» anzugehen. Denn dem notwendigen Imperativ «audiatur et altera pars» wird darin nicht einmal ansatzweise Rechnung getragen, was jedoch eine Grundvoraussetzung jedweder glaubwürdigen Berichterstattung ist. Durch die von Frau Veronika Hackenbroch in diesem Artikel praktizierte «Schreibe» verkommt Journalismus wirklich zur «Journaille».

Die vom «Deutschen Presserat» 2014 für ihre damals vergleichbar traurige Art der Berichterstattung bereits gerügte Autorin bleibt sich also treu.

Seltsam ist auch die wohl dem Sommerloch geschuldete Kürze der Titelgeschichte. Läge Würze in der Kürze, wäre das erklärbar, so aber nicht.

Investigativer Journalismus ist ein zugegeben hartes Brot. Aber wie in jedem anderen Bereich der Publizistik steht die Frage nach der Redlichkeit der Motivation zu einer Recherche im Raum – wer so eindeutig wie die Autorin GEGEN das eine schreibt, aber den «altera pars» ausklammert, muß sich schon gefallen lassen, daß Leserinnen und Leser sich fragen, warum und in wessen Interesse und für welche Lobby da so aufgeheult wird.

Hackenbroch disqualifiziert sich damit eindeutig als ernst zu nehmende investigative Journalistin, wenn auf etwas draufgeschlagen wird, das im Artikel nicht solide analysiert wird, das ist meine Einschätzung.

158 Zeilen ( = ca. 40%!) ihres 394 Zeilen langen Kernbeitrags „Die macht der Heiler“  verwendet die Kollegin z.B. alleine darauf, auf die Homöopathie einzuschlagen – Pharmaindustrie, ich hör´ dir trapsen?!

Von Quantenphysik, Quantenbiologie, von Herren wie Planck, Einstein, Charon, Jordan usw. usw. und deren aus ihren Arbeiten gezogenen Konsequenzen für die moderne Medizin resp. der veränderten Sicht des menschlichen Körpers hat diese Dame wohl noch nie gehört, geschweige denn etwas gelesen.

Daß das, über was sie sich so süffisant mokiert, nämlich die «morphischen Felder», seit Jahrzehnten Gegenstand solider wissenschaftlicher Forschung und inzwischen (wenngleich unter den unterschiedlichsten Namen) als absolut existent anerkannt ist, übersteigt sowohl den Recherchezeitraum als wohl auch das Wissens- und Bildungsspektrum, das Frau Hackenbroch zur Verfügung stand, um den Artikel rasch rauszuhauen – «fake news», verdächtig nah am Lobbyismus, liebe Kollegin!

Mein Bezug zum Thema

Als Produzent des Hörbuchs «Der Leib als Instrument der Seele in Gesundheit und Krankheit» und als Autor des auf zwei Bände angelegten Buchs «Die medizinische Hintertreppe» habe ich in der von Frau Hackenbroch in einem mal-so-eben-rasch hingeschriebenen Rundumschlag beschriebenen Branche jahrzehntelang recherchiert. Eine Branche, zu der die Kollegin offensichtlich sehr kurzfristig und hauptsächlich über das Studium der Programme der Volkshochschulen, eines in den Ruhestand gezwungenen Professors (Edzard Ernst) und Beispielen dreier Damen Zugang fand, Damen, deren Aussagen übrigens (zufällig?) in das Beuteschema passen, das sich die Kollegin zurechtgelegt hat – „Alternativmedizin, nun bist du fällig!“.

Bei Prof. em. Ernst lag sie schon richtig mit ihrer Recherche, wenn sie jemanden suchte, der sich durch solide, jahrzehntelange Arbeit einen guten Namen machte und sich sogar mit Prinz Charles anlegte. Auch Frau Witt, die Inhaberin eines Lehrstuhls für Alternative Medizin, zu Wort kommen zu lassen. Aber eben: Nix «altera»!

Zur Sache

Interessant ist der mehrmalige Hinweis im Artikel, alternative Methoden in der Medizin würden „vom Steuerzahler“ finanziert. Das führt, was ja wohl gewollt ist, dazu, Herrn Pawlows Hunde geifern zu lassen, die das Vorzeigen des Knochens „..von meinem Steuergeld!“ zuverlässig aufheulen läßt.

Daß mit diesem auf Bildzeitungsniveau geschriebenen «sieben-auf-einen- Streich-Artikel» mal so nebenbei auch all jene diskreditiert werden, die sich z.B. bei den Krankenkassen seit Jahren redlich und wohl kaum als Lobbyisten der Pharmaindustrie verdächtige, in ihrem Intelligenzniveau der Autorin wohl nicht nachstehende Damen und Herren  bemühen, einer sanften Medizin statt einer Antibiotika, Chemotherapie und skalpellorientierten Medizin eine Chance zu geben, spielt für Madame «ich-sag-euch-was-wirklich-Sache-ist» keine Rolle – ich schreibe für den SPIEGEL, also bin ich!?

Wie sagte doch der gute alte Menschenschlächter Richelieu? „Gebt mir drei Sätze vom gerechtesten aller Menschen, und ich finde zehn Gründe darin, um ihn aufzuhängen“ – was er damals auch ausgiebig veranlaßte, so wie Frau Hackenbroch das offensichtlich mit allen in einen Topf Geworfenen vorhat, die nicht der Kaste der orthodoxen Medizin angehören. Daß selbige weißbekittlte Kaste Jahr für Jahr Hunderttausende von Menschen mit ihren nicht selten fragwürdigen Methoden „um die Ecke bringt“, darf nicht erwähnt werden.

Die Anhänger der Homöopathie verhielten sich wie Anhänger einer Sekte (…) werde die Heilslehre angegriffen (…) gehe es nie um die Sache, sondern nur darum, sich gemeinsam gegen die Kritik zu immunisieren“, zitiert die Autorin genüßlich Nathalie Grams.

Frau Grams ist eine durchaus ehrenwerte Persönlichkeit, die durch die Publikation immerhin zweier Bücher, eines davon mit dem Titel «Homöopathie neu gedacht» (das ich für meine Arbeit an meinem aktuellen Buch auch beizog, aber aus guten Gründen nicht zitierte) von Frau Hackenbroch im Artikel als „erfolgreiche Buchautorin“ bezeichnet wird. Grams zwei Bücher erschienen im SPRINGER Verlag – honi soit qui mal y pense (ein Schelm, der dabei Böses denkt)…

Daß die von Frau Hackenbroch offensichtlich als die einzig wahren weißen Ritter verteidigten Kräfte, die sich hinter dem nichtssagenden Terminus „wissenschaftlich anerkannt“ verschanzen, sich gegen «Heiler, Gurus und Scharlatane» (Untertitel der aktuellen Spiegel-Story), vor allem aber gegen die Homöopathie, wehren müssen, ist das eigentliche Anliegen der Autorin: «Professionell» ist dagegen eine klassische Schmerzklinik, die von Dame drei aufgesucht wurde. Alles andere … igitt…!

„Gewiß, alles Gute den Menschen; nur nicht auf Kosten unseres mühsam erarbeiteten Ruhmes und der Methoden, von denen wir unsere Existenz polstern! (.) Der letzte Widerstand gegen eine Neuerung in der Medizin ist immer, daß Hunderttausende von Menschen davon leben, daß etwas unheilbar ist. Alle Institutionen, alle Berufe, ganze Gewerbe, Hotels, Sanatorien sind nun einmal darauf zugeschnitten auf diese freilich bedauerliche Tatsache (.), denn das Gesetz des ökonomischen Egoismus ist stärker als jede Humanitätsidee!“ schrieb der berühmte Mediziner Friedmann an Carl Ludwig Schleich, nachdem dieser von der ehrenwerten Berliner Medizinergesellschaft des Saales verwiesen wurde, als er seine heute international anerkannte und genutzte Infiltrationsanästhesie vorstellte.

Wer sich Journalistin nennt, sollte sich entweder schämen, einen so einseitig recherchierten, reißerischen Artikel geschrieben zu haben, oder aber einfach die Berufsbezeichnung von Journalistin in Lobbyistin ändern – am besten wohl beides.

Frau Hackenbroch ist die Lektüre des Buchs „Wie Sie Ihren Arzt davon abhalten, Sie umzubringen“ aus der Feder des Kardiologen und seit Jahrzehnten international anerkannten medizinkritschen Autors Vernon Coleman zu empfehlen (er publizierte nicht über den SPRINGER-Verlag).

Wenn die ehrenwerte Kollegin Hackenbroch genüßlich „die Leiden der jungen Grams“ auflistet, die solche des jungen Werther eindeutig in den Schatten stellen, liste ich in meinen beiden Büchern genüßlich die Leiden der jungen Ärztinnen und Ärzte  auf, die von der Pharmalobby und ihrer eigenen Ärztemafia erpreßt, gedemütigt und bedrängt werden, sollten sie es auch nur ansatzweise wagen, anderes zu praktizieren, als das, was die GOÄ so vorschreibt. Die Causa Harms erscheint in Frau Hackenbrochs Artikel eher als (un)heimliche Buchpromotion..

Ach, so nebenbei: Auf Seite 58 ff in der gleichen Ausgabe des SPIEGEL ist unter dem Titel „Täuschen betrügen, lügen“ ein Interview mit Thilo Bode zu lesen, der offen darüber spricht, wie Konzerne (unter anderem eben auch die Chemie- und Pharmakonzerne) unser Leben steuern – in der Redaktionskonferenz hätte das vielleicht vorher abgestimmt werden sollen?

Nur: Dazu hätte Frau Hackenbroch sich mal mit der vorerwähnten «altera pars» beschäftigen müssen. Was aber solider Lese-, Recherche- und (Nach)Denkarbeit bedurft hätte. Aber man bringt es offensichtlich auch auf die Titelseite eines renommierten Blatts, ohne seriös zu arbeiten – quod erat demonstrandum…!

Hackenbrochs Teufel im Detail

Wer nicht nur polemisiert so wie Frau Hackenbroch und wer nicht nur auf bei Primitiven ach so trumpmäßig-beliebtes populistisches Dreinschlagen aus ist, wird, so wie ich, bei meinen immer noch andauernden Recherchen, sehr schnell konstatieren müssen, daß sich mehr und mehr Damen und Herren der vorherrschenden Medizinerklasse bewußt sind, daß wir uns sowohl mit unserem Gesundheitssystem, als auch mit den angewandten Therapien in einer Sackgasse befinden.

Zudem wage ich zu behaupten, daß meine in Jahrzehnten gewachsene Kompetenz zur Thematik mit der der verehrten Kollegin durchaus mithalten kann. Deshalb, verehrte Frau Kollegin, erlaube ich mir, fortzufahren:

Wenn Herr Prof. Dr. Dr. Giovanni Maio, als Mitglied diverser Ethikkommissionen, Inhaber des Lehrstuhls für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg i.B.  und u.a. Berater der deutschen Bischofskonferenz, sich offen darüber äußert, wie korrumpiert das momentane System unseres bundesdeutschen Medizinwesens gerade durch die Kräfte sind, die um ihre Pfründe fürchten, weil sie Gestriges ins Morgen fortschreiben und wenn dabei die Pharmaindustrie als Verleumderin neuer Therapien an vorderster Front genannt wird, hätte das Kollegin Hackenbroch – würde sie professionell und unvoreingenommen arbeiten – auch dies erwähnen müssen – https://www.youtube.com/watch?v=ZqsmQ_bBMU4

Was für eine Gelegenheit wäre das gewesen, für ein so renommiertes Presseorgan wie den SPIEGEL einen solide recherchierten Artikel zu schreiben, der offenbart, wie sehr Tausende seriöser Ärztinnen und Ärzte, Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker darum ringen, Antworten zu finden, warum wir mit der Apparatemedizin am Ende sind und welche Chancen uns das bietet, was immer noch abschätzend als Alternative bezeichnet wird, aber vielleicht die Medizin von morgen entscheidend prägt!

Statt dessen wurde die Chance verpaßt aufzuzeigen, wie sehr unsere täglich an der Front der Medizin arbeitenden Menschen es satt sind, Kranke als «Fälle», als Nummern betrachten zu müssen, die Zeit für ein Gespräch nicht honoriert zu bekommen etc.

Wenn die Autorin des (wirklich absolut verunglückten) Artikels sich so weit aus dem Fenster lehnt zu behaupten: „Wenn überhaupt, haben die homöopathischen Zauberkügelchen einen Placeboeffekt. Abgesehen davon sind sie vollkommen unwirksam – alles ein großer Bluff“, muß sie sich entweder ihrer Sache sehr sicher sein oder aber sehr gut versichert oder aber die Rückendeckung der Chefredaktion des SPIEGEL genießen, um die hoffentlich eingereichten Klagen der betroffenen Produzenten der in aller Regel mit Empathie und Know how hergestellten Medikamenten so zu verunglimpfen.

Wenn die Kollegin in ihrem Artikel schreibt, der Ehemann ihrer Vorzeigefrau Aust, ein Ingenieur, hätte vorgerechnet, daß in der seiner Frau verabreichten Substanz „…ja gar nichts drin“ sei, erinnert das an den renommierten Virchow, der meinte, er hätte schon soviel Leichen seziert, aber auf eine Seele sei er noch nie gestoßen.

Aber genau das ist ja die Pointe bei der Homöopathie: Das Seelische zu erreichen. Und das findet sich eben in einem Bereich, der jenseits der «Loschmidt-Konstante» (6,06•1023),, liegt, die angibt wieviele Moleküle in einem Stoff enthalten sind (1 Mol ist das Molekulargewicht des jeweiligen Stoffes). Verdünnt man den Ausgangsstoff einer homöopathischen Substanz über die Potenz 23 hinaus, dann ist nicht mehr in jedem Mol der betreffenden verdünnten Lösung ein Molekül der Ausgangssubstanz enthalten. In höheren Potenzen verschwindet sie als materieller Stoff praktisch aus dem Medikament – das ist das ganze Geheimnis, denn sie verschwindet als materieller Stoff, aber wirkt als seelischer Wirkstoff auf das Seelische, was einem Ingenieur aber wohl schwer zu erklären ist.

Kollegin Hackenbroch wäre gut beraten zu erkennen, daß in der Geschichte der Medizin (mit der sie sich offensichtlich nie beschäftigt hat) stets gelogen und betrogen wurde, so wie in jedem anderen Lebensbereich auch.

Im Glashaus sitzende Pharmakonzerne ebenso wie ärztliche Vereinigungen aller Art sollten aber heutzutage aufpassen: So wie der Dieselskandal aufflog, wird auch das moderne System der kommerziellen Ausbeutung gutgläubiger Patienten durch Krankenhaus- und Pharmakonzerne durch Whistleblower, die auspacken darüber, was sich wirklich hinter den Kulissen des Gesundheitssystems abspielt, bald in sich zusammenstürzen.

Erbärmlich, Frau Kollegin, ist es, Steine  auf schwarze Schafe in der Branche der neu entstehenden Medizin zu werfen, während die von Ihnen offensichtlich verteidigte Klientel im Glashaus der ihre Pfründe verteidigenden Lobby sitzt.

„Die Medizin hat im 20. Jahrhundert den Geist aus sich vertrieben! (…) Es wird höchste Zeit, daß sie ihn wieder hereinbittet“, sagte Thure von Uexküll in einem Vortrag 1996 vor der Hamburger Ärztekammer. Das hätte, wenn Kollegin Hackenbroch Lesen, Studieren, Recherchieren, objektiv Schlußfolgern angewendet hätte, der Tenor des Beitrags sein können.

Ganz und gar als sowohl halbgebildet als auch unseriös outet sich die Kollegin mit dem krampfhaften Versuch, das ins Lächerliche zu ziehen, was vor allem in Asien seit Jahrhunderten gang und gäbe ist: Die Kenntnis von den Energieflüssen im menschlichen Körper und der Einsatz der Akupunktur (mit der chinesische Ärzte sogar so gekonnt betäuben, daß Narkosemittel selbst bei Operationen am geöffneten Brustkorb reibungslos erfolgen können … aber dazu müßte man halt mal Quellen studieren, Frau Hackenbroch).

Was für eine herrliche Empörung: „Die Ergebnisse (Anm.: Der Untersuchungen des Kursangebotes von rund 350 Volkshochschulen aufgrund einer von Prof. em. Ernst vorgelegten Liste) könnten jeden erschrecken, der sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlt“ – zu diesen Werten, verehrte Frau Kollegin, zählt aber auch die Erkenntnis, daß eine solide Wissenschaft und Erkenntnissuche dort ansetzt, wo eine alte Theorie nicht mit neuen Erkenntnissen übereinstimmt und wo die normative Kraft des Faktischen (neuer oder wiederentdeckter Methoden) das, was nicht sein darf nach offizieller Schulmedizin, rechts überholt.

Daß unsere zentraleuropäische Medizin bis hinein ins frühe 20. Jahrhundert alles andere als eine erfolgsgepflasterte Straße war, sondern eher ein für Patienten lebensgefährlicher, qualvoller Roßkurenweg, während Asien bereits seit mehr als einem Jahrtausend den Menschen als ein beseeltes, energiedurchflutetes Wesen im Zentrum der Medizin sah, drang zur Autorin offensichtlich nicht durch. Sollte Frau Hackenbroch ihr eigenes Magazin lesen, erinnere ich an die Buchbesprechung in der vorletzten Ausgabe über die hygienischen Zustände in europäischen Kliniken („Als die Medizin noch Horror war“) -eurozentrische Überlegenheit? Pustekuchen…

Und wenn Rußland erwähnt wird: Es ist im Tenor eher umgekehrt der Fall. Es waren die Sowjets, die unvoreingenommen die Kirlian-Fotografie (Aurafotografie) bereits in den 1970ern zu medizinischen Zwecken nutzten und keinerlei Berührungsängste mit dem haben, was für die Kollegin Hackenbroch «Hokuspokus» ist – ich empfehle ihr das Buch «PSI in der Sowjetunion» von Gris/Dick, seit ca. 40 Jahren in meiner Bibliothek und eine hochspannende Lektüre für alle, die wirklich wissen wollen, statt Lobbyarbeit für die Nicht-wissen-wollenden zu betreiben.

Aber eben – all das zu recherchieren, wäre mit Arbeit, mit Analysefähigkeit und vor allem einer gehörigen Portion Sachverstand z.B. in Sachen moderner Quantenphysik etc. verbunden gewesen.

Eine verpaßte Gelegenheit, Blaise Pascals Vorschlag zu folgen: „Es geht nicht darum, den anderen des Irrtums zu überführen, sondern sich mit ihm zusammen in einer höheren Wahrheit zu finden.“. Da die «höhere Wahrheit» jedoch nicht so profitabel ist wie die Verordnung eines neuen Medikaments, bleiben wir, zusammen mit Frau Hackenbroch, eben lieber in einer niederen Wahrheit?

 „Die Art, wie der Geist mit dem Leib zusammenhängt, können die Menschen nicht begreifen, und doch ist es dies, was den Menschen ausmacht“ schrieb Augustinus (Civ. Die XXI, 10).

Eine Spur mehr Geist, Frau Hackenbroch, beim nächsten Artikel, wie wäre das? Oder einfach das Schwerpunktthema wechseln und über etwas berichten, von dem Sie etwas verstehen?

Bertrand Russel meinte: „Das Schlimme ist: Die Dummen sind sich ihrer Sache immer so sicher und die Gescheiten voller Zweifel!“. Anzweifeln, ehrlich hinterfragen, eintauchen in eine Materie, das bedeutet guter Journalismus.

Aber bei der Kollegin paßt wohl eher Kurt Tucholsky: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, daß man sich dumm stellen kann – umgekehrt ist der Fall schon schwieriger.“

Ihre Replik werde ich ebenso offen publizieren wie diesen offenen Brief, Frau Kollegin, verehrte Spiegel-Redaktion – nun schlagt mal auf mich ein oder, viel klüger, ignoriert mich…

Hugh Lorenz, 20.8.2018

Wissen verpflichtet! Unsere Verantwortung für ein zeitgemäßes Welt- und Menschenbild

Kontext

Die späte Bestätigung von Einsteins mathematischer Berechnung von Gravita­tionswellen sorgt nicht nur bei den klassischen Naturwissenschaften für Unruhe. Denn auch nicht wenige Kenner der Geisteswissenschaften erahnen zumindest den Umbruch, der sich in unserem Bild vom Kosmos und dessen Wirkung auf den Menschen durch die Konsequenzen der aktuellen Erkenntnisse abzeichnet
( = Entdeckung der kosmischen Gravitations­wellen 2015 durch die LIGO-Kooperation).

Mindestens so schwerwiegend wie die Erkenntnisse aus der Physik / Quantenphysik / Astrophysik wiegen jedoch die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte aus den Disziplinen Soziologie, Sozialpsychologie, Hirnforschung, aber auch aus der Biologie und der ganzheitlichen Medizin sowie – last but not least! – aus den Religionswissenschaften.

In der interdisziplinären Gesamtschau zeigt sich auf, daß wir vor der dringenden Herausforderung stehen, uns Modellen und Entwürfen eines veränderten Welt- und Menschenbilds zu stellen, das sich, bei tabuloser und mutiger Betrachtung, aus den Schlußfolgerungen der erwähnten Erkenntnisse abzeichnen kann.

Denn wir sehen die Welt immer noch meist anthropozentrisch, also auf den Menschen im Mittelpunkt bezogen.

Sollte es uns jedoch in aller Demut gelingen, die Schöpfung im Mittelpunkt zu sehen, ihre Entwicklung, in der möglicherweise der Mensch nur eine kleine Rolle spielt, aber nicht mehr, mögen wir einen neuen zentralen Ansatzpunkt finden, um die Grundlagen unserer Sicht des Universums und der Rolle des Menschen darin zu überdenken, zu korrigieren, zu relativieren:

„Wir dienen tatsächlich nur einem Prozeß, der unendlich größer ist als wir selbst und in den wir eingebunden sind“, schreibt Dennis Elwell in «Das kosmische Netzwerk» („Cosmic Loom – the new science of astology, Unwin Hyman Limited / Edition Astradata 1987)

Neues Bild der Materie

Selbst wissenschaftlich Interessierte zeigen sich immer wieder überrascht, wenn die Tatsache erwähnt wird, daß unser Begriff von Materie seit den Arbeiten von Planck, de Broglie, Niels Bohr, Schrödinger, Einstein und anderen nicht nur überholt ist, sondern sogar noch einer allgemein akzeptierten Neudefinition harrt.

Für Physiker ist es heute nämlich eine Selbstverständlichkeit, Materie nur noch als einen Sonderfall eines allgemeinen Energiefeldes  anzusehen.

Da unter dem Elektronenmikroskop, je tiefer es optisch in Materie eindringt, letztlich nur noch Zwischenraum, also «Feld» zu erkennen ist, ist es mehr denn je eines der größten Geheimnisse, wie sich trotz dieser inzwischen absolut unbestreitbaren Tatsachen feste, belastbare Materie wie z.B. der Stuhl, auf dem ich eben sitze oder das Haus, in dessen 4. Stock ich wohne, stabil halten.

Walter Thirring, der am CERN in Genf arbeitete, beschreibt dieses Phänomen in einem Artikel in «Bild der Wissenschaft» 4/1971 im Rahmen der sog. Quanten­feldtheorie («Atome, Kerne, Elementar­teilchen») folgendermaßen:

„Was uns als Teilchen erscheint, ist nur die lokale Erregung des Feldes. Das Feld existiert immer und überall, es läßt sich durch nichts entfernen; es ist Träger allen materiellen Geschehens. Es ist das «Nichts», aus dem das Proton die Pi-Mesonen schöpft (…) Anwesenheit von Materie ist nur die Störung des vollkommenen Zustandes des Feldes an dieser Stelle, etwas Zufälliges… (…).“

Oliver R. Reiser bringt es in «Kosmischer Humanismus und Welteinheit» aus dem Fischer Verlag (1978, S. 66) so auf den Punkt:

„Es ist jetzt allgemein anerkannt, daß der interplanetarische Raum unseres Sonnen­systems nicht leer ist. Obgleich er nicht mit den gewöhnlichen Zustandsformen  der Materie, wie festen oder flüssigen, ausgefüllt ist, wird er doch von einem anderen Materiezustand durchdrungen, dem Plasma oder elektrifizierten Gas. (…) Es gibt «Flüsse» und «Ozeane», gebildet aus elektrischen Feldern, die die materielle Welt der Galaxien, Sterne, Planeten und was sich dazwischen befindet, umspülen.“

Auch die Rolle dessen, was wir Licht nennen, sollte im Rahmen der neu verstandenen Physik und der Metaphysik nicht übersehen werden, nicht nur, aber auch wegen seiner Bedeutung als Faktor in Einsteins Formeln.

Mit Newton zum Beispiel verbinden all jene, die „nur an das glauben, was sie sehen“ per se den klassischen Physiker «alter Schule».

Aber Newton war auch ein hellsichtiger, inspirierter und weit über das rein Materielle hinaus blickender Wissenschaftler: „Wäre es nicht denkbar, daß die Stoffe und das Licht sich ineinander umwandeln? Und wäre es nicht auch möglich, daß die Stoffe den größten Teil ihrer aktiven Kräfte aus den in ihre Zusammensetzung eingegangenen Licht­partikeln beziehen? Wenn dem so wäre, könnte dann nicht das Licht, da es ja der aktivste aller uns bekannten Stoffe und zudem ein Bestandteil aller übrigen von der Natur hervorgebrachten Stoffe ist, das Grundprinzip sein, das alle ihre Aktivitäten steuert?“

Newton unterscheidet dann noch das phänomenale Licht vom numenalen, potentiellen Licht, das vor allem in lebenden Organismen vorkomme und Träger dessen sei, was man «Geist» nennt (Quelle: „Opticks or a treatise of the reflections, refractions, inflections and colours of light „Optik oder eine Abhandlung über die Reflexion, Brechung, Krümmung und die Farben des Lichtes“ 1704).

Der 1998 verstorbene, renommierte Nuklearphysiker Jean Charon glaubte sogar erkannt zu haben, „(…) daß die Gesamtmenge der Informationen, die zur Schaffung (…) der Materie unerläßlich notwendig ist, in jenem scheinbar banalen Teilchen aufbewahrt wird, das wir unter dem Namen Elektron kennen. Denn das
Elektron umschließt innerhalb seines Mikrouniversums einen Raum, der erstens Informationen zu speichern vermag, zweitens mit Hilfe einer Art «Erinnerung­ssystem» diese Information in jeder Pulsationsperiode seines Zyklus wieder verfügbar machen kann, und drittens die Fähigkeit besitzt, komplexe Operationen durch Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen Elektronen des zu bildenden Systems zu «steuern».“

Einer «Fußnote» im SPIEGEL (Wissenschaft) vom Januar 2016 ist zu entnehmen: „9 Liter einer spezifischen Lösung würden genügen, alle digitalen Informationen der Welt einschließlich des gesamten Internets zu erfassen, wenn man künstlich erzeugte Erbgutmoleküle als Speichermedien nutzte. Das Volumen eines Sandkorns böte dann Platz für den Inhalt von 200 Millionen DVDs. US-Forschern ist es jetzt gelungen, in einem solchen DNA-Speicher einzelne Dateien abzulegen und danach wieder auszulesen.“

Manifestiert sich also das, was wir zu greifen glauben, lediglich aus einem auf wundersame Weise konstanten Schwingungs­muster aus Energie und Information?

  • Muß nicht endlich anerkannt werden, daß das, was wir «Geist» nennen, letztlich den Ausschlag gibt für alles Sichtbare?
  • Erlebt das, was Aristoteles «Entelechie» nannte, als den sichtbaren Dingen von Anfang an innewohnende Entwicklungs­muster, eine Renaissance?
  • Liefert uns die moderne Physik aufschlußreichere Antworten über die Rückbindung («Re-ligio»!) des Menschen im Universum als es die klassischen Religionen je konnten?

Wir stehen vor vielen alten Fragen in neuem Gewand. – jedoch kaum eine Epoche der Menschheitsgeschichte  war so nahe an den Möglichkeiten zu einer Gesamtschau des Universums wie die unsere. Aber, wie sagte Einstein? „Wir leben in einer Welt der vollkommensten Mittel und der verworrensten Ziele!“

 

Biologie

Es wird gerne übersehen, daß «Biologie» übersetzt bedeutet: «Lehre vom Leben». (Insofern jagt es wohl jedem einen Schauer über den Rücken, wenn die moderne Medizin nicht selten auf ANTI-Biotika setzt…)

Aber das Lebendige ist ja gerade das große Rätsel, das durch die klassische Sicht der Naturwissenschaften nicht erklärt werden kann.

Die wirklich großen Wissenschaftler unserer Zeit sind durchweg demütige, nicht selten zutiefst religiöse Menschen (wie es übrigens nahezu ausnahmslos alle diejenigen waren, die die Grundlagen unseres physikalischen Weltbilds im 19. und im frühen 20. Jahr­hundert legten, ganz zu schweigen von ihren Vorgängern!).

Loren Corey Eisely, der sich, vielseitig begabt wie er war, als Biologe u.a. mit Wespen beschäftigte, schrieb als Schlußfolgerung aus einer Beobachtung, wie eine kleine Wespe eine Tarantel besiegt (s. nachfolgend): „In der Welt gibt es nichts, um die Welt zu erklären. Nichts, was die Notwendigkeit des Lebens erklärte, nichts zur Erklärung des Verlangens der Elemente, Leben zu werden, nichts, das erklärt, warum das gefühllose Fels-, Erd- und Mineralreich sich mannigfaltig gestalten sollte in Schönheit, Schrecken und Ungewißheit.. Um organische Novität zur Existenz zu bringen, um Schmerz, Ungerechtigkeit, Freude zu schaffen, bedarf es mehr als das, was wir in der Natur, die wir so vollständig analysieren, wahrnehmen können … Ich bin einfach verwirrt. Ich weiß, daß diese Wesen in den Kellern der Zeit geformt wurden.“ (in: Coming of the Giant Wasps, Audobon, 1975).

Und sein Kollege J.H. Fabre, der sich auch mit Wespen und deren verblüffenden Verhaltensweisen beschäftigte, notierte: „Im Ringen mit der Wirklichkeit findet der Mensch keine ernsthafte Erklärung für alles, ganz gleich, was er sieht.“ (in: The hunting wasps. 1879, Dodd, Mead, New York 1915).

Gelingt es, in einem tabulos und in manchen Bereichen radikal überarbeiteten Weltbild «Leben» als Gesamtheit und vor allem als «Beseeltheit» zu sehen und zudem anzuerkennen, daß möglicherweise, ja, höchstwahrscheinlich absolut adäquate Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen für alle Bereiche der Materie gelten, bieten sich verblüffende Beobachtungen, die nahelegen, daß das Lebendige – das bekanntlich permanent «fließt» – aus dem gespeist wird, was «Feld» genannt werden kann (s. Teil 1 dieses Artikels).

Es ist das Verdienst vor allem des Biologen Lyall Watson und seiner korrespondierenden Kolleginnen und Kollegen, die bisher meist tabuisierte Lücke in Darwins Evolutions­theorie mit einem neuen Denkmodell gefüllt zu haben, daß Watson mit dem Oberbegriff «Kontingent» benennt.

Denn nach diesem Modell könnte sich die Evolution auch so darstellen: Verhaltens­weisen, die eine Entwicklung, eine Verbes­serung gegebener Zustände bedeuten, müssen nicht erst mühsam durch «trial and error» erarbeitet werden, sondern könnten, sobald es sich als notwendig erweist, sozusagen aus einem großen Kontingent abgerufen werden.

Wagen wir diesem Modell zu folgen, würde sich auch vieles in unserem menschlichen Verhalten erklären, Erfindungen, die gleichsam wie eine Erleuchtung erscheinen, zunächst vollkommen fremde Ideen, die sich blitzartig solide manifestieren usw.

Ich will die Diskussion zu diesem faszinierenden Gedanken gerne anstoßen. Was könnte dazu besser dienen, als zwei konkrete Beispiele aus der Natur, basierend auf Beobachtungen von klassischen Wissenschaftlern (Biologen / Zoologen), an die doch alle glauben, die nur glauben was sie sehen:

Beispiel 1:

Wespe und Spinne

Quelle: Lyall Watson, Der unbewußte Mensch – Gezeiten des Lebens, Ursprung des Wissens (Lifetide). MVG Taschenbuch 1990

„Ausgewachsene Wespen sind Vegetarier, aber die Larven von vielen sind Fleischfresser.

Das Überleben der Jungen dieser Art hängt davon ab, daß die Mutter die richtige  Nahrung wählt, die sie selbst jedoch nicht zu sich nimmt. Dies kann durch einen Instinkt kontrolliert werden, aber es gibt in der Beziehung zwischen den räuberischen Wespen und ihrer Beute Feinheiten, die fast unmöglich in ein Evolutions- oder Instinktmodell gepreßt werden können.

So füttert zum Beispiel die Spinnenwespe Pepsis marginata ihr Junges nur mit der Tarantel Cyrtopholis portoricae. (Quelle: Petrunkevich, A. „Tarantula versus tarantula-hawk..“, Journal of Experimental Zoology 45: 367-397, 1926)

Die weibliche Wespe legt nur einige wenige Eier, und für jedes muß sie eine ausgewachsene lebendige, aber paralysierte Tarantel herbeischaffen. Kurz bevor ein Ei in ihrem Ovarium so weit herangereift ist, daß es gelegt werden muß, geht die Wespe auf Jagd;
dicht über dem Boden fliegend sucht sie an einem sonnigen Nachmittag nach einer Spinne, die sich bereits auf Nahrungssuche nach Insekten begeben hat. Die Tarantel sieht schlecht und hört nur wenig oder gar nicht.; sie verläßt sich auf ihren außerordentlichen Tastsinn, um ihre Beute aufzuspüren. Der geringste Kontakt mit einem Körperhaar einer hungrigen Tarantel, und schon wirbelt sie herum und schlägt ihre langen Klauen in eine Grille oder einen Tausendfüßler, der ihr zu nahe kommt.

Doch wenn sich Spinne und Wespe begegnen, und die Wespe mit ihren Fühlern zu erkunden beginnt, ob sie es auch mit der richtigen Art zu tun hat,, hält die Spinne still. Die Wespe kriecht unter sie, krabbelt sogar überall auf ihr herum, ohne eine feindliche Reaktion auszulösen. Wird die Belästigung zu groß oder zu langwierig, richtet sich die Tarantel manchmal auf allen acht Beinen auf, als stünde sie auf Stelzen, erwartet aber im übrigen gelassen ihr weiteres Schicksal. „Alles ist so eingerichtet“, meint Loren Eisely, „daß man vermuten könnte, das Opfer besitze eine angeborene Kenntnis seiner Rolle, kann ihr jedoch nicht entfliehen.“

Inzwischen entfernt sich die Wespe einige Zentimeter, um für das geduldige Opfer ein Grab zu graben. Kräftig mit Beinen und Rüssel wühlend,  buddelt sie ein ungefähr 25 Zentimeter tiefes Loch, etwas breiter als der Leib der Spinne, und streckt dabei immer wieder einmal den Kopf aus der Höhle, um sicherzugehen, daß die Tarantel noch da ist. Gewöhnlich und unerklärlicherweise ist sie das auch.. Wenn das Grab fertig ist, kommt die Wespe zurück, um ihr grausiges Geschäft zu Ende zu führen. Zuerst betastet sie die Spinne wieder überall mit ihren Fühlern, dann schiebt sie sich rücklings unter die Spinne, wobei sie mit den Flügeln nachhilft, um sich in die richtige Lage zu bringen für einen Einstich an der entscheidenden Stelle. Sie kann das hornige Hautskelett der Spinne nur an den weichen Gelenkhäutchen durchdringen, wo die Beine mit dem Leib verbunden sind, und nur, wenn sie mit der Präzision eines Chirurgen  bis in die richtige Tiefe einsticht, im richtigen Winkel, an genau der richtigen Stelle, kann sie sicher sein, das einzige Nervensystem zu treffen, das die Spinne lahmlegt, ohne sie zu töten.

Und während dieses ganzen Manövers, das etliche Minuten dauern kann, unternimmt die Tarantel nichts, um sich zu retten.

Schließlich sticht die Wespe zu, die Spinne setzt sich verzweifelt, aber vergeblich zur Wehr. Sie wälzt sich über den Boden, aber das Ende ist immer das gleiche. Die Tarantel fällt gelähmt auf den Rücken. Die Wespe zerrt sie an einem Bein ins offene Grab, wo sei eine weitere bemerkenswerte Sache tut. Sie stopft ihre pelzige Speisekammer so geschickt in das Loch, das sich die Spinne, selbst wenn sie zufällig wieder zu sich kommen sollte, niemals aus eigener Kraft sich wieder herausgraben könnte. Jedes der acht riesigen Beine wird buchstäblich an die Erde gefesselt. Dann legt die Wespe ein Ei, befestigt es mit einem klebrigen Sekret seitlich am Hinterleib der Spinne, schüttet das Grab zu und geht.

Die ungewöhnliche Geschichte ist hier aber noch nicht zu Ende. Wenn die Wespenlarve schlüpft, ist sie viele Male kleiner als ihr hilfloses Opfer und völlig abhängig von ihm. In den langen Wochen der Entwicklung, in denen sie keine andere Nahrung, kein Wasser usw. bekommt, wird sie nach einem grausamen und komplizierten Programm die Tarantel Stück für Stück verspeisen, wobei sie sich die lebenswichtigen Organe bis zuletzt aufhebt, um ihre Kost am Leben und frisch zu halten. Wenn sie ihr gargantueskes Mahl beendet hat und bereit ist, das Grab zu verlassen, wohlversehen mit ihrem eigenen chirurgischen Instrument und einem Operationsplan, der an einer anderen Tarantel durchgeführt werden kann, bleibt von der ersten nichts übrig als das unverdauliche Schalenskelett.“

„(…) haben wir eine Situation, in der eine Spinne, durchaus fähig, sich gegen eine Wespe zu verteidigen, ja sie sogar zu töten, zuläßt, daß sie von dem Insekt gelähmt wird. Und wir haben eine Wespe, die unheimlicherweise genau weiß, wo sich das Nervenzentrum in ihrer Beute befindet.

Ihr Stich an anderer Stelle angesetzt, würde die Spinne entweder töten und sie damit als Nahrungsvorrat unbrauchbar machen, oder er würde keinerlei Wirkung zeitigen, abgesehen vom wahrscheinlichen Tod der Wespe durch Vergeltung. In keinem Fall ist hier Raum für natürliche Selektion. Bei diesem Wagnis gibt es keine Erfolgsgrade. Es ist eine alles-oder-nichts-Situation. Man kann an Giftspinnen, die doppelt so groß sind wie man selbst, keine subkutanen Kunstgriffe ausprobieren. So etwas muß beim ersten Mal klappen. (…) Dieses evolutionäre Wunder bei der Wespe konnte nicht durch die gleiche Art der langsamen Selektion entstehen, die, wie wir aus den Fossilfunden wissen, bei den Vorfahren des Pferdes einsetzte und, um den heute lebenden Artgenossen ihre größere Gestalt und größere Schnelligkeit zu verleihen“

 

Beispiel 2:

Floh und Alligator

Quelle: Lyall Watson, Der unbewußte Mensch – Gezeiten des Lebens, Ursprung des Wissens (Lifetide). MVG Taschenbuch 1990  und E.B. Poulton, in: The terrifying appearance of  Laternaria…“ Proceeding of the Royal Enotomological Society of London 43:43, 1924

„Im Amazonasgebiet grassieren Naturerfindungen, und es gibt einige ganz außergewöhnliche Anpassungen. keine ist jedoch so wunderbar wie die es Blattflohs Lanternaria servillei, eines sogenannten Laternenträgers. Dieses acht bis zehn Zentimeter lange Insekt , ein verwandter der Zikaden und Blattläuse, ernährt sich vom Saft dicht über dem Wasser wachsender Pflanzen. Normalerweise sitzt es auf einem Blatt und hält die braungefleckten Flügel der Länge nach über dem Körper wie zu einem hornigen Gehäuse gefaltet. Der Kopf ist ungeheuer knollig und in die Länge gezogen wie eine Schnauze mit einem nasenartigen Vorsprung am Ende und großen falschen Augenhöckern dahinter, die alle an genau der richtigen Stelle eine weiße Markierung aufweisen, um den glitzernden Lichtreflex eines echten Wirbeltierauges vorzutäuschen.

An den Seiten des «Mauls» verläuft eine Rinne, die es wie ein teilweise geöffnetes Maul aussehen läßt, und entlang dieser Rinne reihen sich versetzt angeordnet falsche weiße Zähne, die nicht nur farblich gekennzeichnet, sondern in perfektem Basisrelief geformt sind. Das Ganze wirkt wie eine unglaublich naturgetreue Imitation eines Alligators, klein, aber vollkommen in jedem Detail.

(…) Die üblichen Feinde der Blattflöhe sind Vögel wie Reiher oder Kiskadees, die an den Flußrändern ihr Wesen treiben, wo sie bald lernen, vor lauernden Alligatoren auf der Hut zu sein. Und diese Vorsicht scheint sich auch auf den Alligatornachahmer zu erstrecken, weil Vögel mehr auf Farbe und Form achten und Unglaubwürdigkeiten in diesen Para­metern leichter erkennen als Unterschiede in der Größe. Ein Austernfischer wird zum Beispiel versuchen, auch ein Ei von der Größe eines Fußballs zu bebrüten, solange er nur die gewöhnliche gesprenkelte Färbung zeigt“ (Quelle: N Tinbergen, Social releasers and experimental method required for their study. In: Wilson Bulletin 60: 6-52, 1948).

Als ich mich vor mehreren Jahren im Rahmen eines Features mit dem Seelenleben der Tiere beschäftigte, interviewte ich Gabriele Sauerland, die u.a. medial mit Tieren kommuniziert («Medialog») und erfuhr dabei schier Unglaubliches (Hugh Lorenz, «Bruder Hengst und Schwester Katze – Verblüffendes aus dem Seelenleben der Tiere«, Reichel Verlag 2010, s. auch www.communicanis.de).

Morphische (auch: morphogenetische) Felder, die an das Jungsche Kollektive Unbewußte erinnern, mögen eine Treppenstufe sein auf dem Weg zur Erkenntnis, wie die sichtbare Welt viel mehr als bisher angenommen von Einflüssen gesteuert wird, die leider noch immer als im Bereich der Metaphysik angesiedelt werden.

Wir sollten uns daran gewöhnen, das Biologische in allen Bereichen als beseelt zu erkennen und mit dem zu leben, was im Sinne des Wortes «übersinnlich» genannt werden kann (wenn wir von der klassischen Definition unserer menschlichen Sinnen ausgehen).

„Wir haben es mit einer steuernden Intelligenz von solcher Erhabenheit zu tun, daß verglichen damit das ganze systema­tische Denken und Handeln der Menschen ein höchst unbedeutender Abglanz ist.“ (Albert Einstein, in: «The world as I See it». John Lane, London 1935, in Deutsch «Mein Weltbild» Ullstein Taschenbuch

Phänomen der Gleichzeitigkeit unter­schiedlicher Bewußtseinsstrukturen

Eine häufig verdrängte, aber von jederfrau und jedermann beobachtete Tatsache ist das gleichzeitige Auftreten der unterschied­lichsten Reife- und Entwicklungsstufen, von Individuen ebenso wie von ganzen Ethnien, Volksgruppen, Nationen.

Daß sich z.B. ein siebenjähriges Kind von einer Greisin in den Neunzigern wesentlich unterscheidet, ist grundsätzlich und ohne jedwede bewußte Reflexionsleistung, sozusagen a priori, evident – aber in welchen Aspekten genau?

Abgesehen von allem Sichtbaren, Körperlichen und von dem, was wir «Lebenserfahrung» nennen, zeigt sich als wesentlicher Aspekt eine andere Art von Bewußtheit auf, eine unterschiedliche Art von sich seiner selbst bewußt sein und sich der Einbettung in ein Umfeld auf den unterschiedlichsten Ebenen bewußt sein (wissenschaftlich: Metaebenen).

Unser aller Leben begleiten im direkten Umfeld tagtäglich Menschen, die sich in einer Realität zu bewegen scheinen, die von der unseren oft vollkommen verschieden ist.

Eine andere Rasse, eine andere Kultur, Religion, unterschiedlichste Bildungsgrade, ein nicht selten extrem unterschiedlicher Intelligenzquotient, mehr oder aber viel weniger Lebenserfahrung, höhere oder geringere Eloquenz oder aber extreme psychische Probleme verführen immer mehr dazu, nichts als so gleich zu sehen wie die Ungleichheit der Menschen.

Es ist das Verdienst des Kulturphilosophen Jean Gebser, ein Schema in den Bewußt­seinsstrukturen des Menschen beobachtet und formuliert zu haben, das als durchaus praxistaugliches Muster für die Grundlagen unserer Verhaltensmuster dienen kann: Bewußtseinsstrukturen, die sich sowohl im Leben des Individuums, vom Kind zur Greisin, zum Greis, als auch, als Analogie, in kulturellen Entwicklungsphasen gespiegelt.

Die archaische, die magische, die mythische, die mentale und die – nach Gebser aktuell sich herausschälende und von ihm so genannte – integrale Bewußtseins­struktur lassen sich im modernen Alltag 2016, aber auch, auf der Metaebene, auf eine verblüffende Weise im Verhalten der Menschheit generell wiedererkennen – hier primitives Steinzeitverhalten, dort abstrakt-intellektuelle, hochgeistige Leistungen.

Diese Phänomene werfen Fragen über Fragen auf:

  • Wie erklären sich die immensen Unterschiede in der Geschwindigkeit der Entwicklung des Individuums vom archaisch geprägten Säugling zum men­tal geprägten, reflektiert denkenden Menschen – bei einer Person gelingt sie so gut wie nie, bei einem «Wunderkind» dagegen innerhalb verblüffend kurzer Zeitspannen?
  • Wie erklärt sich zum Beispiel die nachweisliche Bewußtseinsmutation vor allem zentraleuropäischer Nationen seit ca. 500 v.u.Z. resp. ca. 1500 v.u.Z. zur Dominanz des Mentalen, während ganze Kontinente wie Afrika oder Asien, aber auch Teile von «Lateinamerika», noch heute in magisch-mythischen Strukturen gefesselt sind und sich immer nur einzelne Individuen davon befreien können?
  • Wie erklärt sich die geradezu besessene Zielstrebigkeit bereits junger Menschen, die sich ihrer Berufung bewußt sind, unabhängig davon, in welchem Kulturkreis sie aufwachsen? (Beispiele: Schliemann wußte bereits mit 6 Jahren, daß er Troja finden und ausgraben würde. Und ein junger «Dalai Lama» erinnert sich an Regionen, Lebensweisen etc., die er als Kleinkind unmöglich kennen konnte?

Konsequent zu Ende gedacht, tauchen natürlich die alten Themen der klassischen Philosophie auf, die Frage nach der Willensfreiheit, nach der Prädestination unserer individuellen Schicksale, ja, nach der Prädestination allen irdischen Geschehens, in dessen Kontext Einzelne, ferngesteuerten Robotern gleich, nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Dann: Wie kam es zu der vor etwa 40000 Jahren zu beobachtenden, sprunghaften Entwicklung des Neocortex (Großhirnrinde), die fundamentale Voraussetzung für reflek­tiertes Denken und für die Vielzahl intellektueller und sensorischer Leistungen ist, die uns heute eigentlich als selbst­verständlich erscheinen?

Wer ernsthaft daran interessiert ist, auf diese vielfältigen Fragen auch für die eigene Existenz Antworten zu finden und die Suche danach nicht auf die letzten Stunden auf dem Sterbebett zu verschieben, kann sich heute verschiedene Modelle betrachten, die in aller Regel solide erarbeitet sind, wenngleich jedem neuen Konzept stets Spekulatives anhaftet, anhaften muß. Aber Wissen verpflichtet, und wir verfügen inzwischen über dieses Wissen!

Generelles Fazit sollte jedoch sein: Demut!

Albert Einstein: „Sie werden schwerlich einen tiefer schürfenden wissenschaftlichen Geist finden, dem nicht eine eigentümliche Religiosität eigen ist. Diese Religiosität unterscheidet sich aber von derjenigen der naiven Menschen (…) Der Forscher (…) ist von der Kausalität allen Geschehens durch­drungen. Die Zukunft ist ihm nicht minder notwendig und bestimmt als die Vergangenheit (…) Seine Religiosität liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, daß alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist (…) Unzweifelhaft ist dies Gefühl nahe verwandt demjenigen, das die religiös schöpferischen Naturen aller Zeiten erfüllt hat.“ In:«Mein Weltbild», Die Religiosität der Forschung.

Konstanten und kuriose Steuerungen

Schon seit langen Jahren kann sich kein ernsthafter Wissenschaftler der Feststellung entziehen, daß der Planet ein vernetztes System ist – die aktuelle Debatte um den Klimawandel ist dafür ein brisantes Beispiel.

Im Sinne der orthodox-klassischen Wissenschaft unerklärlich ist jedoch trotzdem die Beobachtung, daß auf dem gesamten Planeten seit eh und je der Zustand der Homöostase zu bestehen scheint (Homöostase aus griechisch «homoios» = «gleichartig» und «stásis» m= «Stillstand», formuliert 1932 vom Psychologen Walter Bradford Cannon).

Diese Tatsache ist äußerst verblüffend, weil nur ein metaphysischer oder religiöser Ansatz den Gedanken eines «großen Steuermanns» hinter den einzelnen lebensprägenden Faktoren unseres Planeten sehen kann, die orthodoxe Wissenschaft aber eine diesem «großen Steuermann« adäquate Größe (noch!) nicht formulieren kann.

Beispiel für diese verblüffenden Naturkonstanten sind u.a.

  • Der Salzgehalt der Meere / Ozeane. Er liegt konstant bei ca. 4%, trotz permanenter Süßwasserzufuhr aus den Flüssen und durch Regenwasser. Eine Erhöhung auf z.B. auch nur 6% und nur für ganz kurze Zeit würde bedeuten, daß sich die Zellwände der Meeresbewohner zersetzen und die Zellen buchstäblich auseinanderfallen würden, so daß sich die Entwicklung des Lebens längst über andere als die nicht selten bereits seit Jahrmillionen dort lebenden Organismen hätte manife­stieren müssen.
  • Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre: Er liegt bei ca. 21% – bei nur einigen Prozent weniger wären Menschen, größere Tiere und Fluginsekten nicht mehr lebensfähig, bei einigen wenigen Prozent mehr würde sogar Feuchtvegetation leicht brennbar und ein einziger Blitzschlag würde Flächen­brände auslösen.
  • Die Konstanz der Temperatur der Erdoberfläche. Sie liegt zwischen 15 und 35 Grad Celsius. „Die mittlere Temperatur des größten Teils der Erdoberfläche scheint sich schon seit Hunderten von Jahrmillionen innerhalb dieses Bereichs zu halten, und das trotz drastischer Veränderungen in der Zusammensetzung der Atmosphäre und starker Zunahme der Sonneneinstrah­lung (…) Hätte irgendwann in der Erdegeschichte die Gesamttemperatur diese Grenzen überschritten, wäre das Leben, wie wir es kennen, erloschen. Ein solches Verhalten erinnert an das unseres Körpers, der ja auch bei größeren Schwankungen der Außen­wärme stets eine optimale Innentempe­ratur hält.“, schreibt Peter Russel in «Die erwachende Erde» ( Heyne Taschenbuch 1984
  • Auch das ist übrigens rätselhaft: Welche Kraft, welcher «Steuermann» reguliert denn eigentlich unseren Blutkreislauf, unsere Körpertemperatur? Was sorgt dafür, daß wir in der Nacht nicht aus dem Bett fallen, selbst wenn wir uns im Tiefschlaf hin- und herwälzen?

Wir sind mit Phänomenen konfrontiert, die jenseits des Bewußtseins zu liegen scheinen, jenseits dessen, was wir «Verstand» nennen und was wir direkt glauben steuern zu können.

Ist der kontrollierende (und dadurch nicht selten Prozesse störende) Verstand erst ausgeschaltet, zum Beispiel unter Hypnose, geschehen unglaubliche Dinge, die schon in den 1960 Jahren ganz im Rahmen der klassischen wissenschaftlichen Dokumenta­tion festgehalten wurden: Erhöhter Blutdruck, Magengeschwüre, Allergien, Schuppenflechte, Warzen, Gürtelrose und sogar Tuberkulose werden dabei endgültig geheilt (s. u.a. S. Black, The use of hypnotics in the treatment of psychosomatic disorders in: Proceedings of the Society for Psychosomatic research Conference of 1962, Pergamon, Oxford 1964).

Interessant sind auch die verblüffenden Beobachtungen rund um die Zahl 25920:

„25920 Jahre braucht die Sonne, um bei ihrem Kreislauf durch den Zodiak den Frühlingspunkt zu erreichen („Präzessions­zahl“).

Sie setzt sich zusammen aus 360 mal 72. Die Zahl 360 entspricht der Gradeinteilung des Kreises und dem verkürztem Jahr mit 360 Tagen.

72 ist die Zahl der Pulsschläge eines gesunden Menschen in der Minute, in der er achtzehnmal atmet. Das macht am Tag 18 mal 1440 Minuten = 25920.

Die Zahl 1440 erscheint abermals, wenn wir einen Kreisgrad von vier Minuten mit 360 multiplizieren. Demnach verhalten sich die Kreisgrade zu den Zeitpunkten wie der Atem zum Pulsschlag.

Die Zahl 72 gilt den Hindus als Symbol des Menschenlebens, dessen Durchschnitt auf 72 Jahre festgelegt wurde, was wiederum genau … 25920 Tage ergibt.

Und wie steht es mit dem verkürztem Jahr von 360 Tagen? Wann müssen wir ein Jahr zulegen, damit wir auf die Zahl von 365 Tagen kommen? Nach – 72 Jahren.

Und dann gibt es wieder Zusammenhänge zwischen 25920 und dem Ton des Normal-A. Denn klingt ein bestimmtes A eine Sekunde lang, dann schwingt der Tonerzeuger 432 mal (ein indisches Tatwa = 432 Atemzüge) – eine Minute lang, dann 25920 mal. Das um zwei Oktaven tiefere A wird in vier Minuten 25920 mal schwingen – 4 Minuten ist 1 Grad der Erdrotation…

Also letztendlich besteht eine Beziehung zwischen Atem und Ton.“ (Quelle: Fritz Stege, in: Musik, Magie, Mystik. Der Leuchter, Otto Reichl Verlag 1961, S. 30/31).

Es scheint, als würden wir im Alltag gewisse Zahlen, Zusammenhänge, als solche nicht immer erkannte Konstanten als etwas absolut Selbstverständliches hinnehmen: So hat z.B. der Blutdruck, um normal zu sein, unbedingt zwischen X und Y zu liegen, die Körper­temperatur bei so und so.

Es scheint uns allen auch als selbstver­ständlich, am Abend als ICH mit einem gewissen Namen und einer präzise definierten Identität schlafen zu gehen und unter den gleichen Parametern am Morgen wieder aufzuwachen, als wäre da nichts gewesen, was den Fluß dieses «Ich» unterbrach – haben wir denn das Staunen verlernt?!

Das Weltbild seit der sogenannten «Aufklärung» hat sich zuschulden kommen lassen, alte Wahrheiten auszuklammern und als überholt darzustellen, Aspekte, die dem archaischen, dem magischen, dem mythischen Weltbild angehören, das aber jede und jeder von uns als Konstante in sich trägt und das sich jeweils dann Bahn bricht, wenn die Umstände es begünstigen (der Mörder mordet wie in Trance, archaisch und wie von magischen Kräften getrieben, z.B.).

„Ja, kein Mensch ist ganz frei von den  Dämonen; ein Doppel-, Trippel- und Quadrupelwesen steckt in jedem, und nur auf dem Wege einer unendlich mühsamen Selbstdressur, auf den Bahnen des von heiligstem Wollen durchströmten Sympathi­kus kann es gelingen, die bösen Säfte, die flüssigen Geistigkeiten der Vernichtungs­triebe versiegen zu lassen (…) schreibt Carl Ludwig Schleich 1920 (in:. Das Ich und die Dämonien, S. Fischer Verlag, S. 248 / 249.

Und der Sympathikus, auf den er sich bezieht, gleicht bis aufs Haar dem, was die indische Weisheitslehre die «Kundalini-Kraft» nennt – Lernaufgaben über Lernaufgaben für ein wirklich stimmiges, aktuelles Menschen­bild, das sich von dem der jungen Damen und Herren in unseren Spielfilmen, in unserer Fernsehwerbung 2016 so sehr unterscheidet wie von Erwachsenen wirklich Erlebtes von einer Aufführung für kleine Kinder im Kasperletheater…

Eine mögliche Bilanz

Zunächst wäre sie Resignation: „(…) das Wissen um die Unmöglichkeit einer Verständigung ist zu groß, jeder weiß, daß der andere eine andere Sprache spricht, daß der andere innerhalb eines anderen Wertesystems lebt, daß jedes Volk in seinem eigenen Wertesystem gefangen liegt, ja, nicht nur jedes Volk, jeder Berufsstand, daß der Kaufmann dem Militär nicht überzeugen kann, der Militär nicht den Kaufmann, der Ingenieur nicht den Arbeiter, und sie verstehen einander nur so weit, als jeder dem anderen das Recht zugesteht, seine Machtmittel rücksichtslos zu gebrauchen, sein eigenes Wertesystem rücksichtslos zur Geltung zu bringen, jeden Vertrag zu brechen, wenn es gilt, den Gegner zu überrennen und niederzuzwingen.“ sagte Hermann Broch in seinem Vortrag mit dem Titel «Zeit und Zeitgeist»in den 1930ern (s. Suhrkamp Taschenbuch 1997).

Und Albert Camus sagte in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Literaturnobel­preises am 10. Dezember 1957 in Stockholm „Die Wahrheit ist geheimnisvoll, ungreifbar, und muß stets neu erobert werden. Die Freiheit ist gefährlich, ihr zu leben ebenso hart wie berauschend. Diesen beiden Zielen müssen wir entgegengehen, mühselig, doch entschlossen, unseres jeweiligen Schwach­werdens auf einem so weiten Wege von vorneherein gewiß.“

Meine ganz persönliche Bilanz beim Studium der vorerwähnten und anderer Beobach­tungen: Das Hauptübel dieser Welt ist das permanente Streben, das eigene Selbst, das EGO, ins Zentrum zu stellen – und darin sind wir Männer absolute Weltmeister.

Wenn der Mann sich nicht radikal ändert, erfahren wir nichts als eine Endlosschleife der Geschichte, die ja eine einzige Blutspur ist. Artur Köstler soll  jedoch behauptet haben, der Mann ändere eher das Antlitz der Erde als seine Gewohnheiten – und genau das erleben wir momentan.

Es ist Adams Planet – gewaltsam von Adam okkupiert, Eva darf ihn mitbewohnen, wenn sie ganz artig ist, aber zu sagen hat Eva, die vom Wesen her verbindende, integrierende, friedliche, so gut wie nichts.

Sri Aurobindo: „Die Spaltung, das Ego, ein unvollkommenes Bewußtsein, das Suchen und Kämpfen einer auf sich bedachten Selbstan­maßung sind die wirkende Ursache  von Leid und Unwissenheit dieser Welt. (in: Das Rätsel dieser Welt, Yantra Publishing Reprint 2003)

Abschließend ein sehr überlegter Hinweis auf einen Weg einer Versöhnung mit der Schöpfung, der uns allen offensteht:

Es muß dringend eine neue Haltung gefunden werden, in der Werte Ziele setzen und dem Individuum das Gefühl von Sinnhaftigkeit geben. Veränderung wird zu häufig nur als Bedrohung des Selbst angesehen (…).

Die einzige Hoffnung scheint im gemein­samen Handeln zu liegen, das von der Einsicht in die Gefahren (…) inspiriert ist.

Ein wesentlicher Zuwachs an Weisheit ist wahrscheinlich nur durch die innere Entwicklung des Individuums zu erreichen.“

(Bericht des Club of Rome 1991: Die globale Revolution, S. 122 und 129)

 

 

Burnout, Streß und Hektik? Über die Unmöglichkeit, 2018 ein entspanntes Leben zu führen

 

„Wie geht es Ihnen?“ „Oh je, ich hab´ da diese Klage am Hals…“

Das Geschäft der Rechts­anwälte boomt, die Gerichte sind über Jahre im voraus „ausgebucht“- es scheint, als wären wir ein Volk von Klägern und Beklagten.

Aber nicht nur offiziell und kostenpflichtig ausgetragene Strei­tereien plagen die Men­schen in den sogenannten „zivilisierten Ländern.

Denn das am Hals zu haben, was landläufig „ein Problem“ genannt wird, ist keine Aus­nahme, sondern eher die Regel, auch wenn jemand nicht soeben einen neuen Mobilfunk­vertrag abge­schlos­sen, nichts vom Internet herun­tergeladen, beim Parken je­man­den angeb­lich behindert oder die Äste seines Obstbaums in Nachbars Garten hängen ließ oder am Arbeitsplatz gemobbt wurde: Unser Alltag ist gepflastert mit dem, was in der guten alten Zeit einfach „Sorgen“ genannt wurde.

Überfordernde Verdichtung

Es war früher keineswegs „alles besser“. Nur: Die Proble­me, die Frau und Herr jeder­mann zu lösen hatten, waren im privaten, aber auch im geschäftlichen Alltag meist wesent­lich ein­facherer Struk­tur, zweitens nicht stets unter extremen Zeitdruck zur Lösung aufge­tragen und drittens auf überschaubare Lebensbereiche begrenzt.

Biographien verliefen meist linear, nur unterbrochen von den Wirren der Kriegs­zeiten und den notwendigen Phasen, um aus einem Kind einen soge­nannten Erwachsenen wer­den zu lassen. Kontinuität im gesell­schaftlichen Makro- und Mikro­bereich war fester Be­stand­teil des gesell­schaft­lichen Konsens.

Der Alltag verlief in der Regel genau strukturiert. Trotz langer Arbeitszeiten fanden die Menschen Raum und Zeit für Muse und auch einmal selbst­ver­gessenem statt nur TV-fremdge­steuer­tem Vergnügen.

Kurzum: Der nur unbewußt wahrgenommenen, zu­neh­men­den Komplexität des Alltags- ebenso wie des poli­tischen und gesellschaft­lichen Lebens stand die Möglichkeit gegenüber, dies alles emotional und psycho­hygienisch zu ver­kraf­ten, zu verarbeiten.

Denn das, was allgemein heute so sehr unter­schätzt wird, nämlich die Notwendig­keit von Ruhe- und Dämmer­phasen [1]), war bis ins späte
19. Jahrhundert selbst­ver­ständ­licher Bestandteil des gesell­schaft­lichen Konsens.

Aber was für ein Wandel! Rief die Mutter früher dem Schulkind nach: „Und paß auf, gell?“, tat das Kind fröhlich das Gegenteil: Verspielt, verträumt und sorglos machte es sich auf den Schulweg.

Wer heute Kinder und Jugendliche wann und wo auch immer beob­achtet, registriert jedoch das, was seit langem bereits die Welt der soge­nannten Erwach­senen prägt und was Arnold Gehlen „chronische Wachheit und Reflexion“ nannte [2]): Wettbewerb zum neuesten Computerspiel auf dem Schulweg, Raufereien nicht mehr zwischen „Lause­jungs“, sondern anscheinend hochgerüsteten Kriegern aus dem All – unter Ausschluß der Wahrnehmung der sinnlichen Umwelt (oder hat Ihnen Ihr Sohn oder Ihre Tochter erzählt, sie hätten heute auf dem Schulweg einen Igel beobachtet oder seien auf einen Baum geklettert?).

„Zur Ruhe“ kommt kaum jemand mehr, ob Schulkind, ob pubertierend oder pensio­niert.

Der Alltag des modernen Durch­schnitts­men­schen ist in einer Form ver­dichtet, die der eigentlichen Konzeption des Menschenbildes und Menschen­lebens diametral entgegen­zu­stehen scheint, wie es zum Beispiel in den Entwürfen der großen Religionen aufscheint oder als conditio sine qua non für das, was Goethe einfor­derte: „Edel sei der Mensch / hilfreich und gut!“ [3]).

Neurologisch, biologisch, psychisch scheint der moderne Mensch durch selbstgeschaffene Strukturen überfordert – die gesellschaftliche Evolution frißt ihre Kinder.

Biologische Defizite?

Die verblüffend sprunghafte Entwicklung der Großhirnrinde, des sog. Neocortex, die Bio­logen, Anthropologen und Mediziner in die Zeit vor etwa 40´000 Jahren datieren, be­scher­te dem Menschen das, was wir heute als reflektiertes Denken bezeichnen können.

Kann es sein, daß diese Entwicklung zwar angestoßen, aber bei weitem noch nicht abgeschlossen ist und der Gesichtskreis des Menschen, wie Schopenhauer schreibt, „zwar weit über den des Tieres hinausreicht, aber bei weitem nicht so weit, wie allgemein angenommen“? [4])

Kann es sein, daß die Entwicklung zum Umgang mit dem, was heute so modern „Multitasking“ genannt wird, zwar gelegentlich aufblitzend funktioniert, auf Dauer aber die psychischen Batterien des Durchschnittsmenschen leert, ihn schlichtweg überfordert?

Kann es sein, daß die sogenannten Depressionen, das ausgebrannt sein, deutliche Signale einer absoluten Über­forderung selbst der wachsten, ehrlich bemühten Menschen sind, die schlichtweg eben nicht dauerhaft … multi­tasking­fähig sind?

Kann es sein, daß wir zwar durchaus wollen – „strebend uns bemühen“ (Faust) – aber durch diese plötzlich aufleuch­tende, durch einen reizüber­fluteten Alltag provozierte Dauerreflek­tiert­heit schlicht­weg über­fordert, „überfüttert“ sind? [5])

Könnte es sein, daß…

wir gar nicht durch einen Alltag voller Tretminen tau­meln, sondern schlichtweg die von Menschen­hand und Men­schen­­hirn erschaf­fene Welt (genauer: Von MÄNNERhirnen erschaffene Welt, siehe mein Essay „Adams Welt und Evas Antwort“ [6]) nicht mehr über­schauen kön­nen, in der die vermeintlichen Minen gar keine solchen sind, sondern schlicht­weg aus dem sozialen Kontext heraus ent­standene, eigentlich harmlose und solide Überein­künfte? [7])

Prof. Dietrich Dörner, dessen Projekt „Lohhausen“ ich in den 1980ern beobachtend begleiten durfte [8]), verfaßte 1989 ein leider viel zu wenig beachtetes Werk, das die These, auch sogenannte Spezialisten seien mit der Komplexität der all­täglichen Herausforderungen selbst ihres Spezialbereichs nicht selten überfordert, auf eine humorvolle, aber wissen­schaft­lich stringente Weise untermauert. [9])

Im Vorwort dieses Buches schreibt Erentraut Hörnberg vom Rheinischen Merkur / Christ und Welt: „Komplexität erzeugt Unsicherheit. Unsicher­heit erzeugt Angst. Vor dieser Angst wollen wir uns schützen. Darum blendet unser Gehirn all das Komplizierte, Undurch­schau­bare, Unbere­chen­bare aus. Übrig bleibt ein Aus­schnitt  – das, was wir schon kennen. Weil dieser Ausschnitt aber mit dem Ganzen, das wir nicht sehen wollen, verknüpft ist, unterlaufen uns viele Fehler – der Mißerfolg ist programmiert.“

Sorge dich nicht, lebe!

So lautet ein heute immer noch häufig nachgefragtes Werk des Autors Dale Car­negie [10]).

Aber der Slogan klingt heute, über sechzig Jahre nach der Erstpublikation, entweder zy­nisch oder aber wie das Mantra einer Sekte.

Dabei bestätigen Gespräche mit Menschen, die sich der Spiritualität öffnen, daß es genau das sei: Dieses sich Hin­geben an das, was meist vage als „Führung“ bezeichnet wird, aber auch als „Fügung“, kurz­um: Als eine Besinnung darauf, daß unser soziales Umfeld zwar von uns Menschen erlebt, aber möglicherweise von über­mensch­lichen Kräften geplant und gesteuert wird.

Unser zentraleuropäischer Alltag wird 2012 – Hand auf´s Herz! – nahezu ausschließlich von der Ökonomie geprägt, vom „Geld verdienen müssen“, vom wirt­schaftlichen Überleben, bit­te aber auf möglichst hohem Niveau und nicht selten als Selbst­zweck („Bei den meisten reichen Leuten besteht das Hauptvergnügen am Reichtum in der Schaustellung“ [11]).

Auf diesem Altar werden nicht selten persönliche Glücks­modelle geopfert, denn „Geld regiert die Welt“ –  die normative Kraft des Faktischen?

Realitätsverlust

Wie soll jedoch die soge­nannte „breite Masse“, die ihre gesellschaftliche Situation nicht reflektiert, die sich nicht mit ökonomischen Details beschäf­ti­gt, sich durch die Last der Alltagsmühen nicht der Mühe unterziehen kann, das moderne Gesellschaftsmodell, geschwei­ge denn das eigene Lebens­modell in diesem Gesellschafts­modell zu erkennen, unter diesem Paradigma entspannt leben? (das eigene möglicher­wei­se richtige, au­then­tische Leben im falschen Leben, um einen Gedanken von Adorno etwas zu modifizieren [12]).

Wenn das vormals sinnlich be-greifbare Geld sich in einen Mythos wandelt, der nur noch abstrakt erkennbar, also für Frau und Herrn jedermann schlichtweg nicht mehr zu Greifen ist?

Albert Camus: „Seit unge­fähr hundert Jahren leben wir in einer Gesellschaft, die nicht einmal die Gesellschaft des Geldes genannt werden kann (Geld oder Gold können sinnliche Leidenschaften wek-ken), sondern als Gesell­schaft der abstrakten Symbole des Geldes bezeichnet werden muß. Die Gesellschaft der Händler kann als Gesellschaft definiert werden, in der die Dinge von den Zeichen ver­drängt werden. Wenn eine Führerschicht ihr Vermögen nicht mehr nach dem Morgen Land oder der Stange Geld mißt, sondern nach der Zahl der Ziffern, die theoretisch einer bestimmten Zahl von Tauschoperationen entspre­chen, ist sie gleichzeitig be­müht, eine gewisse Art von Mystifikation in den Mittel­punkt ihrer Erfahrungen und ihrer Welt zu stellen. Eine auf Zeichen gegründete Gesell­schaft ist ihrem Wesen nach eine künstliche.“  [13])

Helmut Schelsky publizierte 1979 eine Reihe von Aufsätzen zu diesem Thema [14]), unter anderem 1954 (!), der zeitge­mäßer denn je scheint: „Wir erleben die Vorgänge einer modernen Mythenentstehung am eigenen Leibe, aber wir sind auch die Neuprimitiven, die in dieser mythisch verstellten Welt leben. Die soziale Superstruk­tur unserer Gesell­schaft ist die erste und wichtigste Kraft, die den Realitätsverlust unseres sozi­alen Bewußtseins konstitu­tionell macht.“ [15]);

Fragen über Fragen!

Sind wir eine künstliche Gesellschaft? Eine realitäts­ferne Gesell­schaft?

Sitzen wir fest, im Zentrum eines „Teufelskreises“, einer Verblendung, der wir nicht entrinnen können, weil es doch eben genau so ist, wie Karl Marx, der große Hellseher der Soziologie, es formulierte („Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.[16]);

haben wir den Bezug zu einer Realität verloren, die wir selbst erschufen, aber die eben eine gnadenlose ist, eine „homo homini lupus“ Menta­lität, die seit eh und je herrscht?

Sind wir… ohnmächtig, also ohne Macht, gegenüber … ja, gegenüber was denn über­haupt?

Übersteigen die täglichen Herausfor­derun­gen, zumindest unser eigenes, kärgliches Dasein, unser individuelles Glück zu organisieren, schon unsere Möglichkeiten?

Hat Hermann Broch gut beobachtet, wenn er schreibt: Jeder Mensch ist Mittelpunkt der Welt, um jeden scheint sie sich willig zu drehen, und jeder Mensch und jedes Menschen Lebenstag ist der End- und Höhepunkt der Weltgeschichte. Hinter ihm die Jahrtausende und Völker sind abgewelkt und dahingesunken, und vor ihm ist nichts, einzig der Augenblick.
Dem Scheitelpunkt der Gegen­wart scheint der ganze riesige Apparat der Weltgeschichte zu dienen. Der
primitive Mensch empfindet jede Störung dieses Gefühls, daß ER der Mittel­punkt sei, daß ER am Ufer stehe, während die anderen vom Strom fortgerissen wer­den, als Bedrohung, er lehnt es ab, erweckt oder belehrt zu werden, er empfindet das Erwachen, das Bewußtwerden von der Wirklichkeit, er empfindet DEN GEIST als feindlich und hassenswert und wendet sich mit erbittertem Instinkt von jenen ab, die er von den Zuständen des Wachwerdens befallen sieht, von den Sehern, den Prophe­ten, Problematikern, Besesse­nen“ [17])?.

Zurück zu den Wurzeln

Was immer wir auch von seinen Kunstwerken halten mögen: Joseph Beuys war eine große Persönlichkeit, die genau zu diesem Thema etwas Wichtiges sagte:

Für Men­schen, die letzt­endlich vom Geistigen le­ben, ist die Be­schei­denheit am aller­inte­res­santesten. Wenn man einen gewissen Überblick über die Zusammen­hänge des Gan­zen hat, ist das, was notwendig wird als nächster Schritt auch immer das Span­nendste. Das ist Lebens­qualität. Wer daran nicht teilhat, ist unzufrieden und unglücklich, auch wenn er Millionär ist.“ [18])

Die Antworten auf die Frage: „Wie überlebe ich in einer Welt des täglichen «der Mensch dem Menschen ein Wolf?»“ scheinen demnach nicht im Materiellen zu liegen.

Und auch nicht außerhalb unser selbst – sie scheinen tat­säch­lich in unserer eigenen, ganz individuellen Ent­wicklung zu liegen, die wohl als Schutz­schild gegen die uns offen­sichtlich rational überfor­dernde Komplexi­tät unseres Alltags gesehen werden kann.

Auf den Punkt gebracht hat das eine Institution, der man die Verwendung des Terminus „spirituell“ bei ihrer Gründung absolut nicht zutraute, nämlich der „Club of Rome“ [19]):

„Es muß dringend eine neue Haltung gefunden werden, in der Werte Ziele setzen und dem Individuum das Gefühl von Sinnhaftigkeit geben. Verände­rung wird zu häufig nur als Bedrohung des Selbst ange­sehen (…). Die einzige Hoff­nung scheint im gemeinsamen Handeln zu liegen, das von der Einsicht in die Gefahren (…) inspiriert ist. Ein wesentlicher Zuwachs an Weisheit ist wahrscheinlich nur durch die innere Entwicklung des Indi­viduums zu erreichen.[20]).

Die Wurzeln des Menschen sind fest verankert in einem Kontext, den wir rational in diesen Tagen offensichtlich (noch) nicht erklären, nicht reflektieren können.

Die uns im Alltag plagende, kräftesaugende, manchmal ge­ra­de­zu kafkaesk anmutende „normative Kraft des Fak­tischen“, getrieben von der Entscheidung zwischen Telefon­ta­rifen, Heizkostenabrech­nun­gen, Rentenanträgen, Abo-­Erneu­erun­gen, Facebookeinträ­gen, Massageterminen, Klassen­tref­fen, sie oder ihn anrufen müssen, dies oder jenes Beziehungsnetz pflegen müs­sen, verantwortlich zu sein für dies und jenes, was uns Rechenschaft abverlangt, über­fordert vor allem jene unter uns, die sich gerade nicht im Materiellen erschöpfen wollen, sondern wissen oder ahnen, daß ihr eigenes, wahres Leben nur in einem generell wahren Leben stimmig, gesund, erfüllt und damit glücklich verlaufen kann.

Zwischenbilanzen

Schließen wir aus all dem, daß der moderne (was heißen soll: Unter den Umständen moderner Industriegesellschaf­ten lebende) Mensch gerade noch mit Mühe und Not, wenn denn überhaupt, sein „äußeres“ Leben mehr oder weniger gut in den Griff bekommt, für darüber hinausreichende Aspekte seines Daseins jedoch kaum noch energetische oder gar schö­pferi­sche Kapazitäten erübrigen kann, so muß dies nicht unbedingt nur zu ne­gati­ven Schluß­folgerun­gen führen.

Betrachten wir zum Beispiel die vor­ge­nannten Beobachtun­gen aus dem Blickwinkel der Tatsache, daß jede Bilanz immer nur eine Zwischenbilanz ist, selbst im Geschäfts­leben [21]), sind wir flugs auf der Metaebene, also einen Schritt herausgetreten aus dem aktu­ellen Gesche­hen, das ja bekannt­lich fließt, unwieder­bring­bar zerrinnt, wie der vom Dichter zum Verweilen gebe­tene Augen­blick [22]) oder wie das in der Heisenbergschen „Unschärferelation“ definier­te, letztlich niemals zu lokali­sierende Elektron im Moment der Betrachtung schon wieder entschwunden ist.

Mein Lehrer, Mentor, Freund und in den 1980ern eng verbun­dener Geschäftspartner Prof. Horst Lange-Prollius brach­te die Einsicht, daß der status quo des Menschen als angeb­licher Kro­ne der Schöpfung nur eine Momentaufnahme sein kann, in dem von ihm zusam­men mit Prof. Hans Hass verfaßten Buchtitel auf den Punkt [23]).

Denn der Lebensstrom macht nicht halt im Heute, selbst der, den wir in unseren Tagen als „Menschen“ definieren“, war vor Jahrtau­senden ein anderer und wird auch in Jahrtausenden ein anderer sein.

Und aus dieser Sicht betrachtet, könnte auch die momentane Überforderung des heutigen Menschen als eine Zwischenstation, als ein Zwi­schen­­stadium betrachtet wer­den, könnte sie also wesentlich gelassener gesehen werden.

Von Irrtum zu Irrtum schreitet der Mensch dem Licht entgegen!

2012 ein entspanntes Leben zu führen, erscheint dann durchaus möglich, wenn wir uns zurücklehnen, uns als einge­bettet in ein großes, auf endlose Zeit ausgelegtes kos­misches Geschehen betrach­ten und gelegentliche Über­for­de­run­gen als das sehen, was sie sind: Zwischenstati­onen, Puber­tät, ein von der Raupe zum Schmet­terling mutierendes We­sen freilegend;

Denn wer den Schmetterling will, muß die Raupe in Kauf nehmen – was, im übertragenen Sinne, auch für den momen­tanen Zustand einer hektischen Gesellschaft gilt.

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[1]) Zum „Dämmerzustand“ s. Hermann Broch, Massenwahn­theorie, Suhrkamp 1979, S. 185 ff

[2]) Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter, Rowohlt 1976, S. 58

[3]) J.W.v. Goethe, in: Das Göttliche

[4]) Artur Schopenhauer, in: Philosophie, Universitätsphilo­sophie und meine Philosophie

[5]) Gehlen spricht von der „Apathie der Überfütterten“, Arnold Gehlen, ebenda

[6]) Hugh Lorenz, Adams Welt und Evas Antwort, http://www.hugh-lorenz.com/downloads/adamswelt.pdf

[7]) Am Beispiel schriftlich fixierter Verträge läßt sich aufzeigen, daß solche in aller Regel „eo ipso“ zum Schutze beider Parteien formuliert werden, aber erst durch ihre zunehmende Komplexität sich nur noch Fachleuten erschließen – so Gott will…

[8]) Lohhausen –Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität, Verlag Hans Huber (Bern) 1983

[9]) Dietrich Dörner, Die Logik des Mißlingens – Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt 1989

[10]) Original: “How to stop worrying and start living”, 1948 by The Chaucer press

[11]) Adam Smith, The wealth of nations, Buch 1, Kap. 11, Abt. 2 (SSM, S. 232)

[12]) Theodor W. Adorno, Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben

[13]) Albert Camus, in: Der Künstler und seine Zeit, eine Rede vom 14.12. 1957 an der Universität Uppsala

[14]) Helmut Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze zur Soziologie der Bundesrepublik. Goldmann 1979

[15]) Helmut Schelsky, ebenda,
S. 398

[16]) Karl Marx, Marx-Engels Werke, Bd. 13 S8, ff. Berlin 1973

[17]) Hermann Broch, Massenwahnpsychologie, S.275

[18]) Joseph Beuys, im SPIEGEL 23/1984

[19]) Club of Rome, bekannt geworden durch seinen ersten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ 1972

[20]) Bericht des Club of Rome 1991: Die globale Revolution, S. 122 und 129

[21]) Die Bilanz zum 31.12. eines Geschäftsjahres kann ja frühestens am 1. Januar des Folgejahres erstellt werden, so daß jede, auch eine sogenannte Schlußbilanz, niemals den Ist-Zustand eines Unternehmens spiegelt, sondern stets einen bereits der Vergangenheit angehörenden Zustand, was häufig übersehen wird.

[22]) „Werd´ ich zum Augenblicke sagen / verweile doch, du bist so schön! (…)“ J.W.v.Goethe, Faust

[23]) Hans Hass, Horst Lange-Prollius, Die Schöpfung geht weiter. Station Mensch im Strom des Lebens. Seewald Verlag Stuttgart 1978

Willkommen…

…bei meinem Blog, der sich auch als Forum für einen öffentlichen Gedankenaustausch jenseits von FACEBOOK versteht.

Themenschwerpunkte werden die sein, die auch meine tägliche Arbeit prägen:

  • Die Stärkung der Stellung des Individuums in der Gesellschaft
  • Der Paradigmenwechsel in unserem Menschen- und Weltbild
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  • Kritischer FaktencheckSchön, Sie hier begrüßten zu dürfen, noch schöner, Sie hier immer wieder zu treffen und einen Kommentar von Ihnen zu lesen – alle Kommentare werden von mir freigeschaltet (auch kritische, versteht sich!), sofern sie den Regeln des Anstands und des guten Tons entsprechen.In diesem Sinne grüßt
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    http://www.hugh-lorenz.com